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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
Seite 546 (sequence 8)
Language
German
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546 unschuldiger Juden durch das Schwurgericht in Buseu hervorgerufen hat, begegnet werden könnte. Das englische Parlament hat eine diplomatische Intervention verlangt; alle Kabinette, mit Ausnahme des russischen, sind einig, in dieser Sache gegen Rumänien vorzugehen. Der Fürst hofft, mit der Begnadigung der Verurtheitten den Sturm beschwören zu können. Am 26. April/8. Mai 1872 empfängt der Fürst einen Brief vom Kaiser Wilhelm I. (vom 27. April n. St.), den derselbe dem heimkehrenden Minister Mavrogheni mitgegeben hatte, in dem es heißt: „Wenn in den neuesten Ereignissen bei Dir die Schuld der Juden, nach Ausspruch Deines eigenen Gouvernements, gar nicht so groß war, als man anfänglich glaubte, und nun dennoch die harte Strafe erfolgt ist, so ist allerdings Gnade wohl angebracht und andererseits die nicht schnell und stark genug angewendete Reprimirung von Aufläufen und Judenverfolgungen zu bedauern. Dies macht natürlich im Auslande immer wieder den Eindruck, daß die inneren Zustände Rumäniens noch immer nicht fest geordnet sind " Gin Freund Fritz Ueuter s. ist bekannt, baß Frist Renter viele und intime Beziehungen JOc) z» Inden hatte und daß manche jüdische Typen in seine» v—'' Dichtungen auf diese Beziehungen zurückzuführen sind. In den nächsten Tagen erscheint hier ein neues Buch von Dr. Karl Theodor Gaedcrst: „Aus Fritz Reuter's jungen und alten Tagen" dem wir eine» Brief, der für Reuter's humane Gesinnung ungemein charakteristisch ist, entnehmen. Während Reuter noch vostauf mit dein Bau und der Ausschmückung seines Poetenheims, der bekannten Vista Renter bei Eisenach, beschäftigt war, wurde ihm durch Verleihung des Tiedgcpreises eine Ehrung zu Theil, welche ihn veranlaßte, ein in seiner Vaterstadt Stavenhagen zu errichtendes Krankenhaus zn unterstützen. Ein solches war schon der Lieblingsplan seines längst verstorbene» Vaters, des Bürgermeisters, gewesen. Jetzt verwirklichte sich sein Herzenstvnnsch, und der Sohn hielt es für seine Pflicht, pietätvoll als einer der Ersten eine namhafte Summe beizntragen. Dieser schöne Charaktcrzng kam, wie der Herausgeber sagt, bisher nicht zur öffentliche» Kenntuiß; er zeigt sich indem folgenden inhaltsreichen Briefe an seinen alten Schulkameraden, den praktischen Arzt Dr. Michel Liebmann zn Stavenhagen: Mein lieber treuer Bruder, Weiß Gott, mit wahrem Schauder setze ich mich täglich an den Schreibtisch, um eine fast erdrückende Korrespondenz abzuwickelu, aber heute Morgen ist es anders, heute Morgen ist es eine Freude für mich. Wie ich aus den mecklenburgischen Zeitungen ersehen habe, habt Ihr Stemhäger einen langersehnten Wunsch meines verstorbenen Vaters, die Errichtung eines Krankenhauses, der Erfüllung nahe gebracht, und da wollte ich doch auch mein Scherflein beisteuern. — Der gütige Gott hat meine Schriftstellerei reichlich gesegnet, so daß ich nach menschlichem Ermessen wohl ohne Sorge in die Zukunft schauen kann, und nun läuft mir da gestern ein hübsches Goldfischlein in mein Netz, und das, denke ich, soll Euch für das Krankenhaus zu Gute kommen. Mir ist nämlich die große Ehre geworden, daß mir die deutsche Nation durch das Komitee ver Tiedge-Stiftung in Dresden einen Ehrenpreis von IVO Dukaten übermittelt hat. Und von dieser Summe habe ich für meine liebe Vaterstadt die einliegenden 280 Rthlr. preuß. Cour, zu dem oben angeführten Zweck bestimmt, der Rest wird in ähnlicher Weise verwendet werden; ich halte es nämlich für Unrecht, eine solche ehrenvolle Gabe für Fleisch und Brod und Hosen und Röcke zu verwenden, wenn man's nicht gerade hochnöthig hat. Nicht weil Dein und Deines Schwiegersohnes