Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- Seite 545 (sequence 7)
- Language
- German
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545 Auch uns der Heimath hört er mancherlei über diese Frage. Am meisten lvird er natürlich in Paris über die Judenfrage interpellirt. 25. September/7. Oktober. Eine antijüdische Bewegung in Bukarest ist leicht beseitigt worden, sie hatte sich bei Gelegenheit einer deutschen Theatervorstellung manifestirt. 27. September/9. Oktober 1869. Darauf Empfang Cremieux', der mit einem Komitee der Alliance Israelite um Audienz beim Fürsten nachgesucht hat; lange Diskussion über die Judenangelegenheiten in Rumänien. Der Fürst nimmt sein Volk, welchem Unduldsamkeit vorgeworfen wird, lebhaft in Schutz. Kaum ist der Fürst au der Seite seiner jungen Gemahlin wieder nach Rumänien zurückgekehrt, taucht sofort die alte Seeschlange wieder ans, wie folgende Mittheilullgen beweisen. 16 /28. Dezember 1869. Qu der Kammer ist eine Interpellation wegen der Thätigkeit der Alliance Israelite im Lande eingebracht worden Sie gründet sich auf die Thatsache, daß der Minister des Innern zwei Herren, die im Aufträge der Alliance Land und Leute kennen lernen wollten, Empfehlungen an die Präfekten der Distrikte mitgegeben hat. Aus statistischem Material weist der Interpellant, Erodesku, nach, wie unverhältnißmäßig die Zahl der Israeliten in der Moldau sich vermehrt habe, während die rumänische Bevölkerung da, wo sie in Kontakt mit den Juden sei, geradezu einen Rückgang erfahren habe. Er wirft dem Minister vor, daß dieser den Israeliten zwar nicht die Erlaubniß zur Niederlassung in den Dörfern, wohl aber zur Pachtung der Staatsdomänen gebe. Cogalniceanu weiß sich mit großer Beredsamkeit von dem Verdachte äu reinigen, daß er die Juden auf Kosten der Rumänen begünstige oder der Alliance Israelite zu großes Entgegenkommen zeige, giebt aber zu, daß er nicht die Mittel besitze, um den starken Zuzug der Israeliten cuto Russisch-Polen und Galizien zu verhindern. Darauf greift ihn ein Mitglied der Opposition von Neuem an, daß er keine Vorkehrungen gegen diese Invasion treffe. Wenn nicht die rumänische Nationalität bald vollends zu Grunde gehen solle durch die Juden, müsse man schleunigst den "Antrag der judenfeindlichen Fraktion aus dem Jahre 1868 hervorholen und Gesetz werden lassen. Cogalniceanu antwortet, daß er ja vorgeschlagen habe, die Juden cm den Donaumündungen anzusiedelu, dieser Gedanke habe aber keinen Anklang gefunden — so möge die Kammer selbst nun einen positiven Vorschlag machen! — 18., 25. Januar 1870. Strat berichtet aus Paris, daß die Debatten der Bukarester Kammer über die Judenfrage einen sehr schlechten Eindruck gemacht Hütten, besonders da einige Mitglieder der rumänischen Regierung ihr Uebelwollen gegen die Alliance Israelite nicht verhehlt Hütten. Eremieux habe infolgedessen die Absicht, durch eine Interpellation im gesetzgebenden Körper gegen die geplante Aufhebung der Konsulargerichtsbarkeit in Rumänien zu protestiren, weil Frankreich kein Vertrauen zu der rumänischen Justiz haben könne. 26. Januar, 7. Februar 1870. Außerdem betont man die Gefahren, welche die Neubelebung der Judenfrage mit sich führe. Endlich heisst es einmal am 8.15. Februar 1870: „In der Judenfrage ist es Strat gelungen, die maßgebenden Politiker Frankreichs von den freiftnnigen Anschauungen der Mehrheit des rumänischen Volkes zu überzeugen. ''Aber diese lieber,zeugung datierte noch nicht lange, denn kurz darauf hören um' wieder Folgendes: 14.;26. April. In der Moldau (Jecutschi) ist es während der Ostertage zu Ausschreitungen gegen die Jtlden gekommen. Das macht die Lage, welche durch die Ministerkrisis und die allgemeine Finanzklemme schon hinreichend schwierig ist, noch verwickelter. Die Lösung der Krisis durch ein Ministerium Jepureanu gewährt neue Hoffnungen. 