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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-22 · Heft 47 (22.11.1895) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 als Gegner aller Sitte, aller Ehrlichkeit, aller Treue sich erwiesen haben; aber für das Vaterland und für die öffentliche Moral sollten wir den Kummer mit) die Trauer Mitempfinden, das; solche Menschen überhaupt im Lande den Ton angeben. Ertönte der Laut unseres Hohnes allzu scharf und grell, so könnte sich erfüllen, lvas in der Schrift zu lesen ist, daß wir dadurch das Mißfallen Gottes erregten, das; der Ingrimm des Volkes, der jetzt auf diese Sünder gerichtet ist, sich von diesen abwenden möchte. Zu trinmphiren ist Denen erlaubt, die selbst etwas Großes geleistet, die selbst Siege errungen haben; wenn aber der Gegner sich vernichtet buvd) Thorheit und Sünde, so schwächen wir durch unsern Hohn nur die Wirkung der Niederlage, die er sich selbst bereitet hat. In dem Schriftworte, in welchem uns das Leben IsakS, unseres Erzvaters, gezeichnet wird, haben wir mannigfache Belehrung darüber, wie ein verständiger und sittlicher Mensch auch innerhalb einer feindseligen Umgebung seine Würde wahrt und selbst dem Widerwilligen Achtung abringt. Die Philister riefen dem Isak zu: „Wahrlich, Du bist ein von Gott Gesegneter." Nicht seinen Reichthum priesen sie, sondern sie sahen, daß an diesem Besitz kein Makel haftete, daß seine Diener dem gütigen Herrn treu ergeben waren, das; Rebekka fromm und gastlich ihr Hans verwaltete, und diese Heiden erkannten: das ist ein Segen, der von Gott kommt, der nicht nur Glanz, sondern auch Glück bringt. Isak war kein überlegener Geist; hätte ihm Abraham nicht den Weg gebahnt, er hätte ihn schwerlich unter den Fremden gefunden, er folgte überall den Spuren des geistgewaltigen Vaters; den Abraham nannten die Philister einen Fürsten Gottes, den Isak einen Gesegneten Gottes, so haben sie geschickt den Unterschied bezeichnet, der zwischen diesen Männern bestand. Aber wie Abrahams Geistes- und Eharaktergröße einst die Kauaniter bezwang, das; sie sich vor ihm beugten, so hat auch Jsaks schlichte Tugend ihm endlich die Herzen Derer gewonnen, die ihm anfangs widerstrebten. Auch Isak, dem treuen und guten, wurde die Gottesstimme im Gemüth vernehmbar, die ihm den rechten Weg wies. Eine Hungersnot!), jene so häufige Plage der alten Zeiten, brach im Lande ans; als Abraham einst unter dem gleichen Hebel litt, da war er nach Aegypten ausgewandert; er fühlte sich noch nicht so sehr an Kanaan gebunden, in das er erst als älterer Mann gekommen war; anders Isak, er war hier geboren, er hatte hier seine Jugend verlebt, so vernahm er, als die Roth hereinbrach, den Ruf Gottes: Trenne dich nicht von diesem Lande und diesem Volke, dn gehörst zu ihnen, ob sie dir auch unfreundlich begegnen. Deine Aufgabe bleibt es, dich hier einzuwurzeln und feindseligen Sinn zu überwinden. Der Talmud giebt auch die Ursache an, wodurch Isak, der schlichte und einfache Mann, sich Wohlstand und "Achtung zugleich erworben hat. Da heißt es: „Wer sich nicht zum Diener seines Dieners macht, der hat gar keinen Diener." Der Herrische und Hochfahrende, dem dienen die Menschen um Sold, er kann auf sie nicht zählen in der Stunde der Gefahr; er hat ihre Hand, aber nicht ihr Herz; wie hätte sich Isak halten können, wenn er nicht treue Menschen um sich gehabt hätte. Aber wie schon Abraham den Elieser, den treuen Knecht, als seinen Hausgenossen betrachtet hatte, so war Isak, ob auch die Knechte nicht seines Stammes und nicht seines Glaubens waren, um sie besorgt und bemüht, er war gleichsam, lvie der geistvolle Ausdruck des Talmud lautet, der Knecht seiner Knechte; so hatte er an ihnen eine feste Schutzwehr. Zuerst