Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- Seite 555 (sequence 3)
- Language
- German
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555 gehakte», daß die Einsetzung einer genuschen Kommission, zumal unter Zuziehung von Mitgliedern ans den Kuratorien der Waisenhäuser,, etwas Verletzendes und Beleidigendes für die Mitglieder der Waisenkonimission in sich berge. Vom Vorstandstische wurde dagegen jede solche Absicht auf das Entschiedenste bestritten. Nach längerer Diskussion wurde der Antrag aus Erhöhung des Zuschusses um je 5000 Mark einstimmig angeuommen. Bezüglich des weiteren Antrages der Kommission fand eine namentliche Abstimmung statt, in welcher derselbe mit 11 gegen 8 Stimmen angenommen wurde. Hiermit ist der gewichtige Antrag des Vorstands gefallen. Zu Punkt 5, dem interessantesten der Tagesordnung: Einsetzung einer gemischten Vorberathungs - Kommission betreffend die Verhandlungen mit der Reformgemeinde, referirte Herr Geheimrath Dr Kirstein. Als Grundlage für die Fusion mit der Gemeinde stellt die Reformgemeinde die Forderung auf, daß ihr bindende Garantien für die dauernde Aufrechterhaltung ihres Kultus gegeben werden. — Die Versammlung erklärte sich in Uebereinstimmung mit dem Ausschuß bereit, in die bezüglichen Verhandlungen einz utreten, vertagte jedoch die Einsetzung der gemischten Kommission bis zum Januar, da durch das bevorstehende Ausscheiden der Hälfte der Versammlung die heutige Nominirung der Mitglieder der Konimission nicht praktisch erscheint; der Vorstand erklärte sich ausdrücklich hiermit einverstanden. — Wer Ohren hat, der höre! Wehamaskil jedom! Punkt 6 der Tagesordnung, Antrag des Herrn Manheinier, betreffend Einsetzung einer vorberathenden Kommission für die Besetzung vakanter Ehrenämter in den Verwaltungs- Kommissionen, wurde angenommen. Zum Schluß genehmigte die Versammlung noch in großherziger Weise eine Mehrausgabe von 317 Mark für Speisung von Gefangenen an den hohen Feiertagen. Dann schloß die öffentliche Sitzung. In der darauf folgenden geheimen Sitzung wurden, wie wir vernehme», u. A. die Anstellungs-Verträge mit den Rabbinern Dr. Stier und Dr. Weisse auf fünf Jahre verlängert und Herr Buchhändler Hugo Heymaun zum Rendanten für das Erziehungshaus „Pankow" gewählt. L'e8t tont! * Die Repr äsen tauten-Wahlen in der jüdischen Gemeinde stehen vor der Thür — und die Wahlversammlungen wie die Flugblätter und Kandidatenlisten folgen einander auf dem Fuße. Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß diese Wahlen eine über das Lokalereigniß hinausgehende Bedeutung haben, da Berlin ja doch nun einmal die Führung im deutschen, wenigstens im norddeutschen Gemeindeleben hat. Entsprechend dem Grundsatz, den wir seit jeher vertreten, dem Grundsatz nämlich, daß alle religiösen Richtungen innerhalb der Gemeinde zu ihrem Rechte kommen müffen, und daß nur so der^Friede und die Einigkeit zu erreichen seien, deren wir jetzt mehr als je bedürfen, können wir nur den Sieg der Kandidatenliste des „liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" von Herzen wünschen, weil dieser Verein jenen Grundsatz auf seine Fahne geschrieben, und weil dessen Kandidaten sich bereits im öffentlichen wie im Gemeindeleben erprobt haben als Männer, die ihr Judenthum lieben, die aber auch die Bedürfnisse der Zeit kennen und die deshalb dem religiösen Fortschritt huldigen. Mögen Alle, denen das Wohl des Jndenthums und die Zukunft der Berliner Gemeinde am Herzen liegt, an der Wahl sich betheiligen — dann kann der Sieg den Prinzipien nicht fehlen, die ja doch siegen müssen, auch wenn sie einmal unterliegen, weil ihnen die Zukunft gehört. Aeber die Schadenfreude. Von