Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228142--52353-3273143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
559 Beispiele vorangegangeii. Aber welche Ironie des Schicksals! Die Nation, welche der Herold der Toleranz für die Menschheit gewesen, müßte Jahrtausende hindurch unter dem Widerstreben der Völker, dieselbe ihrem hohen Wertste nach zu schätzen und willig zu bethätigen, am härteste» leiden und muß es erleben, daß jetzt, da schon alle Anzeichen darauf hiuzudeuten schienen, daß dasRecht endlich triumphiren werde, die Geißel der Intoleranz abermals über ihrem Haupte geschwungen wird, und nahezu der alte Klageruf Assaf's (Ps. 83, 5): „Sie sprechen: „Wohlan! Wir wollen sie vertilgen, daß Israels fürder nicht genannt werde," wieder zur puren Wirklichkeit wird. So wenig es aber damals und in allen folgenden Zeiten zur Wahrheit wurde, weil Israels Fortbestand bis zum Ende der Tage im Rathe des Höchsten beschlossen, so wenig wird es seinen Widersachern auch heut gelingen, ihre seindseligen Pläne gegen uns anszusühren; und weniger um unsertals um der Menschheit willen muß es rms tief schmerzen, daß sie von dem edelste» ihr vorgesteckten Ziele nochmals abirrt und erst auf langem Umwege ihm wieder zugeführt werden muß. Doch das Gute und Rechte muß und wird auch hier endlich siege», denn noch gilt, was der Prophet auf seiner Warle vernommen (Habakuk 2, 3): „Wenn es auch lange währt, harre doch sest darauf, denn wann die Zeit gekommen, wird es nicht ausbleiben." — Aus dem Leben König Karls I. von Rumänien. Von Theodor Braun. II. uch der Deutsche Reichstag nimmt sich nunmehr der rumänischen Juden an: 10./22. Mai 1872. Im deutschen Reichstage ist eine Debatte wegen der Stellung der Juden in Rumänien. Der Vorstand der Synagogengemeinde zu Lyk in Ostpreußen hat eine Petition an den Reichstag gerichtet, das Deutsche Reich möge seinen Einfluß geltend machen, um den Judenverfolgungen in Rumänien ein Ende zu machen. Der Abgeordnete Dr. Bamberger schildert die mißliche Lage der Moldauer Israeliten und erklärt es für die Pflicht der Westmächte, dieselbe zu verbessern. Abgeordneter Miquel ist trotz aller Sympathie für die Suchender bedrängten Juden doch der Ansicht, daß man sich hüten müsse, zu weit zu gehen in dem Bestreben, den Juden zu helfen, weil dadurch deren Lage noch verschlechtert werden würde. In keinem Lande sei die Regierung so schwach wie in Rumänien, und durch fortwährende Mahnungen würde man die auf ihre Selbstständigkeit sehr eifersüchtigen Rumänier noch mehr gegen die Juden und schließlich sogar gegen ihren deutschen Fürsten erbittern. — Abgeordneter Lasker spricht im Sinne Bambergers; Bundeskommissar Hepke dagegen; v. Bunsen schließt sich der Auffassung Miquels an und weist nach, daß von 1866 bis 1872 keine Judenverfolgungen in Rumänien vorgekommen sind. Schließlich wird aber der Antrag Bambergers angenommen: „Der Reichstag wolle beschließen, unter Anerkennung der bisher vom Reichskanzler in Sachen der rumänischen Juden gethanen Schritte, den Reichskanzler aufzufordern, auch ferner, wie bisher, bestrebt zu sein, alles zu thun, was nach der Sachlage statthaft ist, um für die Zukunft der Wiederholung ähnlicher Vorkommnisse vorzubeugen. Endlich heißt es am 27. Mai/8. Juni 1872. Die Aufregung über die Judenangelegenheit fängt an, sich zu legen; trotzdem sendet der Fürst den Minister Costa- Foru nach Konstantinopel, damit er dort persönlich die