Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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557 Soferim zu Stande gekonunen. Diese Arbeit, unentbehrlich für Alle, die sich, mit biblischen Forschungen, insbesondere mit der Geschichte des biblischen Textes beschäftigen, mochte seinen Nomen in weiteren Kreisen bekonnt. Es zeugt von einem seinen wissenschoftlichen Takte, doß er eben diese Schrift, in welcher dos Meiste von dem entholten ist, was sich in der tolnnldischen Litteratnr auf die Geschichte des heiligen Textes bezieht, zur Heroilsgabe gewählt und mit ausführlichen Erläuterungen versehen hat. Mit dieser Schrift begann für ihn eine Zeit erfolgreicher litterarischer Thätigkeit, welche ihm eine ehrenvolle Stelle in der Geschichte des Talmudstudiums sichert. Er gehörte zu jener kleinen Schaar von Männern, die noch dem Vorgänge Krochmals, Geigers, Frankels und Anderer eine Verjüngung des Talmndstudinms durch die mehr oder weniger vollkommene Anwendllng der historisch - kritischen Methode onstreben. Diese seine Richtung körn ober nur in seinen Vorlesungen an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndenthnms zum Ausdruck. Er Hot wohl Schriften veröffentlicht, die für die Kenntnis; der talmudischen Zeit von Interesse [iitb, handelte in einer besonderen Schrift von den Briefen und Responsen des talmudischen Zeitalters, er lieferte auch eine Ausgabe der Zusammenstellung von Abweichungen zwischen den babylonischen und palästinischen Inden, welche für die Geschichte der Halocho Don besonderer Bedeutung ist, seine litterorische Thätigkeit bewegte sich ober hauptsächlich ans dem Gebiete der Geschichte des Talmndstndinms. Es war schon vor ihn! wohlbekannt. wie das Tallnudstndinm zur Zeit der babylonischen Schnlhänpter (8.—II. Jh.) von Babylonien ans einerseits über Nordafrika und Spanien, andererseits über Italien noch Deutschland und Frankreich sich ansbreitete, aber von manchen der ältesten Vertreter des Talmndstudiulns in der Diaspora waren nur der dünne und einrge zerstreute Bemerkungen bekannt. Durch eine Reihe werthvoller kritischer Editionen und Bearbeitungen! von Responsen, welche von feiner großen Belesenheit auf diesem j schwierigen Gebiete zeugen, bereicherte nun Dr. Müller unsere! Kenntnis; jener Zeit. Eine genauere Kenntnis; derselben ist aber > umso wichtiger, weil die Ausbreitung des Talinndstndiums in der Diaspora gleichbedeutend war mit der Hebung und Festigung des religiösen Lebens, mit der Einführung eines regeren geistigen Lebens bei den Juden mid) in solchen Ländern, wo sie von ihrer Hingebung , zu leiden hatten.! Ein weiterer Umstand, der den Forschungen Dr. Müllers einen j besonderen Werth verleiht, ist, daß es außer allem Zweifel steht, vaß das Judenthum und die Bildungsfähigkeit der Inden nur durch die energische Arbeit der Gesetzeslehrer erhalten geblieben ist. Tie Anfänge dieser Arbeit in der Diaspora haben wir aber durch Müllers Schriften genauer kennen gelernt. Ileberdies enthalten die von ihm veröffentlichten Dokumente viele in anderer Beziehung wichtige Daten. Sein Hauptwerk auf diesen! Gebiete ist seine Einleitung in die Responsen der babylonischen Gaonen. Die j Gutachten, welche hierin von; ihm behandelt werden, sind in einer l Anzahl von Sammlungen in lvirrem Durcheinander gedruckt, so daß! es mit großen Schwierigkeiten verbunden war, auf Grund derselben j von den einzelnen Schulhäuptern und ihrer Wirksamkeit ein klares j Bild zu gewinnen. Müller brachte nun Ordnung in diese Masse, er untersuchte den Ursprung der einzelnen Sammlungen, ordnete and sichtete mit kritischen! Sinne die Gutachten, welche einem jchen einzelnen Schnlhanpte znzuschreiben sind, so daß nun das gesammte litterarhistorische und