freilich erregte der Erfolg des Isak den Neid; was thut er gegen diese Mißgunst? Er trotzt nicht, er zankt nicht, sondern geht den Leuten aus dem Wege: verschütten ihm die Philister die Brunnen, die er gegraben, so fängt er keinen Streit an, so läßt er lieber sich das Unrecht gefallen, er gräbt neue Brunnen und ermüdet die Gegner durch seine Geduld und seine Friedfertigkeit. Und endlich kommt für Isak die Stunde des Sieges, wo die, die ihn Anfangs verdrängt hatten, ihn anfsuchen und um seine Freundschaft buhlen und ihm znrnfen: „Tu bist der von Gott Gesegnete". Ohne alle Kunst, ohne alle Schliche, nur durch seine Gradheit, durch seine Zurückhaltung, durch die Gelassenheit und Versöhnlichkeit, die er selbst gegenüber dem offenbaren Unrechte bewahrte, durch die Treue gegen Jedermann, auch gegen den Knecht, erwies er sich als ein echter Sproß Abrahams und wandelte den Neid in Wohlwollen, und die Kauaniter erkannten, das; es ein Segen für das Land sei, wenn ein Isak in ihm wohne. Noch heut kann Jsak's Verhalten für ganz Israel ein Vorbild sein. Treu sich dem Lande verbunden fühlen, in dem wir geboren sind, sich in der Stunde der Noth nicht von ihm trennen, sich zurückhalten, mild, nachgiebig und versöhnlich sein, auch wenn Diejenigen, unter denen wir leben, zuweilen Recht und Rücksicht vermissen lassen, das können wir von Isak lernen. Was ist das für eine armselige Freude, wenn unsere Feinde fallen in den Abgrund des Unheils, in den tiefen Abgrund der Schuld! Was wäre das für eine reine Freude, wenn unsere Gegner, beschämt ob ihres grundlosen Mißtrauens, besiegt durch unsere Treue und unsere Nächstenliebe, ansriefen: Wahrlich, ihr seid die von Gott Gesegneten! Ar. Joel Müller. Von Dr. Martin Schreiner. on aufrichtiger Trauer wurden Alle ergriffen, denen die Wissenschaft des Judenthums am Herzen liegt, als am <>. d. M. die Kunde sich verbreitete, daß Dr. Joel Müller, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Indenthums, hingeschieden ist, denn in ihm hat der Rathschluß der Vorsehung einen Alaun abberufen, der in einem wechselvollen Leben seiner Wissenschaft mit außerordentlichem Fleiße und mit der größten Hingebung gedient hat. Tief war aber der Schmerz Derjenigen, die dem treuherzigen Manne persönlich nahegestanden und seine Vorzüge kennen gelernt hatten. An sein Leben und Schaffen sollen die folgenden Zeilen erinnern. Joel Müller wurde im Jahre 1827 in Nngarisch-Ostra, in Mähren, geboren, wo sein Vater Rabbiner war. Es war eine Zeit, wo in diesein Laude das Talmudstudium eifrig gepflegt wurde und die talmudischen Schulen der hervorragenderen Rabbiner noch in Blüthe gestanden haben. Schon früh wurde er in das Talmudstudium eingeführt, dem er besonders in Leipnik obgelegen hat, und nachdem er in Wien seine Ausbildung vervollständigte, wurde er an Stelle seines Vaters, der inzwischen verstorben ist, zum Rabbiner gewählt. Von hier aus folgte er einem Rufe der jüdischen Gemeinde in Böhmisch Leipa, wo er den Grund legte zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten, die er später veröffentlichen sollte. Seine Stellung scheint ihn aber nicht ganz befriedigt zu haben, denn nachdem seine Mittel es gestatteten, übersiedelte er nach Wien, wo er mehrere Jahre verlebte. Hier trat er zu Dr. Jellinek in Beziehung, der auf alle Gelehrten, die mit ihm in Berührung kamen, anregend zu wirken verstanden hat. Auch auf die wissenschaftlichen Bestrebungen Müllers scheint er einen großen Einfluß ausgeübt zu haben, wofür die Treue und Dankbarkeit zeugt, welche Müller bis an sein Lebensende ihm bewahrt hat. Während seines Wiener Aufenthaltes ist auch das erste bedeutsame Werk Joel Müllers, die kritische Ausgabe des Traktates

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