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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
Seite 552 (sequence 14)
Language
German
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552 Tev (Vrfic; Snijcu wir nicht saufen. Sie trinken halt gern immer noch eins. Trinken macht ihnen Vergnügen. Mein Ideal ist das Vergnügen. Vergnügen ist mein Leben. Wenn ich einmal ein großes Glück mache, d. h. ivenn ich einmal ein großes Vermögen besitze, oder lveim ich alt bin, denn null ich arbeiten. Bis dahin will ich leben. Wenn ich mich ärgern soll, wünsche ich lieber tobt zu sein. Ich tuifl Vergniigen hadern ohne Rücksicht ans Moral und Gesundheit, Vergnügen um jeder! Preis. Jedes Genie ist versoffen. Darum sarrfe ich, ln's ich ein Genie bin. In der Schule war ich im Rechnen und Schreiben schwach, in Religion eine Null, aber ich war rassiuirt. Ruch jetzt thue ich int Geschäft nicht viel, aber durch Rasfinesie mache ich mich unentbehrlich. Schlafen ist Tod, darum ruache ich, trinke ich, gehe ich erst spät. d. h. früh nach Hause. Bis jetzt kann ich dieses Leben vertragen. Wenn ich einsehe, das; es nicht mehr geht, daun höre ich auf oder fange cs entgegengesetzt an. Nicht Oesterreich, wo ich geboren bin, ist meine Heinrath, nicht DerNschland, wo ich lebe, rricht Frankreich, nein — die ganze Welt, überall rvo es Geld und Vergniigen giebt. Bei dieser Unterhaltung tranken die christlich-germanischen Tugeudlüngtinge immer noch eins, bis sie gegen fünf Uhr dem Frieden ihres Hanfes „znfchlidderteu". Mittlenveile waren neue Trupps von Nachzüglern aus der Stadt gekommen, Männer und Jünglinge, Studenten und Kanslente — sie bewilligten sich hier alle noch Einen oder auch Mehrere, um so gestärkt bei Tagesgranen deui Herrn ihre Seele zu empfehlen. Mir ward es weh ums Herz. Ich mußte mir sagen: Das sind die Feinde deiner Seele, die Verleumder deines Glaubens, die Verfolger deines Stannues! Diese Ehren- Jüngliuge, die einem Liebermanu v. Sonnenberg, einem Stöcker znjubelu, einen Ahlwardt und Böckel auf den Schild erheben, sollen lind wollen auf einer höheren Stufe der Ethik und Religion stehen. Wie viele Taufende von Jünglingen und Männern solchen Schlages mögen in Berlin, Wien. Leipzig in ihrer Seele angefault fein, mögen in den Fußtapfen eines Edlen v. Hammerstein, eines Leus; wandeln, die Thaten eines Simri begehen und den Lohn eines Piuchas verprassen! Hier ivard es mir zur Gewißheit, daß die gegen die Inden erhobenen Anklagen Geständnisse eines bösen Gewissens sind. Hier trat sieghaft die alte Erfahrung zu Tage: Die Juden sind lebensstark durch ihr rastloses Schaffen — Arbeit, durch ein fröhliches, der Ausschweifung feindliches, den Geist anregendes Spiel und heiteres Vergnügen — Erholung und Keuschheit,! durch ein ethisch-religiöses Familienleben — Frömmigkeit. An diesen Stammestugenden müssen alle demagogischen Wühlereien und Hetzereien, alle antotratischen Verwaltnngsnmßregeln zn schänden iverden. Was man den Inden vorwirft, das wird au unfern Feinden zur Wahrheit: Hetärenknltns, Ehebruch, Meineid, Betrug, Wechielsälschuug, Schlemmen und Saufen, Raffinesse, Vergnügen um jeden Preis — ohne Rücksicht auf Moral und Gesundheit. Nicht Deutschland, ihre Heimath, ist ihr Vaterland, sondern die Welt des Vergnügens und des Verdienstes, zuletzt das Zuchthaus oder das Ausland. — Ten Platz unserer Juugdeutschen nahmen nachher ein behäbiger Haudtverksmeister und ein junger Bursche ein. Ter Alte gab nach Weise des Polonins dem jungen Laertes Belehrungen. Er solle bis zum dreißigsten Jahre seine Kräfte und Safte sparen, er solle nicht zu früh heiratheu. Hoffentlich lvareu das nicht Erkenntnisse einer bitteren Erfahrung. Um <> Uhr suchte ich bnvd) das Dunkel der Straßen die Synagoge. Rach halbstündigem Wandern entschloß ich mich, an Ork und