Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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Vor einer Zuhörerschaft von mindestens 800 Personen hielt Herr Dr. med., Simchowitz, ein hiesiger Arzt, einen Vortrag, der seine Zuhörer bis zum letzten Augenblicke in regster Theilnahme erhielt. Er behandelte das Thema: „Die Juden im alten Rom" in ebenso geistvoller wie populärer Weise. Ein feiner Kenner der Kunstgeschichte, wußte er selbst die trockensten geschichtlichen Ereignisse mit Hilfe kunsthistorischer Erläuterungen lebendig darzustellen. Aus den jüdischen und römischen Klassikern schöpfte er einen reichen Schatz, den er, ohne durch zu viele Citate die Hörer zu ermüden, in anmuthiger Form verwerthete. Auf die nähere Inhaltsangabe einzugehen, versage ich mir, weil ich den lebhaften Wunsch hege, daß noch viele Litteratur- Bereine des Genusses theilhastig werden möchten, einen Redner zu hören, der ein warmes Empfinden für seine Nation mit bedeutendem oratorischen Talente verbindet. — Am 23. v. Mts. fand hier die feierliche Grundsteinlegung der zweiten Synagoge statt, die sich längst als ein Bedürfniß herausgestellt und zu der die Stadtgemeinde einen Beitrag von 40,000 Mark bewilligt hat. Die Rede, welche Herr Rabbiner Dr. Frank bei diesem Anlasse gehalten, ist soeben mit den Urkunden, welche in den Grundstein versenkt worden, vom Vorstand der Gemeinde herausgegeben worden. Diese Rede ist in ihrem historischen Theil sehr interessant und in ihrem rhetorischen Theil außerordentlich wirksam. Sie hat hier auch einen liefen .Eindruck hervorgebracht. R. W. Kassel, 9. November. Unter Vorsitz des Geheimen Raths Kannegießer und unter Mitwirkung der Herren Regierungsrath Sternkopf, Landrabbiner Dr. Prager, Seminardirektor Dr. Stein und Seminarlehrer Katz fand in der Zeit vom 28. bis 31. Oktober am israelitischen Seminar Hierselbst diezweiteLehrerprüfung statt. Von 14 Kandidaten bestanden 10 die Prüfung, und zwar die Herren: Andorn-Hattingen, Grünewald - Wüstensachsen, Heinemann - Eschweiler, Lomnitz-Eldagsen, Lotheim-Dornmum, Neuhaus-Wunstorf, Rothschild - Wattenscheid,Stiefel- Werther, Höxter-Ahlem und Kanthal-Baumbach Für die schriftliche Prüfung waren folgende Arbeiten gegeben: Religion: Die Opferung Isaaks (Mittelstufe). Deutsch: Wie hat die israelitische Volksschule die Pflicht der Schonung der Thiere und Pflanzen zu behandeln. Hebräisch: Das Gebet Hannas. Naturkunde: Die Nadelwälder (Oberstufe). München, 8. November. Am 1. d. M. verschied nach längerem Leiden Herr Rechtsanwalt Dr. Jacob Kohnstamm, der ein Vierteljahrhundert hindurch als Sekretär unserer israelitischen Kultus-Gemeinde seines Amtes mit seltener Treue und mit vielem Verständniß gewaltet hat. Reich an juristischem Wissen und allgemeiner Bildung, ausgestattet mit einem liebenswürdigen, streng rechtlichen Charakter, hingebend arbeitend für seinen Beruf, verstand er es, sich die Hochachtung der weitesten Kreise zu erwerben und einen berechtigten Einfluß auf die Entwicklung der Gemeindeverhältnisse zu gewinnen. Das Leichenbegräbniß legte Zeugniß ab von der hohen Werthschätzung, der sich der Entschlafene erfreuen durste. In gedankenreicher, tiefergreifender Rede entrollte Herr Rabbiner Dr. Werner das Lebensbild des Verklärten, und anknüpfend an verschiedene Bibelstellen, schilderte er ihn als den Familienvater mit seinem treuen, selbstlosen Herzen, als den Beamten mit seinen gesegneten Erfolgen, als Menschen voll idealen Strebens. Der Redner hob besonders hervor, wie der Dahingeschiedene mit seinen hohen Geistesgaben und seinem bewährten Rathe dazu beigetragen, den Frieden in der großen Gemeinde zu erhalten und viele gemeinnützige Bestrebungen zu fördern.^ Hierauf sprach am offenen Grabe der erste Vorstand der Kultus-Gemeinde, Herr Louis Schwabe un Namen der Verwaltung tiefempfundene Worte des Dankes. Der Hügel schloß sich und bedeckte die irdischen Ueberreste eines Mannes, dessen Andenken zum Segen in unserer Gemeinde sortleben wird. Eröffnet und geschlossen wurde die würdige Feier durch erhebenden Männergesang des Zynagogenchores unter der bewährten Leitung seines Dirigenten, des Herrn Frei. Oesterreich -ilmjumt. □ Wien, 11. November. „Se. kaiserliche und königliche Apostoische Majestät haben mit allerhöchster Entschließung vom 5. November l. I. die Wahl des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Karl Lueger zürn Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien die allerhöchste Bestätigung nicht zu ertheilen