Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- Seite 549 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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549 £1 immun uj'in IIMlUllimil! -^- w UlmUitj'miliCTKs I * 1 FEUILLETON 1 3 ggsnmunrnimiii ZsSünmUllintP M ■ 1 1 —, .nunmnuMiiiggg ITOmauMn3B Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) der int selbe» Augenblick ward auch die Thüre anfgerissen, ein junger Mann in geistlichem Gewände stürzte herein; es war der Hilfspriester, der bei Jauko wohnte; der Ruf der Frau hatte ihn erreicht, als er eben ins Pfarrhaus rvollte. „Barmherziger Gott!" schrie er ans. „Du, Jauko?!" Er riß dem Rasende» das Beit aus der Hand nub drängte de» Schmied zurück. „Frieden, Männer! — im Rainen Gottes! . . . Was geht hier vor?!" Niemand erwiederte. Noch inimcr tvdtenbleich, mit geschlossenen Auge» lehnte Jauko an der Wand, aber auch der Schmied fand kein Wort. Der Schrecken hatte ihn jählings ganz nüchtern gemacht, und inui lähmte ihm die Ehrfurcht bor dem Priester die Zunge. Trotz seiner jungen Jahre war der Pope Hilarion im Dorfe sehr geachtet; er war verständig, wollte seine Bauern nicht plötzlich zu Engeln machen, hielt aber ans Zucht und Ordnung. „Nun?" fragte er streng, diesmal zu Onnsrij gewendet. „Ihr habt ihn wohl wieder gehäuselt?" „Hm!" räusperte sich dieser verlegen. „Aber beliebet doch zu sehen, Hochwürdiger! . . Der Pelzrock, die Mütze, das Beil. . . Also auf Freiersfüste». . . Und kommt hierher. . ." Hilarion blickte erstaunt seinen jungen MiethSherrn und dann wieder den Schmied an. Er begriff offenbar gar nicht, wohin dieser zielte. Als ihm aber der Sinn aufging, färbte sich sein gntniiithiges Gesicht dunkelroth vor Zorn. „Schweigt!" herrschte er den Spötter an. „Schämt Ihr, ein Ehrist, Euch nicht, Euren Nächsten so zu beschimpfen? ... Um eine Jüdin werben! — wißt Ihr nicht, daß dies die größte Schmach ist, mit der sich ein Ehrist beladen könnte?! Er wäre gebrandmarkt und verdammt in diesem, wie im künftigen Leben! . . . Für einen Süffting und Streithammel Hab' ich Euch längst gehalten, für einen solchen Frevler nicht. . . . Das; ich das nie wieder höre! weh Euch, Onnfrij, wenn Jhr's nun ins Dorf tragt. . . Hört Ihr?!" Der Schmied senkte zerknirscht den Kopf. „Ich will'» nie wieder sagen," bethencrte er. „Aber gar so schlimm —" „Eine Jüdin!" brauste der Pope auf. „Einen schlimmeren Schimpf giebt's nicht! Ist Euer bischen Chcistenthum ganz im Schnaps ersoffen?! „Liebe Deinen Nächste», wie Dich selbst!" — Himmcltrenzdonnerwetter, wißt Ihr das nicht mehr?!" „Ja, ja!" bethencrte der Schmied, „Aber — was hält'ichstonst denken sollen?! Dieser Anzug am Wochentag. . ." „Geht das Euch was an?" schnitt ihm der Pope das Wort ab. Tann wandte er sich an Jauko, der noch immer mit festgcschlossene» Augen, wie betäubt, an der Thüre lehnte; nur die Hände zerrten wie im Krampf an dem Ledergürtel. „Nun, Jauko, sag's uns, damit das Lästermaul gründlich gestopft ist!" Der junge Bauer zuckte zusaninie» und riß die Augen auf. Verstört starrte er den Popen an, der das Beil immer noch in der Hand hielt. Hilarion deutete den Blick dahin, daß Jauko sein Beil wieder haben wolle. Die einst so kampflustigen Ruthcncn schmücken sich heule, wo sie durch die Znchtrnthe des Polen, den Weihwedcl des