Stelle zu warten, bis nur ein Manu mit einem Lulav in die Quere komme. Rach kaum fünf Minuten ward mein Erwarten erfüllt. Ein ehrwürdiger Greis nahm mich mit in das herrliche Gotteshaus, führte mich ein in den Gottesdienst, der Zeugnis; ablegte von der gemüthbildeuden Kraft und dem herzerhebenden Geist der jüdischen Religionsgebräuche. Da schritten nach uns rüstige, durch den Schlaf gestärkte Gestalten jeglichen Alters herein, Personen aus allen Ständen, vom meuscheufreuudlichen Laudrabbiuer, vom strenggläubigen Kaufmann bis zum Hausirer und zum Quartaner. Der hellerleuchtete Raum stimmte zur frohen Andacht. Der Vorbeter trug würdig die Gebete des Hallet und Hoschauo vor, und würdig antwortete die Gemeinde. Nach tausendjährig geübter Weise umwandelten die Männer mit ihren grünen Palm.zweigen, Myrthen und Bachweiden und mit der Eitrusfrucht den Almemmor, und mit Schiller sagte ich zu mir selbst: Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Bräuchen, mau muß sie ehren. Und mit Andacht betete ich die Psalmverse: „Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gieb Ehre. Israel, vertrau' dem Herrn! Ihr Beistand und Schild ist er. Der Herr ist mit mir: ich fürchte nichts, was kann der Mensch mir thun? Sie haben mich umringt lvie Bienen, sie verlöschen wie Dornenfencr. Ter Stein, den die Bauleute verwarfen, ist geworden zum Ecksteine. Q Gott Hosiana, o Herr Hazlicliaim!" Nach Schluß des Gottesdienstes ivard ich von einem Hannoveraner zum Morgenkaffee eiugeladcn. Ter gastfreundliche Herr führte mich in seine Laubhütte. War mir der Feststranß das Sinnbild des Dankes gegen Gott für die Wohlthaten der Vergangenheit und Gegenwart, so ist mir die Laubhütte das Sinnbild des Vertrauens auf Gott auch in der von grauen Wolken verhüllten Zukunft! Sofort trat nun auch die treuwaltende Hausfrau in die Sntkah, zwei Kinderchen an der Hand führend, Alle in voller Toilette. Uns wurde liebreich Kaffee und Kuchen gereicht. Nun hatte ich Ursache, in das Urtheil Bileams, des Judenfeindes, ciuznstiinmen: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, — deine Faunlienhänser und deine Wohnungen, Israel, — deine Gotteshäuser!" Und ich frage unsere lieben, vorurtheilslosen Mitbürger christlichen Glaubens: Wo hegt und pflegt man noch Ideale? Fitterarijche MittheUungcn. — Dr. H. Brody: Diwan des Abu-l-Hasan .leimdu ha-Levi. Berlin 1894. H. Jtzkowski. 1. Band. Der hebräische Litteratnrvcrei» Makize Nirdamim hat sich durch dieses Unternehme» ein unschätzbares Verdienst erworben. Daß wir es nur beim rechten Namen nennen: es war eine Schande, daß wir die Gedichte des größten neuhebräischen Dichters bis jetzt nicht gesammelt vor uns liegen haben, und wir danken dem Herausgeber dieses Werkes wie dem Leiter jenes Vereins herzlich dafür, daß sie dieses Unternehmen begonnen haben. Der erste uns vorliegende Band beginnt mit der nicht gottesdienstlichen Poesie Jehuda Halevi's und bringt 84 seiner Gedichte in genauer Revision des Textes mit Interpunktion in schönem Druck und in einer des Dichters würdigen Ausstattung. Die nächsten Lieferungen werden wohl die Fortsetzungen und hierauf die gottesdienstliche Poesie dieses Dichters sowie eine ausführliche Einleitung aus der Feder des Herausgebers, der den Befähigungsnachweis für diese Arbeit bereits glänzend geliefert hat, bringen. Möchte das Unternehmen nun auch reichliche Unterstützung finden, möchte die Erkenntniß sich endlich einmal durchringen, daß es eine Ehrensache ist. die Litteratnr des Judenthums zu unterstützen, die wahrhaft uneigennützigen Bestrebungen derjenigen, welche mit frommem Eifer ausschließlich ihre:» Dienste sich widmen, wirksam zu fördern. <4. K. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion. Max Bauchwid in Berlin.

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