Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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558 in der Person des Herrn Amtsgerichtsraths Levy in Beuchen O.-S. ein unermüdlich treuer Helfer zur Seite gestanden. Diese wackern Männer »nd Führer ihrer Gemeinden haben mit unverdrossener Energie den Ban der Anstalt gefördert und ihn zu schnellem Gedeihen geführt. Sie liegt inmitten eines etwa drei Morgen großen Terrains; vor ihm ein wohlgepflegter Ziergarten, hinter ihm ein Spielplatz mit angrenzendem Gemüse- und Obstgarten. Angenehm berührt den Beschauer die zweckmäßige Vertheiluug von Licht und Luft, wohlthuend die in allen Räumen herrschende peinliche Reinlichkeit. welche der Anstaltsleiter als oberstes Prinzip des Gedeihens betrachtet. Wir treten in die einzelne» Zimmer ein. Sie sind hoch und geräumig, »nd entsprechen de» weitgehendsten sanitären Anforderungen. Die Wände der Arbeitssäle sind mit passenden Sinnsprüchen versehen und dienen einerseits als Schmuck, um die Aufenthaltsräume wohnlich und heimisch zu machen und jeden Schein klösterlicher Abgeschiedenheit zu meiden, andererseits sollen sie die Zöglinge zum Guten hinleiten, sie trösten und stärken. Der Anstaltserziehung sind z. Z. 25 Zöglinge überwiesen, denen eine auf religiöser Grundlage aufgebaute Erziehung zu theil wird. Die Anstalt will sie zu guten religiösen Menschen heranbilde», die treu halten zu ihrem Gott und zum angestammten Glaube», treu zum Vaterlande und ihrem Herrscher stehen, die brauchbare Glieder werden sollen in der Kette der menschlichen Gesellschaft. Und welch' schönes Verhältniß besteht zwischen Erzieher und Zöglingen! Alis den gegenwärtigen Anstaltsdirektor Herrn Katz blicken sie mit kindlicher Liebe und Verehrung. Er hat sie in sein Herz und sie ihn in das ihrige eingeschlosien. Welch' liebevoller Ton in der Unterhaltung; wie sind die Gemüther so empfänglich für aste gelten Lehren, die ihnen eingepflanzt werden! Jeder unbefangene Beobachter hat die Empfindung, daß sich die Zöglinge in der Anstalt überaus wohl fühlen; denn hier haben sie gefunden, was das rauhe Geschick ihnen entrissen: Liebe, Elternliebe, luid das kindliche Gemüth verkennt,dasj,.nicht und bethätigt seinen Dank in treuester, hingebendster Anhänglichkeit an den väterliche» Direktor und seine mütterlich liebevolle Gattin. Spärlich bemessen sind leider die Mittel, ans welchen die segensreich wirkende^Anstalt unterhalten wird. Daß sie auf der Höhe der Zeit steht und Hervorragendes leistet, das hat der Ausspruch des Fürsten v. Hatzfeldt, Oberpräsidenten der Provinz Schlesien, bewiesen, welcher, wie bereits gemeldet, vor einigen Wochen die Anstalt mit seinem Besuche beehrte. Und so sei denn dieser Artikel mit einem Appell an die nimmer rastende jüdische Wohlthätigkeit geschloffen. Ihr lieben Schlesier in allen Gauen unseres großen deutschen Vaterlandes, wendet auch dieser Anstalt Euer Wohlwollen, Eure Liebe, Euer Interesse zu und Euch wird das beglückende Bewußtsein zu theil werden, im Dienste der Humanität Segensreiches mitgeschaffeu zu haben. Israelitische Toleranz. Von Dr. M. Stern. f er ausgesprochene Gegensatz, in den der Mosaismus gegen das gesammte Heidenthnm durch seine entschiedene Negirung jeder Gottheit außer dem Einig-Einzigen trat, machte es für ihn zur Lebensfrage, jede Vermischung lind allen intimen Verkehr Israels mit den fremden Nationen so sorgfältig als möglich zu verhüten. Wie unerläßlich darum seine oft wiederholte Anordiiling war, die in rohesten Götzendienst und gröbste Unsittlichkeit verallenen kanaanitischen Stämme völlig zu vertreiben oder zu vertilgen, beweist der von den Zeiten der Richter bis zum babylonischen Exil fast ununterbrochen sich