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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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M. auf dem Friedhofe zu Weißensee statt. S. Levy war einer der Letzten aus jenen licht gewordenen Schaaren der Kämpfer von 1848. Der Verstorbene hatte an der 1848 er Bewegung lebhaften Antheil genommen, gehörte auch zu den Begründern des Berliner Handwerkervereins Er wurde später in den Ladendors'schen Hochverraths-Prozeß verwickelt und infolge des berüchtigten Henze'schen Zeugnisses zu langjähriger Zuchthausstrafe verurtheill, beim Regierungsantritt König Wilhelms I. indeß mit Ladendorf zugleich begnadigt, während Dr. Falkenthal, der dritte Verurtheilte in jenem Prozeß, inzwischen gestorben war. Der ehrenfeste Charakter Levys fand jederzeit gebührende Würdigung. Auch verdankte er demselben jene angesehene Stellung, deren wir Eingangs erwähnten. — Am Abend desselben Tages starb im 49. Lebensjahre der allgemein bekannte Stadtverordnete Adolf Pineussohn nach halbjährigem, seit etwa einer Woche akut gewordenem Leiden. Der Heimgegangene hatte sich viele Jahre hindurch, ehe ihm das Mandat eines Stadtverordneten zu Theil wurde, um die Leitung der freisinnigen Partei im zweiten Berliner Reichstagswahlkreise besondere Verdienste erworben. In Zeiten der Wahlen zeichnete er sich stets durch die Unermüdlichkeit seiner Arbeitsleistung im Dienste seiner freisinnigen Ueberzeugungen aus. Als Stadtverordneter — er gehörte dem städtischen Vertretungskörper erst seit fünf Jahren an, so daß sein Mandat jetzt abgelaufen war, und er vor der Wiederwahl stand — war er rastlos bemüht, seine Fähigkeiten im Interesse der städtischen Verwaltung zu verwerthen, so daß sein Tod eine fühlbare Lücke in den ihm zur Bearbeitung zugewiesenen Disziplinen zurücklassen dürfte. Besonders geschätzt wurde seine Kenntniß des Finanzwesens der Stadt. Adolf Pineussohn war eine ebenso strebsame wie zuvorkommende und gefällige Persönlichkeit. Rühmenswerth ist seine große Mildthätigkeit, die ihm bei ungezählten Persönlichkeiten, denen er Gutes erwiesen, das dankbarste Andenken sichert. Auch die jüdische Gemeinde verliert in ihm ein treues Mitglied. Im Vorstand des Krankenhauses und des Siechenhauses, im Repräsentantenkollegium der Reformgemeinde, in der Leitung des Brüdervereins hat er mit unermüdlichem Eifer und mit großer Sorgfalt für unsere Angelegenheiten gearbeitet. Seine trauernde Gattin, sein Sohn und eine noch jugendliche Tochter werden in den zahlreichen Kundgebungen der Theilnahme, die ihnen zu Theil werden, einen Trost für den herben Verlust finden dürfen, den ihnen das Schicksal zugefügt. — Ueber die Trauerfeierlichkeiten bei der Bestattung des Herrn Stadtverordneten Adolf Pineussohn erhalten wir von unserem ig-Mitarbeiter folgende Notizen: Um 10 Uhr fand im Trauerhause die Feierlichkeit für den Familienkreis statt. Herr Prediger Dr. Levin sprach ein kurzes Gebet, worauf sich alsdann der Zug in Bewegung setzte. Vor Weißensee hatte sich der zweite liberale Neichstagswahlkreis Berlins mit dem Banner, welches ihm einst der Verblichene gestiftet, eingefunden, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Im Vorhofe waren fast sämmtliche Stadtverordnete versammelt, auch die Majorität der gegnerischen Fraktion hatte sich eiugefuuden. In der reich geschmückten Kapelle entwarf hierauf Herr Prediger Dr. Leoin an der Bahre ein abgerundetes Bild des thatenreichen Lebens des um die Interessen der Stadt, der Reformgemeinde, des jüdischen Krankenhauses u. s. w. wohlverdienten Mannes. Auch Herr Stadtverordneter Dinse sprach an der Bahre; im Namen der linken Fraktion der Stadtverordneten würdigte er die Verdienste Pineussohns um das Finanzwesen innerhalb der Stadtverordnetenversammlung. Prediger Dr. Klemperer sprach hierauf das übliche Gebet, worauf sich der Zug zur Begräbnißstätte fortbewegte, unter den Klängen des von der Finsterbusch'schen Kapelle inszenirten Beethoven'schen Trauermarsches. Zahlreiche Kränze bedeckten den Sarg des Dahingegangenen. Der Brüderverein, die Reformgemeinde, die Sanitätswache, die Fraktion der Linken, der