20. April/2. Mai 1870 Die Vertreter der Westmächte sprechen dem Fürsten ihre Glückwünsche zur Beseitigung der Ministerkrisis aus und sagen, daß der Name Jepureanu dem Auslande alle Garantien biete, besonders auch rücksichtlich der Judenfrage. Daß es den Westmächten damit ernst ist, beweist kurz darauf eine Unterredung des rnmänischen Gesandten Stnrdza mit dem Grafen Andrassy, wobei Letzterer bemerkt: 18./SO. Mai. . . . Was endlich die Aufhebung der Konsulargerichtsbarkeit anlange, so stehe diesem Wunsche Rumäniens zweierlei entgegen: der Mangel an Vertrauen zu dem rumänischen Richterstande und die Judenfrage. Auch der damalige preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm spricht sich in einem Briefe an den Fürsten aus Potsdam vom 28. Mai über die rumänische Judenfrage aus: „Die ewigen Judenhetzereieu bei Dir sind eine wahre Kalamität; ich weiß wohl, wie der Jude insgemein von den Strolchjuden in Rumänien zu unterscheiden ist, und ärgere mich daher stets von Neuem, wenn Nachrichten von Krawallen eintreffen, gegen welche die auswärtigen Schutzmächte Protest erheben." In den svlgenden Jahren tritt die Judenfrage hinter den großen politischen Ereignissen zurück; man erinnert sich ihrer erst wieder, nachdem auch Rumänien sich beruhigt hat, in recht charakteristischer Weise. 29 Januar/9. Februar 1872. In Ismail und Eahul (Bessarabien), sowie in Bra'cka sind Ausschreitungen gegen die Juden vorgekommen; in Galatz hat die Energie des Präfekten die von den Oppositions- Politikern angestifteteu Krawalle verhindert; in Cahul hat der Pöbel die Juden thätlich mißhandelt, so daß mehrere schwer Verwundete auf dem Platze blieben. Die Haltung der Regierung ist eine so entschiedene gewesen, daß trotz dieser beklagenswerthen Vorgänge die Generalkonsuln in Bukarest nicht umhin gekonnt haben, dem Ministerimn ihre Anerkennung auszusprechen. Sechs Tage darauf schreibt der Fürst au feinen Vater: 15. Februar 1872. . . In den bessarabischen Distrikten sind von der Oppositionspartei einige Judenhetzen ins Werk gesetzt worden; die Regierung hat aber sofort zu energischen Maßregeln gegriffen, um die Ruhe wiederherzustellen. Die Zeitungen übertreiben wieder furchtbar und sprechen von Hunderten obdachloser Familien unb von Massenauswanderung der Juden nach der Dobrudscha. Dies gehört wieder einmal in den Bereich der Erfindungen. Alle Vertreter der Großmächte müssen bezeugen, daß die Regierung ihre Pflicht gethan hat! Ob dies nun wirklich so der Fall gelvesen, bleibt dahingestellt. Jedenfalls ist die Ruhe nicht wiederhergestellt worden, denn am Ende desselben Monats berichten die Memoiren unseres Augenzeugen: 25. Februar/8. März 1872. Fürst Karl Anton schreibt in einem Briefe: . . . „Recht fatal sind die Judenkrawalle in diesem Augenblicke; durch rücksichtsloses Einschreiten und rasche Remedur wird man Europa zeigen können, daß man noch Herr im Hanse ist! Ter Fürst erwiedert seinem Vater: ... Bei der Judenhetze in Bessarabien hat das Ministerium energisch durchgegriffen. In Ismail und Cahul sind die Präfekten abgesetzt worden, weil sie keine Umsicht gezeigt haben und schwach gewesen sind; die Anstifter sind eingesperrt und werden der gerechten Strafe nicht entgehen. In der Moldau hetzt die Opposition unaufhörlich gegen die Juden; es sind aber alle Maßregeln getroffen, daß keine Unordnung vorkommt. Tie Judenfrage wird mm wieder einmal akut iu Rumänien. Ter Fürst tritt eine Reise nach Lrcü'la an. 6. 18. April 1872. In Busen empfängt er die Nachricht, daß das dortige Schwrtrgericht unschuldige Juden verurtheilt, schuldige Christen aber freigesprochen hat! Pier Tage später erfahren wir: 13.25. April. Das gesammte konsularische Korps hat an die rumänische Regierung Protestnoten gegen die Freisprechung der Unruhstifter und Judenhetzer in den bessarabischen Distrikten gerichtet. 18./30. April. Der Fürst bespricht mit dem Minister Costa-Toru wie der großen Entrüstung des Auslandes, welche die Verurtheilung