Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- Seite 547 (sequence 9)
- Language
- German
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547 Schiller und die Bibel. Von Dr. S. Feßler, Rabbiner in Halle a. S. II. as nun den Einfluß der Bibel auf Schillers Dichtungen betrifft, so zeigt sich derselbe in den Gedichten sowohl als auch in den Dramen. Doch wolle» wir vorläufig nur von den Gedichten eine kleine Auswahl treffe», um an ihnen den Nachweis für unsere Behauptung zu führen. In dem Gedichte „Das Glück" begegnen wir dem Grundgedanken: „Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab." Wohl kann der ernste Wille des Menschen Vieles erreichen, kann „durch der Tugend Gewalt selber die Parzen beziviugen" —, allein nur mühevoll und oft nur nach vielen Thränen, denn „was ihm die Charis neidisch geweigert, erringt nimmer ver strebende Mulh", während die Lieblinge des Himmels das Glück im Schlafe erlange». Vergegenwärtigen wir uns beim Lesen dieses Gedichtes den Psalm 127, so fällt es uns nicht schwer, zu errathen, woher Schiller den Hauptgedanken seines Gedichtes vorgefnnden hat. „Wenn der Herr nicht bauet das Hans," also singt der Psalmdichter, „mühen sich die Bauleute vergebens. Vergebens werdet ihr früh anfstehen, vergebens bis in die späte Nacht hinein wachen, vergebens auch euer Brod mit Thränen essen, denn das Glück gewählt Er seine» Lieblingen im Schlafe." Wenn aber in dem erwähnten Gedicht die Schillersche Muse singt: „Gern erwählen sie (die Götter) sich der Einfalt kindliche Seele, in das bescheidene Gefäß schließen sie Göttliches ein," so wiederholt der deutsche Dichter und Prophet nur das, was der Seher Israels (Jesaja 57, 15) mehr als zwei Jahrtausende vor ihm gekündet hat: „Denn also, spricht der Hocherhnbene, der in der Unendlichkeit thront: In heiligen Höhen wohne ich, aber — auch bei den Demüthigen und bei denen, die bescheidenen Sinnes sind!" Viel deutlicher noch, als in dem erwähnten Gedichte, treten die Spuren der heiligen Schrift in der meisterhafte» Ballade, in der „Bürgschaft", hervor. Schiller selbst berichtet zwar, er hätte den Stofs zu dieser Dichtung dem Fabelbnche des Hyginus zu verdanken. Allein die zurückhaltenden Motive, „der angeschwollene Strom", „die Räuber", „der quälende Durst" sind Schillers eigene Znthat. Gegen das Motiv des Durstes wandte schon Goethe ein: „Es möchte physiologisch nicht ganz zu billigen sein, daß Einer, der sich an einem regnichten Tage ans dem Strome gerettet, vor Durst umkommen will, da er »och ganz naffe Kleider haben >»ag."i) Dieser Einwand ist zwar geistvoll und berechtigt von Seiten des Physiologen, allein er schwindet sofort, wenn wir uns der biblischen Erzählung erinnern, welche dem Dichter hier vorgeschwebt und ihm zu den beiden Motiven der Räuber und des Durstes »erhoffen hat. Im Buche der Richter Kap. 15. 14—20 wird von Simson erzählt, daß er mit Philistern zu kämpfen hatte. Nachdein er mm dieselben besiegt, übermannte ihn der Durst. Er betete und sprach: O, Gott! Du hast mir diese große Hilfe gewährt und sollte hier vor Durst vergehen? Da spaltete sich der naheliegende Fels und ein Quell brach hervor, ans dem Simson trank und wieder auflebte. Räuber und Durst, daß sie Schiller ans dieser Erzählung geschöpft, das beweist die fast wörtliche Uebereinstimmnng des Gebetes in der Bürgschaft ivie in der Bibel. Bei Besprechung dieser Ballade wird die Frage anfgeworfeu: „Aber wie? Schwächt und verdunkelt nicht von diesen beiden Ideen — der Treue und Freundschaft — eine die andere? Sein gegebenes Wort mnßte Möros halten, auch wenn 0 vgl. Hoffmeister z. St. der Andere sein Freund