Kreditverein der Potsdamer Vorstadt und der Grundbesitzer-Verein zu Neubabelsberg, alle hatten in sinnigen Inschriften auf Blumenspenden ihr Beileid bekundet. Die Trauerhalle in Weißensee konnte nicht alle Diejenigen fassen, die hinzugeeilt waren, dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Circa 1500 Personen hatten sich eingefunden. Im Laufe dieses Monats wird, wie wirerfahren, der zweite Reichstagswahlkreis noch eme Gedächtnißfeier für Adolf Pineussohn veranstalten, bei welcher voraussichtlich Professor Virchow die Gedächtnißrede halten wird. — Am selben Tage starb auch Dr. Joel Müller, Dozent an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, dessen Bedeutung an anderer Stelle gewürdigt werden wird. Das Leichenbegängniß fand am 8. d. M. unter zahlreicher Betheiligung aller geistigen Elemente unserer Gemeinde statt In der Leichenhalle des Friedhofs zu Weißensee hielt Herr Rabbiner Dr. Maybaum die Grabrede, sodann sprach Herr Dr. Hochfeld im Namen der Schüler des Verblichenen und schließlich Herr Rabb. Dr. Nosenzweig im Namen des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur. — Am 7. d. M. starb nach langem Leiden hier Frau Emmy R ossi, eine fleißige, erfindungsreiche Schriftstellerin, die Romane und kleine Erzählungen für Zeitschriften schrieb, i durch Uebersetzungen und einige etwas bizarre Broschüren sich sehr bekannt machte. Frau Rosst gab einmal in Hamburg ein eigenes Wochenblatt heraus. Ihre jüdischen Humoresken aus Mecklenburg wurden gern gelesen. Einzelne ihrer Erzählungen fanden auch im Buchhandel guten Absatz. In Waldenburg in Mecklenburg 1852 geboren, heirathete Frau Rossi früh einen Künstler, mit dein sie lange ein Wanderleben führte. — Am 8. d. M. starb der Rechnungsrath Nathan Schreiber, Provinzialrentmeister und Direktionsmitglied der Rentenbank für die Provinz Brandenburg. In seiner Jugend bei der Negierung in Frankfurt a. O. als Supernumerar eingetreten, hatte er über 40 Jahre lang im Staatsdienst gestanden und es zu einer der hervorragendsten Stellungen gebracht, die der preußische Staat dem Subalternbeamten darbietet. Schreiber saß in der Direktion der gedachten Behörde als drittes Mitglied des Kollegii neben zwei Oberlandeskulturgerichtsräthen. Wer mit der preußischen Dienstpragmatik vertraut ist und weiß, welche scharfe Grenzlinie durch die ganze Verwaltung hindurch den studirten höheren Beamten von dem unstudirten Subalternen trennt; wer gesehen hat, wie der jüngste Assessor — oft sogar ein Referendar — in die Lage kommt, dem ergrauten Sekretär oder Kanzleirath gegenüber als Vorgesetzter aufzutreten, wird die Bedeutung einer solchen höchst seltenen Stellung, wie sie Schreiber inne hatte, würdigen können, eine Bedeutung, die durch den Umstand, daß derselbe niemals sein Judenthum verleugnet hat, kaum noch gesteigert werden kann. Es gehörte in der That ein ganz besonderer Grad von Pflichttreue und Intelligenz, von Fleiß und Taktgefühl dazu, um diesen Platz zu erringen und auszufüllen. Bei flüchtiger Begegnung wird schwerlich Jemand dem stets bescheidenen Mann angemerkt haben, welch' schnelle Auffassung, welch' enorme Arbeitskraft und welch' sicheres Urtheil ihm innewohnte. Seine freien Stunden waren dem Dienst der Jüdischen Reformgemeinde geweiht, deren Sekretariatsgeschäfte er seit 30 Jahren besorgte. Auch diese Stellung war keine leichte. Zwischen die Prediger und die verschiedenen ehrenamtlich besetzten Kollegien: Vorstand, Repräsentanten, 4—5 ständige und viele außerordentliche Kommissionen gestellt, mußte er so vielen, sich widersprechenden Intentionen! gerecht werden, so viel verschiedene Ansichten in die Form der Expedition gießen, so viele Wünsche befriedigen und Beschwerden beschwichtigen! Und dies Alles gelang ihm, ohne jemals irgendwo anzustoßen und ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Dazu gehört nicht nur ganz hervorragende geistige Gewandtheit, sondern in vielleicht noch höherem Maße Aufopferungsfähigkeit, nie ermüdende Arbeitsfreudigkeit und vor allen Dingen Zuverlässigkeit. Als vor zwei Jahren zunehmende Kränklichkeit

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