kulturgeschichtliche Material leicht zu benutzen ist.' Dr. Müller war auch als Rabbiner und Regionslehrer thätig, ans welcher Wirksamkeit eine Anzahl von Predigten hervorgegangen und, durch welche nur ebenso urie durch manche seiner Borlesnngen auch sein Gefühlsleben in vorteilhafter Weise kennen lernen. Aber mehr als seine gelehrten Arbeiten und seine Verdienste als Lehrer und Prediger machten ihn lieb und werth Allen, die ihm nähergetreteu sind, die Einfalt seines Herzens und die Milde seines Wesens. Unvergeßlich wird allen seinen Freunden bleiben die wohlwollende Gesinnung, welche er ihnen, besonders aber seinen Kollegen und Schülern gegenüber, stets bekundet hat. Die Wissenschaft des Judenthums ist die treue Hüterin der geistigen Güter unserer Genieinschaft. Sie hat vor Vergessenheit und Trübung die Ideen zu bewahren, welche mit dem Judenthnm in die Welt eingetreten sind, sie wacht über das Schriftthum, in welchem die Lehrer der Synagoge die Früchte ihres geistigen Schaffens niedergelegt, sie sichert auch das Andenken Derjenigen, welche der jüdischen religiösen Wahrheit treu und selbstlos gedient haben. Sie wird auch das Andenken und das Lebenswerk Joel Müllers dankbar bewahren. "ch" Bas sberschtefische jüdische Waisenhaus in Nytmik. Von Lehrer A. Braun in Beuthen O.-S. nbegrenzt wie die Liebe ist das Gebiet der jüdischen Wohlthätigkeit. Die Betätigung von Gemiluth chassodim ist dein Bekenner des einzigen Gottes eine hohe und hehre Pflicht; sie ist ihm heilig wie der Urquell der göttlichen Lehre, welche liebe- und erbarmungsvolles Sichannehmen Derjenigen fordert, welche des Geschickes rauhe Hand hilflos, elend und verlassen geniacht hat. Und wahrlich — das Judenthum ist sich dieser Pflicht wohl bewußt gewesen und das Bewußtsein dieser Pflichterfüllung lvird nicht wenig geschärft durch die zunehmende Verbreitung von der Kenntnis; der Geschichte Israels und der seiner Leiden. Es ist kein Phantom, das jüdische Herz, lvelches typisch geworden ist in der Gestaltung der privaten und öffentlichen Wohlthätigkeit, das mitleidsvoll schlägt, wo es gilt. Thräuen zu trocknen, Wunden zu heilen oder doch lindernden Balsam in dieselben zu träufeln. Unter den hohen Aufgaben, welche die vielen israelitischen Wohlthätigkeitsvereine n. A. sieh gestellt, ist keine so bedeutungsvoll, wie die Fürsorge für die Waisen. Welch' großartige Schöpfungen diesen! edlen Streben entsprossen sind, dafür zeugt mancher Artikel in dieser geschätzten Zeitung, Zeugnis; ablegend zugleich von der hohen und edlen Gesinnung der Schöpfer der Waisen-Anstalten. Rur zu wahr ist das Dichterwort: Ein großes Muster weckt zur Nacheiferung und giebt dein Urtheil höhere Gesetze. Tenn was großen Geineinden mit wohlbemitteltern Mitgliedern gelungen, das gelang auch kleineren Gemeinde - Verbänden — dank dem wohlthütigen Sinn ihrer Angehörigen, der Opferfreudigkeit und dem Edelnnith Derer, welche sich mit der hohen Aufgabe der Waisenpslege rührig befaßt und ninnnernlehr geruht haben, bis ein großes Werk barluherziger Menschenliebe erstanden war. Ein solches ist nun das oberschlesische jiidische Waisenhaus in Rybnik. Hart an der Grenze zweier mächtigen Reiche liegt dieses Städtchen in einen! anmnthigeu Thale. Wendet mau den Bahnhof verlassend seine Schritte links, so fällt den! Passanten sofort ein unansehnlicher Bau auf. dessen Inschrift in Goldbuchstaben seinen Zweck kündigt „Israelitisches Waisenhaus". Es ist ein Denkmal des Edelmnthes und der Opserfrendigkeit des oberschlesischen Synagogen- Gemeinde-Verbandes, ein Zeugnis; von den! edlen Streben wackerer Männer, welche den! Verbände angehören. Seine Entstehung verdankt es der Initiative seines verehrten Präsidenten, des Herrn Sanitätsrath Dr. Freund in Gleiwitz, den!