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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. Seite 550

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
Seite 550 (sequence 12)
Language
German
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550 Tampfsäge. . . Tu verdienst wirklich »ichk, das; I»is Gott so gnädig ivor. Tenn cs ist ja so gut abgetanst», wie wir nur wünschen können. . „Meinst Tu?" fragte er zaghaft. „Aber wir ist doch das Herz schwer. Im Pelzrock wit dein Beil — also heirathe»! — Das; er es so ernst weint, hätt' ich doch nicht geglaubt. . ." „Eben d'rnm!" crwicderte sie. „Nun weiß er, was sein Pope und seine Leut' d'rübcr denken! Wenn er noch nicht ganz verrückt ist, so schämt er sich jetzt in Grnnd und Bode» hinein und läßt sich nicht so bald wieder bei »ns sehen. . ." Er schüttelte zaghaft den Kopf. „Aber wenn er ganz verrückt ist?" fragte er fast flehend. „So wird inan ihn binden und ins Irrenhaus bringen!" rief sie heftig. „Las; wich w Ruh'!" Ter nächste Tag schien ihr Recht zu geben; es >var znm ersten Mal seit langen Jahre», das; Janko nicht mit dein Schlag der elften Stunde eintrat. Mit klopfendew Herzen sas; Leib hinter der Barre; bei jedem Schritt, der draußen klang, fuhr er znsainwen. Für Miriam halle die Mutter iw Keller Arbeit geschasst. Aber »ach einer Weile guckte doch ihr Rothkopf in die Schäntstnbe. Als sie de» gewohnte» Platz leer sah, machte sie große Angen. „Was geht da vor?" fragte sie besorgt. „Gestern soll er betrunken gewesen sein, und heut' kowint er nicht?" „Miriam!" gellte hinter ihr die Stimme der Mutter ans der Küche. „Gleich," crwiederle sie, blieb aber noch. „Pater," bat sie, „Du solltest nach ihm sehen. Er ist gewiß krank!" „Rein . . .", mnrmelte er, „Ich weiß nicht . . . Aber tvenn D» weinst. . ." „Miriam!" „Thn's!" bat sie »nd verschwand. Ihm aber wälzte sich eine neue Last ans die Brust. „Wie besorgt sic um ihn ist," dachte er. Dann aber tröstete er sich: „C, ich Narr! Sie ist so an ihn gewöhnt und sollt' nicht nach ihm fragen?!" Hub wieder horchte er hinaus. Endlich schlug cs zwölf; Janko tvar nicht gekowwcn. Die Dorfstraße belebte sich — die Leute, die zum Mittagessen heinigekommen, zogen nun wieder ans die Felder — auch unter ihnen war Janko nicht. Leib trat vor's Hanslhor; das Herz wollte ihm nicht leichter werden. Fast hätte er steh wirklich znm Janko anfgewacht; nur die Furcht vor seinem Weibe hielt ihn zurück. „Es ist ja nicht Mitleid", dachte er, „aber vielleicht tvür's klug zu crfahrcn, was er nun eigentlich vor hat." Da belog der .Kleine, der feinen Anderen belügen konnte, freilich Ivieder einmal sich selber. Trotz asten Grauens vor dem „Thier" war doch auch Mitleid in dieser Empfindung, ei» ehrliches Mitleid. „Eben ein Bauer! Hat diese „Liebe" bekommen, als ob's eine Christin tväre, wist sie heirathe»! Ein dnmincr Bauer! Aber wie schrecklich ihm das gestern gewesen sei» muß, und heut' ist er vielleicht noch verzweifelter." Und hatte er nicht seit Jahren für diesen Menschen gesorgt?! Er war's nun einmal gelvohnt, um des Janko's misten Kummer und Sorge zu haben! Im nächsten Augenblick schalt er sich freilich ob seiner Schwäche. „Nein, llnstnn! Aber klug ivär's, klug!" . . . Da kam als einer der Letzten, die auf das Feld zurückkehrten, ein Knecht des Janko vorbei, der rolhe Saverko. Als ec den Schünkivirth gewahrte, trat er ans ihn zu. „Tn, Jnd'," sagte er, „Du weißt ja Astes vom Herrn, was hat's denn mit ihm gegeben?! Wird er doch vom Hof gejagt? Nämlich, seit gestern sitzt er in seiner Stube eingeriegelt und läßt die Wirthschaft gehe», wie sie will. Ißt