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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-22 · Heft 47 (22.11.1895) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 47 (22.11.1895)
Date
1895-11-22
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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55 Ire Woche. Berlin, 19. November. ie Regierung hat, infolge der bekannten Vorgänge, in letzter Zeit der Irren-Frage besondere Aufmerksamkeit zngewendet und Revisionskommissionen eingerichtet, tvelche zur Zeit die bestehenden Heilnnd Pflegeanstalten für Nerven- und Gemüthskrauke revidiren. Hierbei soll auf den Charakter des für die Krauken bestellte» Wartepersonals ein besonderes Augenmerk gerichtet tverden. Da die Kranke» nnd deren Angehörige befragt werden sollen, ergiebt sich hier eine.Gelegcnheit, die der allgemeinen Disposition nach nicht unwahrscheinlichen, armen wehrlose» Irren gegenüber aber besonders tadelnslverthen etwaigen antisemitischenAusschreitungen zur Sprache und amtlichen Kenntniß zu bringen. Solche können vielleicht unter der Maske des harmlosen Ulks von ungebildeten Wärtern namentlich an Kranken verübt werden, die den größten Theil des Tages nicht unter ärztlicher Beobachtung stehen. Was die Revisionskommissiouen bei dieser Enquete finden werden, wissen wir nicht, nur eines kann schon jetzt festgestellt werden, daß sie zwar eine große Anzahl humaner jüdischer Aerzte in den Irrenanstalten, ferner auch einige von jüdischen Direktoren geleitete Institute, die zum Theil als Mnsteranstalten bekannt sind, besuchen werden, daß aber nur eine einzige Anstalt sich ihnen als konfessionell jüdische mit ritueller Verpflegung und gottesdienstlichen Einrichtungen vorstellen wird. Diese Anstalt befindet sich nicht in der Umgebung Berlins, wo der größte Theil der jüdischen Patienten Heilung und Genesung sucht, sondern in Sayn bei Koblenz. Obwohl wir nicht sehr für konfessionelle Trennung humaner Institutionen schwärmen, müsie» wir es doch gerade in Bezug ans diese Frage hervorheben, daß für eine Pflegeanstalt besseren Stiles, welche ans ihre Patienten als Inden besondere Rücksicht nimmt und ihrer sozialen Stellung, ihren seelischen Dispositionen direkt Rücksicht trägt, in der Nähe der Reichshauptstadt noch ein großes Feld iväre, zumal leider die pekuniäre Rentabilität außer Zweifel steht. Wüßten unsere Gegner, mit welchen Opfern die Juden, welche erfahrungsgemäß einen hohen Prozentsatz zu den Geisteskranken und nervös Erregten (Neurastheniker») stellen, ihre viel angegriffene soziale Stellung erkaufen müssen; sie würden vielleicht schweigen, statt zu schmähen. Qui lo sa! £ Die Verantwortlichkeit der religiösen Gemeinschaft wird stets betont, wenn es sich um die Unthat eines Inden handelt. Für diese muß die ganze Judenschaft büße». Wenn es sich »in Christen handelt, wird sie immer entschieden in Abrede stellt. So schrieb der „Reichsbote" jüngst anläßlich des Falles Hammerstein: „So wenig selbst eine Familie oder eine religiöse Gemeinschaft für die sittliche Lebenshaltung ihrer Glieder garantiren kann, noch viel weniger kann das von einer politischen Partei gefordert werden." Diese trefflichen Worte sollten unsere Gegner doch selber beherzigen, wenn es sich um das Verbrechen oder Vergehen irgend eines Juden handelt, das stets der ganzen Religionsgemeinschaft aufgebürdet wird. * Die Ereignisse in W i e n sind unsern Lesern ans den Tageszeitungen bereits bekannt. Bei der am 13. November stattgehabten nochmaligen Vürgermeisterwahl erhielt Dr. Lueger 92 Stimmen, 45 Stimmzettel tvurde» leer abgegeben. Dr. Luegex erklärte, daß er die Wahl annehme, worauf der Bezirks-Hauptmann v. Friebeis die Auflösung des Gemeinderaths verkündete. Die wüsten Lärmszenen, welche die Antisemiten darauf vor dem Parlament und selbst in der Hofburg anfführte», sind überall geschildert worden. Ihre Wnth kennt keine Grenzen. Aber sie wird ihrer Sache wenig nutzen. Und auch die unerhörten Schmähungen, mit welchen die deutschen Antisemiten den österreichischen Ministerpräsidenten bei diesem Anlaffe beehre», werden ihren Parteigenossen kaum förderlich sein. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich übrigens die sozialdemokratische und anarchistische Gesinnung dieser Leute, die sich so gern mit ihrer loyalen Gesinnung brüsten, im hellsten Lichte. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 18. November. in reiches Programm bot diesmal der kleine, weiße Zettel, der die Väter unserer Gemeinde in der Regel alle vierzehn Tage in die Gemeindestube der Oranieuburgerstraße zusammenruft. Und sie hatten auch ziemlich vollzählig der lockenden Einladung Folge geleistet. Der Vorstandstisch lvie die Repräsentantenreihen waren gestern gut besetzt, nnd kundige Thebaner witterten etwas wie Kampsesstimmung in den« Saale. Jndeß sollte diese Wetterprognose diesmal doch zu Schanden werden. Nur hier und da zuckte ein Blitz durch das Gewölk, aber der friedliche Sonnenschein kehrte immer wieder zurück, und so tvurde das Programm der Reihe nach nnd zur Zufriedenheit der Meiste» abgearbeitet. Die Sitzung wurde in landesüblicher Weise mit der Verlesung und Genehmigung des Protokolls der letzten Sitzung eröffnet. Sodann gab der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, der Versammlung Kenntntß von einem Schreiben des Dirigenten der neneröffneten Religionsschule, des Herrn Seminarlehrers Marcnse, in welchem dieser mittheilt, daß der Besuch dieser Anstalt bis jetzt ein sehr geringer sei (11 Knaben, 8 Mädchen), vermuthlich, weil die Eröffnung derselben erst nach dem begonnenen Quartal erfolgt sei. (Wo sind »nr die Kinder des „Centralvereins" geblieben, dessen Redner immer über die 4000 religionsunterrichtslosen Schulkinder jammern?) Von verschiedenen Seiten wird die Hoffnung ausgesprochen, daß schon in nächster Zeit der Besuch der Schule ein stärkerer sein werde, und ivir wollen uns dieser Hoffnung gern anschließen! Die Versamnilung acceptirte dann ein Legat der Frau Lissauer, geb. Simon, im Betrage von 20,000 Mark. Die Zinsen von 10,000 Mark sollen laut Beschluß des Vorstandes der Waisenkommission zufallen, die andere Hälfte dem Siechenhanse. Die Versammlung beschloß jedoch, über die Verwendung erst die Finanzkommission berathen zu lasten. Eine ■ weitere Schenkung des Herrn Abraham Poculla, im Betrage von 12,000 Mark, für die Altersversorgnngsanstalt wurde ebenfalls dankbar acceptirt. Es folgte der in der vorigen Sitzung vertagtes und sehr heikle Punkt der Tagesordnung, betreffend Erhöhung des Zuschusses au die Waisenkommission und Einsetzung einer gemischten Kommission für die Waisenpflege. Der Referent, Herr Louis Sachs, einpfahl, die Anuahnie des Zuschusses in Höhe von 5000 Mark für das laufende Etatsjahr sehr warm, bat dagegen den Antrag auf Einsetzung einer gemischten Kommission für heute zu vertagen und den Vorstand zu ersuchen, mit der Waisen- Kommissjon allein in Berathuug zu treten und später dem Repräsentantenkollegium Bericht darüber zu erstatten. Der Referent empfahl diesen Antrag besonders dringlich, um einer Verstimmung in manchen Kreisen der Gemeinde, die durch den Antrag des Vorstandes hervorgerusen, Rechnung zu tragen. Von Seiten der Herren Sanitäts - Rath Dr. Blnnienthal, Ruß, Manheimer, Martin Simon u. A. tvurde, wie schon in der vorigen Sitzung, daran fest-

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