geruht." So lautet das Communiquö, das vom Bezirkshauptmann von Wien, H. v. Friebeis, veröffentlicht wurde; die sensationelle Entscheidung hat Ihren Lesern bereits der Telegraph gebracht; alle Blätter besprechen die Nichtbestätigung Luegers streng objektiv, in seiner Partei allein herrscht die größte Erbitterung und — selbstverständlich Kampfbereitschaft; hat ja Lueger selbst, als er nach seiner Nichtbestätigung in das Parlament kam, ausgerufen: „Jetzt soll's anfangen, jetzt gilt's erst einen frischen, fröhlichen Krieg!" Im Abgeordnetenhause brachten seine Anhänger einen Tringlichkeitsantrag ein, weshalb ihr Führer die kaiserliche Bestätigung nicht erhalten habe; dieser Antrag wurde nun in der Sitzung vom 8. d. M. abgelehnt, selbstverständlich gestaltete sich diese Sitzung zu einer reich bewegten, da die Anhänger Lueger's und er selbst bereits kampfbereit gekommen waren. Ministerpräsident Graf Badeni gab eine Erklärung ab, in der es heißt: „Nach der Anschauung der Negierung und nach der ratio legis kann das Votum der Majorität nicht berücksichtigt werden, sobald die erforderliche Bürgschaft für eine streng objektire, sachliche, von jedweder agitatorischen Tendenz freie, allen Klassen der Bevölkerung gegenüber gleichmäßige, den Anforderungen der Autorität volle Rechnung tragende Führung der Verwaltung nicht außer Zweifel steht." Die wüste Sitzung wurde nach Räumung der Galerie, wo die Anhänger Luegers laut wurden, geschlossen. — Am 9. d. M. gelangte eine interessante Strafverhandlung zum Abschluß, welche die Führer der antisemitischen Gewerbepartei in Graz in wenig günstigem Lichte zeigte. Angeklagt waren der Gründer des antisemitischen Extrablattes Ferdinand von Schönhofer und dessen Redakteur, Gemeinderath Feichtiger, auch der „Grazer Lueger" genannt. Schönhofer wurde wegen Crida zu vierzehn Tagen Arrest, Feichtinger wegen Beamtenbeleidigung und Beleidigung einer jüdischen Tischgesellschaft zu zweihundert Gulden eventuell zehn Tagen verurtheilt. — An auffallender Stelle veröffentlicht die „Pol. Corr." das nachfolgende Communiqne: „Unter Hinweis auf die in der „Wiener Zeitung" vom 21. Oktober 1893, Nr. 242 erfolgte Verlautbarung wird uns von autoritativer Seite mitgetheilt daß die türkische Regierung das Verbot der Einwanderung fremdländischer Juden nach Palästina noch immer aufrecht hält. Solchen Israeliten ist blos ein dreißigtägiger Aufenthalt in Palästina gestattet, um die heiligen Orte Jerusalem, Hebron, Liberias und Safed zu besuchen; doch müssen sie bei der Landung in Jaffa der Hafenpolizei Sicherstellung leisten, daß sie nach 30 Tagen das Land verlassen. Die von den türkischen Verwaltungsbehörden allein angenommene Sicherstellung ist die Stellung eines tauglichen Bürgen in der Person eines ottomanischen Unterthanen; sind die Eintrittswerber außer Stande, einen solchen beizubringen, so werden sie zur Landung nicht zugelassen." B. Budapest, 29. Oktober. Unter der Bezeichnung „Gesetzartikel XLH: 1895" publizirt heute das ungarische Amtsblatt das Gesetz über die israelitische Religion, welches schon gestern in der Landesgesetzsammlung promulgirt wurde. Die Sanktionsklausel ist aus Agram den 16. Oktober datirt. Mit Recht wird die Raschheit bemerkt, mit welcher die Sanktionirung dieses Gesetzes erfolgte Es geschah dies an demselben Tage, an welchem der König die Synagoge in Agram mit feinem Besuche auszeichnete. — Der Unterrichtsminister hat in einem an die Hauptstadt gerichteten Reskript angeordnet, daß auch an den Gewerbelehrlings- und an den Handelsschulen Religionsunterricht ertheilt werde. Für die Ectheilung des Unterrichtes haben die betreffenden Konfessionen zu sorgen. — Die hauptstädtischen Mittelschulen wurden im vergangenen Schuljahre von 2800 jüdischen Schülern besucht, denen die Pester israelitische Religionsgemeinde Religionsunterricht ertheilen läßt. — Der seit Kurzem in Lipto Szt. Miklos wohnende Kaufmann Philipp Herz hat sein ganzes Vermögen, im Betrage von einer halben Million Kronen, der israelitischen Kultusgemeinde testirt. — Für den Wirth Adler in Garam-Kis Salto, der gegen den antisemitisch gesinnten Geistlichen einen Preßprozeß anstrengte, sind die vornehmsten Grundbesitzer und Beamte des Komitates bereit, vor dem Geschworenengericht seine Ehrenhaftigkeit zu bezeugen. Der privatklägerische Vertreter ist im Besitze zahlreicher Beweise, daß die „Blutanklage" von langer Hand, noch ehe das Mädchen durch einen unglücklichen Zufall - ums Leben kam, planmäßig vorbereitet wurde. 7-rsn 4