wiederholende Rückfall des Volkes und seiner Herrscher in heidnischen Kultus und dementsprechende sittliche Entartung. Es war eben jenes Gebot n»r theilweise befolgt und durch Umgang und Verschwägerung mit den übrig gelassenen Heiden die Annahme ihrer Unsitten und durch diese Untergrabung des religiös-moralischen Fundaments der Untergang zuerst des israelitischen und daun auch des jüdischen Staates nebst seinem Heiligthum auf Moriah herbeigefiihrt worden. Desto anerkennenswerther ist bei der absoluten Nothwendigkeit jener Vorsichtsmaßregel — zumal im Vergleich mit der engherzigen, ja vielfach grausamen Denk- und Handlungsweise aller anderen, sowohl hochgebildeten als nnzivilisirten Völker des Altecthums den Nichtnationalen gegenüber — die im mosaischen Gesetz den Fremdlingen gegenüber zur Norm erhobene Humanität, wie sie sich in den immer wiederkehrenden Satzungen: Ein Gesetz und ein Recht soll für euch und den Fremden in eurer Mitte gelten; du sollst den Fremdling nicht drücken und bedrängen, denn ihr wäret selbst Fremdlinge im Lande Aegypten und wißt, wie einem solchen zu Muthe ist; du sollst ihn vielmehr lieben wie dich selbst (!) n. s. tu., als auch in der strengen Bestrafung von Mißhandlung selbst eines heidnischen Sklaven (Exod. 21, 20. 26 f.) und dem Verbot, einen solchen seinem harten Herrn ausznlieferu, ihn vielmehr ans's Wohlwollendste zu behandeln (Deuteron 23, 16 f.), und endlich in der auch ihm gewährten Sabbathruhe (Zehngebot n. Exod. 23, 13: damit der Sohn deiner Magd »nd der Fremdling sich auch erhole), unverkennbar wiederspiegelt. Hätten die aus dem Mosaismus hervorgegangenen Religionen ihre Bekenner dahin zu erziehen vermocht, daß sie nicht von falschem Glaubenseifer und anderen noch unedleren Motiven angefacht, jene edelste Bethütigung der Nächstenliebe gar so oft aus den Augen gesetzt, das Judenthum hätte die Dornenkrone des Martyriums nicht so lange und so schwer getragen, und am wenigsten wäre der so viel gepriesene Kulturfortschritt unserer Zeit durch die „Schmach des Jahrhunderts" entehrt worden. Ob die in majorem Dei gloriam zu Haß und Verfolgung bis miss Blut ausstachelnden Fanatiker der Gegenwart dessen nicht endlich werden inne werden, in welchen, aller Logik spottenden Kontrast sie sich mit der Religion der Liebe sowohl als auch mit den um anderthalb Jahrtausende älteren Weisungen ihrer Mutterreligion setzen? Ich möchte vermeinen: über kurz oder lang so sehr, daß schon die nächste Generation auf das Wiederauftaucheu einer solchen Periode in unseren Tagen mit Staunen lind Erröthen zurückblicken wird. — Daß die Israeliten jene humanen Gesetze sogar über das rechte Maß hinaus befolgten, ist oben schon bemerkt, und noch zur Zeit des zweiten Tempels mußten Esra und Nehemia, um den Fortbestand der Theokratie nicht gefährden zu lassen, der zu großen Intimität mit den Heiden energisch entgegenlreten, ohne damit jedoch den friedlichen und freundliche» Verkehr mit dm Fremden im Handel und Wandel beeinträchtigen z» wollen. Diese tolerante Gesinnung ist darum den Israeliten förmlich zur Natur geworden, und sowohl in als außer Palästina, wenn sie Herren oder Untergebene waren, lag es niemals an ihnen, wenn jenes ihrerseits gepflegte freundnachbarliche Verhältniß in sein Gegentheil umschlug. „Wer kann in Ruh' und Frieden leben, wenn es dem — Nachbar nicht gefüllt?" — Es ist von Psychologen und Moralphilosophen schon oft und mit Recht als Maxime aufgestellt worden, daß das Höheumaß der geübten Toleranz der beste Gradmesser für die von einer Nation erklommene Kulturstufe sei, und es könnte uns mit Stolz erfüllen, daß Israel darin allen alten ivie vielen neuen Völkern in Theorie und Praxis von jeher mit dem besten