nichts, starrt vor sich hin, spricht mit sich selber. Mir scheint" — er deutete ans die Stirn. „Und da läßt Du ihn astein?" rief Leib vorwurfsvoll. „Was soll ich denn thnn? Bor der verriegelten Thür sitzen und ihn in seinem Stall bewachen? Gottlob, den stiehlt ohnehin Niemand! Ich sag's Dir, weil Du sein Freund bist!" Er ging. Eine Sekunde noch stand der Jude nnentschiedcn, dann lief er die Dorsstraße hinab, dem Hause des Janko zu; die kleinen, krnmmen Beine strampelten so hastig im tiefen Staub der Straße, daß er ihn tvie Wölkchen umhüllte. „Er thnt sich sonst was an!" — mochte Chane schimpfe» und toben, Gott wostte, das; er znm Janko ging. . . . Endlich hatte er den Hof erreicht und lief um das Häuschen, wo Hilarion wohnte, dem Stalle zu, von dem sich Janko ein Käminerche» als Schlafranm abgegrcnzt hatte. ... Die Thür stand halb offen. Gottlob, es war Jemand bei ihm — und nun erkannte er die Stimme des jnngen Priesters. „Und ich sage Dir," rief Hilarion eben eifervoll, „sie wird sich nicht taufen lassen. Da kennst Du dies gottverdammte Volk schlecht — in der Blindheit stiid sie geboren und wollen darin verharren, bis sic zur Höste fahren — das ist der Fluch, den unser Herr auf sie gelegt hat! Und wenn sie sich taufen ließe — Gott schütze Dich vor dein jüdischen Bliit! Rachsüchtig sind sie Alle und habgierig und verlogen; eher mag ei» Stein Mitleid fühlen, als ein Judenherz . . ." Er sprach so laut, das; Leib jedes Wort verstehen konnte. Aber was nun Jaiiko mnrmelte, konnte er nicht erlauschen. Hingegen klang nnil wieder die Stimme des Priesters: „Nein, das Mädel ist nicht besser als ihresgleichen. Und wenn sie's iväre, werden'» Dir die Leute im Dorf glauben wollen? Sie werden Dich livch mehr hassen und meiden als jetzt, nnd dann mit Recht; Du wirst Deinen Hof anfgeben müssen, an dem Dein Herz hängt, nnd wirst ins Elend kommen mit Deinem jüdischen Weib nnd Deinen jüdischen Kindern. . . ." So iveit hatte der Kleine gelauscht; nun schlich er sich sacht hinweg, er fürchtete, entdeckt zu werden. . . . Erleichterten Herzens ging ec seinem Hause zu. Die bösen Worte, die Hilarion über seinen Stamm, sein Kind gesprochen, verwniideten ihn nicht; eben ein Christ, sogar ein Priester, wie sollte der anders reden? Aber gut uhu°, daß er dem Janko so kräftig abrieth unb vor Allein: nun that sich der Mensch gewiß iiichts an. ... Auch war Chane's Angst, daß Hilarion Lärm schlagen würde, sicherlich nnbegründet, da er dem Janko wohl wollte, so mußte er schon seinetwillen schweige». Auf der Bank vor der Schäiike sas; die Miriam und flickte an einem Kleid der Mutter. Als sie den Vater nahen sah, legte sie die Arbeit hin und ging;h»i entgegen. „Nun?" fragte sie, nnd die großen braunen Ange» blickten ihn angstvoll an. „Gesund . . .," erwiedcrte er. „Hat nur" — „zu viel z» thnn," wollte er sage», aber das wäre ja eine Lüge gctvesen — „mit dem Popen zu sprechen . . ." „Gerade um Mittag?" fragte sie erstaunt. „Ist es wegen seines Streits mit dem Onusrij? . . . Aber morgen kommt er doch?" Wieder stieg jenes heiße, dnnkle Angstgefühl in ihm ans. „Wahrscheinlich," sagte er stockend, niid seine Augen bohrten sich in das frische, derbe Antlitz. „Aber wenn nicht—müssen wir da sehr traurig sein?" Sie blickte ihn bestürzt an. „Was geht da vor?" fragte sie nnd faßte seine Hand. „Warum will er nicht mehr kommen?! . . . Natürlich würde ich traurig sein, Du doch auch? Wir haben ihn ja Beide gern!" Er zog sacht seine Hand zurück. „Es ist ja auch nichts geschehen", erwiedcrte er unsicher und ging ins Haus. „Eben die

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