Name in deni betreffenden Zeitungs-Artikel genannt wurde, sondern weil ich seit langen, langen Jahren Dein treues, ehreni volles Wirken in Deinem Berufe und Deine Liebe und Freundschaft für mich kenne, sende ich diese Gabe an Dich. — Dir, dem Juden, der in trübster Zeit, in Noth und in Tod treu zu mir gestanden hat, verdanke ich vielmehr, als manchem durch seinen Glauben aufgeputzten Christenmenschen. Nun kommen fie. Viele, ach sehr Biele! Es sind die bravsten Leute und aufrichtigsten Freunde darunter; aber damals, als es Noth that, da hatte ich wirklich keinen, der mir so treu zur Seite stand, wie Du. Nun grüße mir Deine liebe Anna von ihrem allen Onkel und von dessen Frau, streich' ihr in deren Namen das schöne Haar von der weißen, hohen Stirn, und dann geh' zu den Meinigen, grüß' sie ebenso warm und dann zu dem ehrenhaften, lieben Pastor Niederhöfer und dank' ihm für seine Treue in meinem Namen. So, nun, Ihr lieben Stemhäger Kinder, genießt es in Gesundheit — hätte ich beinahe gesagt, wenn's nicht für schwere, kranke Tage gesandt wäre. Dein alter Freund Eisenach, d. 24. März 1867. Fritz Reuter Der in dem Brief erwähnte Schwiegersohn ist der jetzt in Berlin lebende Sanitätsrath Dr. Reß, Gatte von Anna Liebmann. Ihr Vater war, wie Gaerdetz dazu bemerkt, von Jugend ans mit Renter befreundet gewesen, hatte mit ihm auf derselben Schulbank in Friedland gcseffen und sich nachmals in Stavenhagen als praktischer Arzt niedergelassen. Zur Zeit, da Fritz Renter von einer Festnng zur anderen geschleppt wurde, tröstete Liebmann den armen Vater, und wenn Letzterer in seinem strengen Sinn bitter und hart sich über seinen Sohn äußerte, dann war Liebmann Derjenige, ivclcher den unglücklichen Freund warm in Schutz nahm. Dr. Liebmann ist der Doktor So und So (im 3. Theil der Strointid, 43. Kapitel), welcher dem Notar Slns'nhr schriftlich bezeugt, daß die von Bräsig verabreichten Hiebe ihm nicht geschadet haben. Ein ähnliches Attest soll er wirklich einem „durchgeprügelten Stemhäger" ansgestestt haben. Seine Tochter, die besonders schönes, blondes Haar hatte, das sie als junges Mädchen in langen Zöpfen trug, ist „de lütt Akzesscr", auch „de lütte Anna", Luise Hawermanns Freundin, aus der Strointid, wo es Kapitel 34 heißt: „De Bader von de lütte Anna was en Doktor, un en Titel hadd hei gor »ich, äwer hei hadd wat Beteres, hei hadd en Hart för de Armauth." Damit stimmt die Erzählung eines hochbetagten Einwohners von Stavenhagen überein, daß bei Dr. Liebmanns Leichenbegängniß (Dezember 1874 oder Januar 1875) die Bürger hinter seinem Sarge gegenseitig sich zu gerufen haben: „All tausamen, wie wi hier gähn, — schüstig stind wi em ast wat!" Es ist dies bezeichnend für sein aufopfernd uneigennütziges, segensreiches Wirken als Arzt und Mensch. Den eben mitgetheilten Brief Reuters erhielt Theodor Gaedertz von dem bekannten trefflichen Schauspieler Moritz vom Hoftheater in Oldenburg, einem Neffe» des Adressaten und Mecklenburger von Geburt. Als Moritz, in Erfurt gastirend, einst einen Abstecher nach Villa Reuter machte, hieß es: der Dichter wäre nicht zu sprechen. „Sagen Sie, ein Neffe des Dr. Liebmann aus Stavenhagen überbrächte Grüße!" Und siehe da, Fritz Reuter empfing den Besuch auf's Herzlichste, erkundigte sich eingehend nach dem Onkel, freute sich an dem Talent des jugendlichen Mimen und rief lebhaft aus: „Stih, snh, dat is ja prächtig! Sie können noch ein zweiter Dawison werden!" Vor einiger Zeit ist ein Buch erschienen, das die interessantesten Typen aus den Dichtungen Fritz Reuters auf die Originale im Leben znrückführt und diese biographisch schildert. Wir werden daraus nächstens die jüdischen Typen Reuters vorführen, in dessen Dichtungen Inden »nd Judenthum eine ansehnliche Roste spielen.

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