Jesuiten der deiuüthigste Slavcnstamm geworden sind, nur noch selten mit diesem Wahrzeichen des freien Mannes, aber haben sie das Beil in die Hand genommen, so gilt es als arge Schmach, cs sich entreißen zu lassen. „Ta!" sagte der Pope und drückte ihm den Griff in die Hand. „Aber nun rede!" Ter Bauer öffnete den Mund, aber nur ein gurgelnder Lank brach ihn« aus der Kehle. Er schüttelte den Kopf, dann wandte er sich ab und taumelte zur Thüre hinaus. Bcrblüfft blickte ihm der Pope nach. „Seltsam!" sagte er dann. „Ihn muß tvas bitteres getroffen habe». Muß er vielleicht zu Gericht, einen Schwur leisten?!" Er wandte sich freundlich an den Kleinen, der all'die Zeit fast ebenso verstört dagestanden, wie Jauko. „Weißt Du cs nicht, braver Leibko?!" Er nannte ihn inaner so, meinte auch daS Lob ernst; er schätzte den Inden sehr und hatte wahrlich keine Ahnung, wie sehr er ihn doch eigentlich vorhin durch seine Standrede an den Schmied beleidigt. „Du bist ja sein Freund?!" Leibko fuhr zusammen. „Warum er . . .?" begann er stotternd Muß ich lügen?! dachte er erschreckt. Da fühlte er zu rechter Zeit die knochige Hand seines Weibes in seinen Rippe». „Ich . . ich. . ." Es war gut, daß der Pope ihn »ich! ansah. Er blickte zum Fenster hinaus, dem Jauko nach. Langsam ging der junge Bauer dahin, seinem Hanse zu, sehr langsam, das Haupt gesenkt, unsicheren, fast taumelnden Schritts, wie ein Mensch geht, der einen snrehtbaren, betäubende» Schlag anfs Haupt erhalten. „Also, Du weißt es auch nicht?" fragte Hilarion. „Nun, ich bring's schon heraus. . Er griff nach seinem Hut. „Hub Ihr könntet nun auch heimgehcu," wandte er sich an den Schmied. „Ein Hausvater, der am Wochentag in der Schänke sein Geld verfällst! Und ich wette, Ihr habt es eben erst gepumpt!" Da aber richtete sich der Schmied auf. „Blag sein," erwiederte er bescheiden, jedoch fest, „aber das geht weder Kaiser noch Papst lvaS an, geschweige denn Euch. Vorhin habt Ihr Recht gehabt, das will ich auch halten, es gehört zum Christeuthnm. Aber wann ich trinke und wie viel ich trinke und woher ich das Geld dazu habe, das gehört nicht zum Christenthum!" Der Pope setzte sich in Positur und stemmte die Arme in die Hüften. Aber er ließ sie rasch wieder sinke». „Wie Ihr wollt," sagte er gleichmüthig. Denn er sah ein, daß er dazu weit gegangen war; verbot er seinen Pfarrkiudern das Trinken, dann gehorchten sie ihm auch in Dingen nicht mehr, die ailch nach ihrer Meinung den Popen angingen. „Ein guter Rath steht Jedem frei!" Nachdem er gegangen war, setzte sich der Schmied wieder behaglich hin und ließ sich ein drittes Fläschchen bringen. Leib aber schlich zu seinem Weib in die Küche. „Nun, was sagst Du dazu?" seufzte er. „Ich Hofs' nur, unser Miriamchen hat nichts gemerkt . . ." „Nein," erwiederte sic. „Sie weiß nur, daß Jauko mit dem Schmied gerauft hat. Daß er betrunken war, glaubt sie nicht, aber daran liegt nichts. . . Was ich sonst dazu sage? Daß Tn der größte Narr in ganz Polen bist!" Er fragte nicht tvarum, sondern beugte stninm sein schuldiges Haupt. „Um ein Haar," wetterte sie, „und Du hätt'st unser Kind unglücklich gemacht fürs ganze Leben! „Ja, ich ivciß, meine Tochter wist er heirathen!" — der Pope hält' dann einen Lärm gemacht, den man bis Lemberg gehört hätt' und nicht blos bis in die Haliczer