Rabbiner Dr. B. Rippner. J,p§ ist naturgemäß und berechtigt, daß wir uns freuen, wenn O) bösen und gewaltthätigen Menschen, die lange Zeit argen Schaden angestiftet haben, die Kraft zu schaden, gebrochen wird; ist es nicht ein Segen, wenn der Schlange, die mit ihrem Biß so manches fröhliche Dasein zerstört hat, der Giftzahn ausgestoßen wird, daß sie nicht mehr zerstören kann? Soll es nicht mit Genugthuung erfüllen, wenn der Zahn der Verleumdung, die sich an das Schönste und Edelste gewagt, die an dem Rufe der Besten genagt hat, endlich abgestumpft wird? Aber gerade bei diesem Frohgefühl über den Sturz der Bösen naht sich eine für unser sittliches Leben gefährliche Versuchung; die Schadenfreude, daß Einem, der uns weh gethan, weh geschieht, ist etwas ganz Anderes als jene hohe und reine Empfindung, daß das Unrecht ohnmächtig geworden, daß die Verleumdung entlarvt worden. Schadenfreude ist eine feige und häßliche Empfindung. Zu schwach oder zu ängstlich, um selbst den Kampf anfzunehmen, freut sich der Schadenfrohe, gleichsam wie aus dem Hinterhalt, wenn das Schicksal den Gegner heimsucht und niederstreckt. Es gab unter den Talmudweisen einen, Namens Samuel, den das Volk wie einen Heiligen verehrte, der würdig schien, daß der heilige Geist auf ihm ruhte. Als mm einst in seinem Zeitalter Verleumdung gegen Israel und seinen Glauben keck das Haupt erhob, verfaßte er, heftig erregt, für das tägliche Gebet eine Formel, welche diesen Verleumdern und Verwüstern alles Unheil wünschte. Als er jedoch nach Jahren seine eigene Formel vortragen sollte, da hatte er sie vergessen, da wollte er sie vergeffe», denn es war ihm schmerzlich, daß er seine Kraft geliehen hatte, um seine Nebemnenschen, und wären sie auch die schlimmsten, 31t verwünschen, und häufig führte er das Schriftwort im Munde: „Wenn dein Feind füllt, freue dich u.cht, wenn er strauchelt, so juble nicht dein Herz, daß Gott es nicht sehe, und er ihm mißfalle, und er von ihm seinen Zorn wende." Freue dich, wenn der Feind des Rechtes fällt, aber verwechsele deine enge persönliche Feindschaft nicht mit diesem Kampfe um das Recht: auch wenn du selbst Unrecht leidest, und dein Widersacher fällt, so grübele nicht darob, daß dein Gegner gestürzt ist, sondern daß ein Gegner des Rechtes und der Wahrheit gefallen ist. Vollends jauchze nicht, wenn er strauchelt, wenn ec sich in Sünde, Lüge und Verbrechen verstrickt; allerdings fällt er dadurch der Verachtung anheim, er wird von seinen einstigen Freunden gemieden, alle Versuche, sich oben zu halten, machen ihn erst recht lächerlich, und d» hast einen wohlfeilen Triumph; aber ziemt es einem wackern Menschen, sich zu freuen, wenn ein Anderer sündigt? Ist es nicht allezeit ein trauriges und beschämendes Bild, wenn Einer, der auf den Höhen stand und Achtung und Ansehen genoß, »iedersinkt durch Schuld und Schwäche, wenn Einer, der unter dem Banner der Wahrheit streitet, trotz hoher Geistesgaben, verächtlich tvird auch,bei seinen Freunden durch den Bund mit — der Lüge und Heuchelei? Diese Mahnung ist für die Israeliten unserer Tage nicht belanglos. Unerbittliche Feinde Israels, die hoch oben standen, sind tief in den Abgrund gesunken; sie, die jede, die geringste Schuld eines Israeliten sorgfältig zusammentrugen, haben selbst eine so hohe Pyramide des Verbrechens aufgerichtet, daß auch eine sonst schwere Sünde dagegen zwerghaft erscheint. Die Feindschaft gegen Israel war ihnen eine Maske für böse eigennützige Zwecke; sie war nicht, wie bei Vielen, verbohrtes Vorurtheil, sondern bewußte Bosheit. Da kann es uns Israeliten nicht verargt werden, daß wir es mit Genugthuung wahrnehmen, wie diese Feinde des Jndenthums auch