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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
Seite 548 (sequence 10)
Language
German
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nicht bei dem groben, herrlichen Freund, sonder» in der Lektüre der Bibel, bei David und Jonathan Trost!" Demnach scheint es, gelinde gesagt, sehr paradox, wenn Portig behauptet: „Ja, man muß geradezu ans der Höhe der modernen Kultur stehen, mau muß womöglich mit ganzer Seele germanisch empfinden, um den Reichthum der Liebe und der Freundschaft auch nur fasse», geschweige denn geben zu fönneu J1) Kehren wir nun zur Bürgschaft zurück. Treue ist das Einlöseu eines gegebenen Versprechens in einem Falle, wo dieses nicht in Widerspruch steht mit irgend einer andern Pflicht; wo das Eiulösen des gegebene» Wortes wohl Mühen und Schwierigkeiten zu überwinden hat, aber nicht im Kampfe mit andern, älteren und heiligeren Pflichten steht. Dieses Gefühl aber, das uns drängt, solche Pflichten außer Acht zn lassen — cs kann nur Liebe oder Freundschaft, aber nicht „Treue" sein, da nur im Geiste der Liebe oder Freundschaft gehandelt wird und nicht in der kühlen Erwägung, das gegebene Versprechen einzulösen. Jonathan erregt den Zorn des Königs und wagt sein eigenes Leben; er vergißt den Vater und tritt für den »»glücklichen Freund ein — das ist nicht mehr Treue, sondern Freundschaft. Nicht die Treue wollte Schiller in der Bürgschaft verherrlichen, sondern die tvahre Freundschaft! Daß aber Schiller nur an eine solche Freundschaft gedacht, das geht am deutlichsten aus den Worten Marquis Posas hervor, den er sagen läßt: „Das Königreich ist dein Beruf, für dich zu sterben war der ineinige! Ebenso legt er dem Prinzen die Worte in den Mund: „Vater, will ich sagen, das hat ein Freund für seinen Freund gethan! Endlich: „Ja Sir, wir waren Brüder! Brüder durch ein edler Band, als die Natur es schmiedet. Sein schöner Lebenslauf war Liebe, Liebe für mich sein großer, schöner Tod!" Eine große Uebereinstinnnnng mit alttestamentlicher Anschauung zeigt die Schillersche Muse in dem Hohentiede der Freude. Schiller nennt die Freude einen „Götterfunken", dessen Zauber wieder bindet, was die Mode streng getheilt; durch die Freude „werden alle Menschen — Brüder" und weil die Freude zur wahren Menschenliebe führt, führt sie auch zu — Gott! Die Quellen der Freude erblickt Schiller in der Ehe rind in der Freundschaft, denn also singt er: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zn sein, wer ein holdes Weib errungen, mische seine» Jubel ein!" Tie Freude ist ihm die Tochter der Wahrheit, die Schwester der Tugend und die Geliebte des Glaubens; sie macht wohlthätig gegen Menschen und leitet zur Dankbarkeit gegen Gott. Diesen Gedanken, daß alles Gute nur im Sonnenstrahl der Freude reisen kann, finden wir aber nirgends schöner ausgedriickt, als in der alttestamentlichen Litteratnr. Im 100. Psalm fordert der Pfalmdichter auf, in Freude und Fröhlichkeit dem Herrn zn diene», denn nicht Trübsinn und Traurigkeit, nicht Weltflucht und Weltverachtung führe» zu Gott und Göttlichem, sondern die Freude, denn sie macht dankbar, weil sie von dem Meuschenange die Binde hebt welche der Trübsinn um dasselbe zu legen pflegt. Auch nach alttestamentlicher Anschauung ist nicht etwa der Ueberflnß an zeitlichen Gittern (Hiob 31, 2-')) oder der Sturz des Feindes (Hiob 31, 25) die Quelle, aus der die Freude fließt, sondern das Gute (II. Ehr. 0 41), die den göttliche» Willen zum Ausdruck bringende Rechtschaffenheit, die Unschuld (Kohelet I I, 9) der Jugend und die Ehe (Spr. Sal. 5,18). Ja, ans dem Dichterwort: „Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur, Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr" — aus diesem Tichterwort