Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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59. Jahrgang. Nr. 47. Allgemeine Berlin, 22. November 1895. eitung des Zudenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Redacteirr: Gustav KarpeLes. Begründet von Nabliiner Dr-Ludwig Philippson-Konn. Vertags-Crpedltion: Berlin, Jerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthmus", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ÄAhktÜ. Leitartikel: Welche Hindernisse stehen der Gründung von Litteraturveremen gegenüber? — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — lieber die Schadenfreude. Von Dr. B. Rippner. - Dr. Joel Müller. Von Dr. Martin Schreiner. — Das oberschlesische jüdische Waisenhaus in Rhbnik. Von A. Brann. — Israelitische Toleranz. Von Dr. M. Stern. — Aus dem Leben üöuig Karls I. von Rumänien. II. Von Theodor Braun. — Feuilleton r Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle vonKarlEmilFranzos. — Zur Barmizwah. VonRechtsanw.EmilLehmann. — LitterarischeMittheilungen. Der Oemeindevote. Korrespondenzen und Rachrichten r Berlin. Aus der Provinz Posen. Mhslowitz, Rakel. Benthen O.-S.. Jever. Rendsburg. München. Wien. New-Iork. — Bon Bah und Fern. — Miseellen. Welche Hindernisse stehen der Gründung von Litteraturvereinen gegenüber^ Berlin, 20. November. ie die Vorzeit außer dem Hause des Gebetes das LehrhauS zum Sammelpunkt machte, so hat auch unsere Zeit mehr und mehr erkannt, daß die Synagoge allein zur Erhaltung des religiösen Sinnes nicht ansreiche, und mir haben Vereine schaffen müssen, welche die Stelle des alten Bet Hamidrasch auszufüllen bestimmt sind: Es sind dies die Litteratnrvereine. Das Wachsen nnd die Vermehrung derselben ist ein Beweis dafür, daß sie thatsächlich einem Lebensbedürfnisse entsprechen. Um so nothwendiger ist es nun, die Hindernisse aus dem Wege zu ranmen, die der Gründling derselben in vielen Kreisen gegennberstehen. Sollte die Gleichgiltigkeit gegen jüdische Geschichte und jüdisches Schriftthum das Hemmmß an irgend einem Orte sein, so ist der Berein um so nothwendiger; und sollten auch nur Wenige in solch' einem Orte das Bedürfniß danach empfinden — sie haben die Pflicht, heranzntreten, „lvären es Drei, und lvären es Zwei, und »viire es Einer", wie die Weisen sagen. An anderen Orten hält man sie für entbehrlich, weil i» „gewissen Kreisen" die Kenntniß des Jndenthnms noch vorhanden ist. Aber doch nur in gewissen Kreisen. Daß die weitaus Meisten an solchem Wisse» nicht theilnehmen, und daß auch für diese gesorgt werden muß — daran denken die Selbstgenügsamen nicht. Und doch heißt es bei jo wichtigen Fragen, Alle im Auge zu habe» und nicht blos an das eigene Bedürfniß zu denken. Und gerade jene Kenner müssen daun die Stützen und geistigen Förderer dieser Vereine sein, durch welche sie selbst ja auch noch geistige Anregung zu weiterem Forschen erlangen. Bon anderer Seite wird für die religiöse Richtung von dem Bestehen solcher Verei>le Uebles befürchtet, und da heißt es „schew weal taasseh“. Indem aber alles Trennende, als für die Wissenschaft lmfruchtbar, ferngehalten wird, — und nur wenn dies geschieht — kann durch Beleuchtung des Ueberkommenen und Ererbten dasselbe allen Kreisen zum Bewußtsein kommen und gerade von Neuem theuer werden. Am merkwürdigsten muß uns die Befürchtung Vorkommen, es könnte durch die Begründung eines Litteraturvereins an einem Orte der Antisemitismus geweckt tverden, indem dies den Inden als engherzige Selbstabschließnng verdacht tvird. Und doch müßte man Fälle anfühcen, in denen dies schon geschehen tväre. Je mehr diese Vereine Litteratur und Geschichte ausschließlich fördern, desto weniger werden ihre Leiter das Bedürfniß empfinden, die »»erquicklichen Zeitfragen, die dort doch nicht gelöst werden könne», zur Sprache bringen zu lassen. Dafür giebt es ja besondere, sehr verdienstvoll wirkende Vereine. Es wird unserer Ansicht nach vielmehr dies reingeistige Streben deni Juden als ein Beweis, daß er noch Höheres kennt als das bloße Berufsstreben des Tages, hoch angerechnel tverden. Es muß jeder Andersgläubige an diesen Versaminlungen theilnehmen können, ohne dort, selbst bei Behandlung mittelalterlicher Zeiten, irgendwelche Verbitterung wahrzunehmen. Vorsicht thnt uns ja auch ohne Litteralurvereine an allen Enden noth, Fehler können wir ans allen Gebieten begehen, — sollten nun gerade diese Vereine, Stätten eines reingeistigen, für das Höhere begeisterten Strebens, Haß gegen uns Hervorrufen? Solche Befürchtungen sind schtvüchlich und engherzig nnd beweisen nur, für >vie gering mir uns halten. Und sollte die Gründung eines derartigen Vereins auch nur als ein Zeichen unseres Selbstbewußtseins gelten können, so wäre schon damit genug geleistet. Daß aber unser oft gar sehr in die Brüche gegangenes Selbstbewnßtsein durch die Kenntnisse in der Geschichte nnd Litteratur des Jndenthnms wieder bei Jung nnd Alt gehoben wird, haben alle Diejenigen erfahren, die des Segens, de» ein solcher Litteratnrverein spenden kann, seit mehrere» Jahren schon theilhaft sind. Dem Vornrtheil und dem Haß wird diese Erkenntniß allerdings nie zu Theil werden. Wir hätten gemeint, daß solche Bedenken, die auch von hochachtbarer Seite noch immer geltend gemacht werden, einfach schon durch die Logik der Thatsachen widerlegt worden wären. Die That-; fache, daß in allen Gegenden unseres Vaterlandes bereits solche; Vereine bestehen und gedeihlich wirken, spricht doch wahrlich beredter > als alle jene obenerwähnten Bedenken. Und es ist uns nicht bekannt, daß ein Litteratnrverein irgendwo auch nur den geringsten Angriff von antisemitischer Seite erfahren hätte. Aber selbst, wenn dies der Fall gewesen wäre, ja dann müßten wir erst recht überall solche Vereine gründen, in denen unsere Männer und Frauen über die geschichtliche Bedeutung des Glaubens, »m dessenwillen sie so oft angegriffen werden, belehrt werden. Fort also mit allen Bedenken und mit denr ewigen Zögern, wo es gilt, ein Werk zu schaffen, das fruchtbringend für Gegenwart und Zukunft werden soll!