entstandene Mißstimmung beseitigt. Seinem Vater schreibt aber der Fürst: 17 /29. Juni 1872. . . . Uebrigens habe ich Costa-Foru keineswegs, wie die Zeitungen wissen wollen, allein wegen der Judenfrage nach >ionstantinopel geschickt. Fürst Karl Anton antwortet seinem Sohn: 23. Juli/4. August 1872. ... Die Judenangelegenheit ist augenblicklich ein fis-aller, in Ermangelung anderer politischer Ereignisse; sie wird im Sande verrinnen und ist in Deutschland durch die Jesuiten- und Ordensfragen bereits von der Tagesordnung verdrängt. . . Das war aber eine falsche Hoffnung, denn schon nach drei Monaten wird berichtet: 24. Oktober/15. November. In Brüssel ist ein Judenkongreß zusammengetreten, der für die Glaubensgenossen in Rumänien die politischen Rechte zu fordern beabsichtigt. Nun kommt das Tagebuch mit einer sehr interessanten Meldung: 24. Dezember/5. Januar 1873. Seit einiger Zeit schon trägt sich der Fürst mit dem Plane, sein Land von den unwürdigen Banden zu befreien, die cs an die Türkei fesseln; er ist der Ueberzeugung, daß Rumänien der Bevormundung durch die Hohe Pforte nicht mehr bedürfe. Die Erregung, die ein solcher Schritt in Europa Hervorrufen würde, hofft er durch die gleichzeitig vorzunehmende Regelung der Stellung der rumänischen Judm beschwichtigen zu können. Diesen Plan durchkreuzt aber die rumänische Kammer durch ein Gesetz über die Schanklizenz auf dem platten Lande. Am 16./28. Februar 1873 schreibt Fürst Karl feinem Vater: „In den Zeitungen klagt man uns wieder der Judenverfolgung an weil das neue Gesetz über die Schanklizenz verbietet, daß ein Jude in einem Dorfe einen Ausschank halte. Es ist dies eine vernünftige Maßregel, und wir sind entschlossen, hierin jede Reklamation und Intervention zurückzuweisen. Man muß die Dörfer in der Moldau kennen, um beurtheilen zu können, welch' schädlichen Einfluß der Jude durch seinen gefälschten Branntwein auf die Landbevölkerung ausübt. In Polen und Ungarn, wo der Jude alle sonstigen Freiheiten genießt, ist es ihm bis heute noch nicht gestattet, eine Dorfkneipe zu halten, — mit vollem Recht! — Bedauerlich ist dagegen, daß man in Rumänien den Juden auch vom Tabaksverkauf ausgeschlossen hat, denn dadurch hat man ihn zum ärgsten Contrebandier gemacht!" Man darf darauf gespannt sein, ob die Aufzeichnungen aus dem Leben des Königs von Rumänien auch über das Jahr 1873 hinaus werden fortgesetzt werden. Sollte dies der Fall sein, so werden wir jedenfalls nicht verfehlen, das für unsere Leser Interessante aus diesem Memoirenwerke alsbald wieder mitzutheilen. w —-- — l-, I 1 FEUILLETON 1 3 rraiminwimm zKlnmlUlmfflll st MiMMtMlitMMMMlllWMUMMMMMlMIMUIWMllMAMMlMtWMbfLÄ --as--1 —I ■IMWMKgy Leib Werhnachtskuchen/und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetznng.) fa fallt ihr Hilfe in der Nvth. Eine lange Reihe non Lastkarren zog vorbei, jeder mit einem riesigen Baiimstaini» beladen; die Kutscher, jüdische Fuhrknechte, gingen peitscheukiiallend nebenher. Auf dem letzten Karren saß der Aufseher des Zuges, Hirschele Krakauer, ein Angestellter der Dampfsäge. Frau Chane kannte ihn wohl und rief ihn au. Er ließ sofort halten und machte ihr einen Sitz neben sich zurecht. „Das trifft sich gut," sagte der freundliche, schwatzhafte Mann. „Mau verlernt ja sonst ordentlich das Reden. . . Also nach Halicz wollt Ihr? Am Eud' gar —er kniff die Augen zusammeil und blinzelte sie schelmisch an. „Was meint Ihr?" fragte sie.