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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Amerika. ch. New?)ork, im November. Der Jahresbericht der vereinigten jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten (I'nited Hebrew (Iharities) in Chicago giebt das Jahreseinkommen auf 38,000 Dollars ttnd das Defizit auf 2500 Dollars an. Eine wichtige Einnahmequelle ist die in den Synagogen am Versöhnungstage vorgenommene Kollekte, welche in diesem Jahre um 1500 Dollars mehr eingebracht hat als int vorigen. Trotzdem klagt der Bericht über Mangel an Unterstützung, und der Fenilletonist des Chieago Jsraelite, der unter dem Namen „Niekerdown“ schreibt, sagt, es seien in Chicago Juden, welche im Stande wären, den gesatrnnten Bedarf der Wohlthätigkeitsvereine aus Eigenem zu decken, ohne es zu empfinden — Die Feiertage brachten manche Fragen des Ritus in den Vordergrund der Diskussion. Das von dem Rabbinerverbande herausgegebene Gebetbuch Union Prayer Pook ist in vielen Gemeinden eingeführt worden. Viele sind mit der homöopathischen Dosis des Hebräischen, die es enthält, unzufrieden. Besonders wurde int Tempel Emanuel in New-Hork getadelt, daß das Kaddisch in englischer Sprache rezitirt wurde. g. Philadelphia, 10. Oktober. Der soeben erschienene Jahresbericht der einst von Dr. Einhorn und Dr. Samuel Hirsch begründeten und jetzt unter Leitung des Dr. Joseph Krauskopf stehenden Gemeinde „Keneseth Israel" giebt Zeugniß von den Fortschritten derselben. Der diesjährige Bericht enthält die Bemerkung: „Mit allem ihren Radikalismus steht die Gemeinde fest auf der Grundlage reinen Judenthums". Neben dem Sabbathgottesdienst ist eine Sonntagsvorlesung eingerichtet. Von den interessanten Mittheilungen der Gemeittde seien einige hier registrirt. Am 11 Oktober schlägt Dr. Krauskopf dem Vorstande vor, er wolle infolge der hohen Ausgaben (die Gemeinde hat einen prachtvollen Tempel mit Campanile und einer nach der jüngst verstorbenett Gentahlin des Dr Krauskopf benannten künstlerisch ausgeführten Glasmalerei errichtet) — auf 1000 Dollars seines Gehaltes Verzicht leisten. Von seiner im vergangenen Jahre unternommenen Reise nach Europa hat Dr. Krauskopf den Plan zur Einrichtung einer Volksküche, nach dem Muster ähnlicher Einrichtungen in Odessa, Wien u. s. w, mitgebracht. Mit großem Eifer ist hier am 4. Februar d. I. ebenfalls eine solche Küche eingerichtet worden, die Kost wird nach den rituellen Grundsätzen zubereitet, damit die armen Glaubensgenossen nicht durch religiöse Skrupel behindert werden, sich dieser Wohlthat zu bedienen. — Auf eine von Dr. Krauskopf am 11. Dezember 1887 gehaltene Ansprache hin unternahm ein bei der Gemeinde bestehender Verein der „Wissenssucher" (Knowledge Seekers) die Gründung der sich jetzt über ganz Amerika ausbreitenden „Jewish Publication Society“. Diese Gesellschaft veröffentlichte im Vorjahre den 4. Band von Grätz „Indische Geschichte" (der 5. Band wird für Chanukah dieses Jahres vorbereitet), von Dr. Gustav Karpeles „Jüdische Littcratur" und andere Abhandlungen, in diesem Jahre die Abhandlung von Emanuel Deutsch über den Talmud, und versendet zur Zeit eine Sammlung von Lesestücken und Vorträgen für jüdische Familien und Schulen, welche Isabel E. Cohen zusammengestellt hat.— Die Biblio thek der Gemeinde umfaßt nach dreijährigem Bestehen 3003 Bände. Die 15 Klaffen der Religionsschule wurden von ca. 500 Schülern besucht. Zu den zahlreichen Vereinen unter Aegide der Gemeinde gehört auch eine „Vereinigung der Mütter", welche interkonfessionell ist. Mit dem Ertrag einer Vortragsreise (4000 Dollars) hat Dr. Krauskopf eine Musterfarm eingerichtet, auf der jüdische Knaben sich für Garten- und Ackerbau vorbereiten. Non Nah und Fern. --- Gegen den Redakteur des antisemitischen Witzblatts „ Derde utsche Michel" ist auf Grund des Artikels „Ein Monarchendiner bei Cohn und Rosenberg" Anklage wegen Beleidigung der Kaiserin Friedrich erhoben worden. Die Verhandlung fand am 14. d. Mts. hiervor der zweiten Strafkammer statt. — Auf Ersuchen der königl. Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin finden gegenwärtig zwischen dem hiesigen 'Auswärtigen Amte und den Wiener Behörden Verhandlungen wegen Auslieferung des in Wien festgenommenen Schriftstellers Schweinhagen statt. — Die jüdische Gemeinde in Lüben in Schlesiett, welche seit längerer Zeit in Bezug auf ihre Seelenzahl so chwach geworden, daß sie feinen eigenen Kultusbeamten mehr hält, wird sich am 1. Januar k. I. als selbstständige Synagogengemeinde auflösen. Die Familien-Vorstände werden mit ihren Angehörigen der Synagogengemeinde in Liegnitz beitreten und zur Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses dort Anschluß suchen. — Unter Theilnahme der Bevölkerung feierte am 10. d. Mts. die israelitische Gemeinde Rendsburg ihr 200 jähriges Bestehen. Am Festgottesdienst nahmen die Spitzen der Behörden und zahlreiche geladene Gäste Theil. Die Festrede hielt der Oberrabbiner Dr. Lerner - Altona. — Der soeben erschienene „Bericht über die Verwaltung der Armenanstalt der israelitischen Kultusgemeinde in Wien im Jahre 1894" verzeichnet die Thatsache, daß, während Wien mit Umgebung im Jahre 1857 14,000 bis 15,000 israelitische Einwohner zählte, nach der Volkszählung im Jahre 1891 aber deren 132,000 besitzt, die Mitgliedsbeiträge der Anstalt seit dem Ende der fünfziger Jahre um fast den dritten Theil ihrer damaligen Höhe herabgesunken sind. — Der Jmmunitätsausschuß des österreichischen Abgeordnetenhauses trat dem Auslieferungsbegehren bei in Sachen Lueger's ,'wegen Ehrenbeleidigung und in Betreff von Schneider wegen Ehrenbeleidigung und Störung der öffentlichen Ruhe. — Gegen den bekannten antisemitischen Pfarrer Deckert in Wien hat der Staatsanwalt Anklage wegen Aufreizung gegen Religionsgenossenschaften erhoben; die Verhandlung findet im Dezember vor dem Schwurgericht statt. — Im Csanader Komitat hat jüngst die erste von einem Rabbiner eingesegnete Mischehe stattgefunden, bei welcher der eine Theil der katholischen, der andere der jüdischen Religion angehört, welche vom jüdischen Rabbiner eingesegnet wurde. — Der Rabbiner Dr. Rosen - berg in Arad hat, entgegen den Beschlüssen der jüngsten Rabbiner- Versammlung, eine zwischen einem Protestanten und einer Jüdin geschlossene Mischehe nach einjährigem Bestände eingesegnet Auf der letzten ungarischen Rabbinerversammlung stimmten von den anwesenden 71 Rabbinern 70 für die Resolution, daß eine Mischehe, unter voller Anerkennung deren Giltigkeit in ihren bürgerlichen Beziehungen, weder durch eine Trauung noch durch einen Segen oder irgend eine andere religiöse Ceremonie sanktionirt werden kann. — Der galizische Landesausschuß hat nun das gesammte Material, in Bezug auf Errichtung eines jüdischen Lehrerseminars dem Settat der Lemberger und Krakauer Universität mit der Bitte über geben, im Sinne des Landesschulrathes ein Gutachten über die Errichtung eines Seminars zur Heranbildung von jüdischen Religionslehrern und über die geplante Organisation abzugeben. — Seit mehreretr Tagen cirkuliren in Petersburg Gerüchte über eine Jttdenhetze in Kutais aut 29. Oktober, die sich als richtig erweisen. Durch einen unwesentlichen Streit zwischen einem alten Weib und einem Judett knaben entstand ein Tumult von solchen Dimensionen, daß der dortige Gouverneur.Kosaken requiriren mußte. Bis 2 Uhr Nachmittags wurde demolirt, dann trat Ruhe ein, welche aber schon um 4 Uhr wieder gestört wurde. Bis 9 Uhr Abends dauerten die Angriffe auf die jüdische Bevölkerung fort. Mehrere Juden sind gefährlich verwundet worden. Erst durch das Einschreiten eines Bataillons Infanterie und Verstärkung der Kosaken konnte die Ruhe wieder hergestellt werden. Am folgenden Tage mußtett sämmtliche jüdischen Magazine geschlossen bleiben. Das von den Juden bewohnte Stadtviertel ist von Truppen zernirt. Wegen der Ermordung eines Russen, der in detn erwähnten Streit für die alte Frau eingetreteu war, sind zehn Judett verhaftet. So berichten russische, mit äußerster Vorsicht aufzunehmende Quellen. — Claude G. Monte fiore ist an Stelle Sir Julian Goldsmid's zum Präsidenten der Anglo Jewish Association gewählt worden. — In Florenz ist im hohen Greisen, alter die Jüdin Mortara, deren Sohn 1857 gewaltsam getauft wurde, gestorben. Sie starb als froumte Jüdin und wurde unter großer Theilnähme zu Grabe getragen. Ihr Sohn, der jetzt zu Molsheim im Elsaß als Mtssionär wirkt, hat dem Begräbnisse seiner Mutter angewohnt Seine Brüder, die alle noch dem Jndenthume angehören, haben ihre Mutter zu Grabe getragen und haben dann auch das Kadischgebet für dieselbe ver richtet. — Wie das „Bür. Reuter" aus Teheran von gestern meldet, erhieli der deutsche Unterthan Felix Moral eine Konzession auf 75 Jahre für beii Bau einer Chaussee von Teheran nach Bagdad und für die Errichtung eirtes Transportdienstes auf dieser, ferner eine Konzession von 90 Fahret für eine etwa 10 Meilen lange Dampf- oder elektrische Straßenbahn von Teheran nach den Dörfern nördlich der Stadt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwiü in Berlin.

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