nicht war, und seine Pflichterfüllung verliert an Erhabenheit, wenn ihn die Freundschaft bei derselben unterstützt." Dagegen kann auch die Freundschaft in der That des Möros nicht in ihrem wahren, Hellen Lichte erscheinen und erglänzen, ivie etwa in dem Wettstreit des Orestes und Pylades, da von diesen einer der Diana geopfert werde» sollte, wollte Jeder freiwillig für den Andern sterben. Möros aber handelte nicht mehr frei, er ist ja an sein gegebenes Wort gebunden, und er leistet dem Freunde nicht mehr, als er auch dem Feinde schuldig wäre?) Hofsweister findet es auffallend, daß an einigen Stelle» dieser Dichtung — die Treue — nämlich das strenge Worthnlten, an anderen — die persönliche Zuneigung — die Freundschaft hervortritt. „Wegen dieser Mängel", sagt Hoffmeister, „möchte» wir das Urtheil, daß die Bürgschaft zu unseren vollendetsten Balladen gehöre, nicht unterschreiben." Allerdings, wenn wir gleichsam die ästhetische Sonde an diese Dichtung legen, dann dürfte sich ihr Werth vielleicht um Weniges verringern; allein wer sagt uns denn, daß dieses Freundschaftsideal, von dem Schiller sich hat begeistern lassen, gerade nur das griechische war? Hatten die Griechen ihre» Orest und Pylades, so hat die jüdische Litteratur ihren David und Jonathan. Sehen wir doch einmal zn, ob das Ideal der Freundschaft, welches Schiller bei dieser Dichtung vorgeschwebt, das griechische und nicht vielmehr das biblische gewesen ist. Achten wir zunächst ans ein bedeutsames Moment in der Freundschaft zwischen David und Jonathan — ans die Ungleichheit der beiden Freunde! Hier stehen die beiden Freunde nicht ans gleicher Stufe, sage» wir — nicht ans gleichem sozialen Boden, da der eine Königssohn, von dem Volke geliebt, nichts weiß von des Lebens Noth und Pein. Der Andere dagegen — David — ist nur eines Heerdenbesitzers Sohn, dessen Tapferkeit ihm den Unwillen seines Königs zngezvgen, der nicht abläßt, ihn zu verfolgen. Hier ist es nicht der Hochgestellte, dem man die Freundschaft schon ans Berechnung und Eigennutz cutgegenbringt, »ichl der Glückliche, der ihrer bedarf, sondern ein Geächteter, der keinen Freundschaftsdienst belohnen kann. Und eben Jonathan, der glückliche Prinz, bringt die selbstloseste Freundschaft einem Ungtücktichen, einem Verfolgten entgegen. Dazu kommt noch ein zweites Moment. Jonathan stellt sich zwischen den König und den Unterthan, ja noch mehr, zwischen den eigenen Vater und — einen Fremden! Das ist wohl ein höheres Frenndschaftsideal als das zwischen den beiden gleichgestellten, griechische» Freunden. Nur von einem solche» Frenndschaftsideale konnte Schiller begeistert werden, er, der da singt: „Todte Gruppen sind wir, wenn wir Haffe», Götter, wenn wir liebend uns umfassen!" Schiller hat die Selbstlosigkeit bis zur Todesverachtung als den Nährboden der Freuudschaftsblume betrachtet. Aber nur der Hochstehende, der Unabhängige und Freie kann sich diesem Ideale der Frenndschaft nähern, ohne den Verdacht des Eigennutzes zu erwecke», einer Freundschaft, „in der sich schöner malt die schöne Erde, heller, reizender sich malt der Himmel!" In der That sagt Minor:") „Die Urbilder hoh:c Freundschaft, von welchen das Alterthum und die Bibel erzählt, standen Schiller vor Angen, als er sich in Scharffenstein einen Freund für die Unsterblichkeit erkor. Als David und Jonathan, wie sie die Bibel schildert und Klopstock in einem herrlichen Wettgesang ihre Zärtlichkeit anstauschen ließ, kamen sieh die beiden akademischen Freunde vor, und als dieses Freundschaftsbaud gelockert wurde, suchte Schiller 1) Hoffmeister III. 331. 2) Minor: Schiller, Leben und Werke I, 164.