klingt uns jener talmudische Spruch entgegen, in dem es heißt: Nicht am Traurigen, nicht am Lässigen zeigt sich die Gotteskraft, sonder» an dem Frohen und Fröhlichen! ') Nur noch ein einziges Kapitel wollen wir ans dem Lebensbuch heransgreifen, um noch an ihm nachznweisen, wie die Schillersche Muse biblische Gedanken zum Ausdruck brachte, das Kapitel — Weib. Was die Liebe zum Weibe betrifft, so hat Schiller ihren wahre» Werth in dem Liede „Die Begegnung" mit folgenden Worten gezeichnet: „Nur Liebe darf der Liebe Blumen brechen; der schönste Schatz gehört dem Herzen an, das; ihn erwiedern und empfinden kann" — d. h. die wahre Liebe ist nicht käuflich; sic hat nicht Geld nicht Gnt, nicht Stand und Rang zn ihrem Werthmesser — sondern einzig und allein — die Liebe, die sie erwiedert und empfindet. In gleicher Weise singt ei» unbekannter biblischer Dichter im Hohenliede 8, 7: „Nicht vermögen alle Flnthen anszulöschen der Liebe heiße und heilige Gluthen; will Jemand für Schätze sie begehre», mit Verachtung wird wahre Liebe sich von ihm kehren!" Nicht minder in biblischem Geiste möchten wir sagen, hat Schiller in der „Glocke" das Weib besungen, wenn er von demselben folgendes Bild entwirft: „Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder und herrschet weise im häuslichen Kreise. Und lehret die Mädchen und wehret den Knaben, und reget ohne Ende die fleißigen Hände, und mehret den Gewinn mit ordnendem Sinn. Und füllet mit Schützen die duftenden Laden und dreht nui die schnurrende Spindel den Faden. Und sammelt in reinlich geglättetem Schrein die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein." Auch der biblische Dichter, der das älteste „Lied vom braven Weibe" angestinnnt (Spr. Sal. 31, 10—31) schildert die Vorzüge des Weibes in ähnlicher Weise. Auch er rühmt das Weib als Gattin, auf die der Gatte sich verlassen kann. Arbeitsamkeit und Fleiß sind auch ihm die unerläßlichen Eigenschaften eines guten Weibes. Auch der biblische Dichter rühmt die Mutter als die natürliche und daher geeignetste Lehrerin der Kinder, kurz — wer das Lied von der Glocke mit dem Liede vom braven Weibe vergleicht, dem kann es nicht zweifelhaft sein, daß der deutsche Dichter durch das biblische Lied angeregt wurde. Doch soll nicht verschwiegen werden, daß die beiden Dichter denn doch in einem einzigen Punkte von einander abiveiche». Der biblische Sänger nämlich zählt zn den Vorzügen des Weibes auch die Wohlthätigkeit und die Gottesfurcht, während er die Frauenschönheit als einen falschen Schmuck bezeichnet. Schiller dagegen singt von der Schönheit des Weibes: „Wahre Königin ist nur des Weibes weibliche Schönheit, lvo sie sich zeigt, sie herrscht, herrscht blos, weil sie sich zeigt." Trotzdem dürfen wir nicht glauben, daß der biblische Dichter so ganz und gar nicht den Werth der Schönheit zu schätzen weiß. Nur dort, wo diese in Konkurrenz treten will mit der Frömmigkeit, gilt sie ihm nichts. In; Uebrigen lvar man sich auch im Judenthum des Werthes der Frnueuschönheit bewußt, wie der Ausspruch eines Talmudlehrers beweist, der behauptet: Das Weib hat seinen Lebenszweck mit seiner Schönheit erfüllt! Das bisher Gesagte ist zwar nur ein Bruchstück des großen Ganzen, das wir an einer andern Stelle über das Berhültniß Schillers zur Bibel geben wollen. Allein selbst dieses Wenige genügt, um den Ausspruch Goethes über die Bibel zn bestätigen: „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Theil als Fundament, zum Theil als Werkzeug der Erziehung genutzt werde», freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen!" — Solch ein Weiser war — Schiller! 0 Portig: Schiller in seinem Verhältniß zur Freundschaft und Liebe. i) Trakt. Sabbath 30 b.

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