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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-15 · Heft 46 (15.11.1895) · p. Seite 544

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 46 (15.11.1895)
Date
1895-11-15
Page
Seite 544 (sequence 6)
Language
German
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544 der Shochet — der Jack <>f all work -- wie man ihn noch jetzt nennen könnte, verrichten. Noch Auslegung des Gotteswortes in der Landessprache hotte man kein verlangen. Wenn nur die masseuhoften Gebete in der althergebrachten Weise obgeleiert worden, wem; uiau nur auch noch dem Grode der Stellung in der Genwinde lout oder lauter den Borbeter iibertönend mit eiufalleu tonnte mit) so dem Spottworte : „(H geht zu wie ii; einer Judeuschule", Ehre machen konnte. Io, es sind noch keine fünf Jahre her, dos; eine ziemlich einflußreiche, diesem Schlendrian sröhnende Stimme in London erklärte, Predigten seiet; liberflüssig. Dos wor ober gewiß der letzte Stoßseufzer jener nun immer mehr verschwindenden Minorität unter den gebildeten Jllden Englonds. Tie letzten zwanzig Jahre zeigen einen enormen Fortschritt in dieser Beziehung. Allenthalben —- und es giebt deren jetzt nahezu fünfzig an Johl sind Gemeinden begründet worden, die das Bedürfnis haben, wissenschaftlich gebildete Prediger an ihre Spitze zu stelleil, lim nicht nur an Fest-, sondern auch an Sobbathtogen homiletische Bortroge zu hören. Diese Prediger ministers genannt - > hoben ihre Ausbildung entweder am .,Je\vs College“ in London oder am „Montefiore College“ in Rairngate erholten. Es ist schade, daß diese beiden noch Art von Rabbiner- und Lehrerseminarien ousgestotteten Anstalten nicht zll einer einzigen jüdischen Hochschule mit dem Sitze in Oxford oder Cambridge vereinigt sind, denn vereinigt wurden sie noch besser im Stande sein, ihre Zöglinge mit genügenden wissenschoftlichen, robbinischen und homiletischen Kenntnissen ouszustotten. Indessen inochen die olis diesen Anstalten entlassenen Studenten ihrer n!inn innter gewiß olle Ehre. Wenn auch nicht Lomdonim im alten Sinne, so hoben sie doch ochtenswerthe Kenntnisse, die sie befähigen, ihres Amtes zur Zufriedenheit ihrer Gemeinden zu walten. Da sie der englischen Sprache mächtig, jo meistens in England geboren sind, so vertreten sie auch dos Jndenthmn noch Außen hin mit Würde. Wo solche junge ministers ongestellt sind, nehmen sie auch, lvie christliche Geistliche, an ollen össentlichen gemeinnützigen, besonders philanthropischen Angelegenheiten Theil. So werden z. B. hierzulande die Hospitäler von freiwilligen Gaben erholten, und alljährlich einmal sammelt jede religiöse Gemeinschaft, die jüdische nicht weniger als die christliche, bei einem besonders zu diesem Zweck abgehaltenen Gottesdienste (mit obligater Predigt) Beiträge zur Erhaltung der öffentlichen allgemeinen Krankenhäuser. Dafür haben denn auch die Geistlichen jeglicher Konfession das Recht, arme Kranke zur ärztlichen Behandlung in die Hospitäler zu schicken. Tie Toleranz ist in diesem freien, von dem Pesthauch des 9(ntisemitisnms noch nicht erreichten Lande so groß und wird oft so praktisch ansgeübt, das; nicht selten jüdische Prediger eingeladeu werden. Borträge in den mit christlichen Kirchen verbundenen Bortragshallen zu halten. Ja, vor einigen Wochen ereignete sich der Fall, daß der Schreiber dieses von einem christlichen Kollegen gebeten wurde, einen religiösen Bortrag in seiner Kapelle zu halten, was auch geschah. Die Gesänge, die bei dieser Gelegenheit gesungen lvnrden, waren so gewählt, daß auch kein jüdisches religiöses Gefühl verletzt wurde, während in der Bortragshalle überhaupt lwie hierzulande meistens) nicht das geringste Symbol oder Zeichen ans Ehristenthmn erinnert. Der Bortrag trug nicht wenig zum .Kiddusch Haschen; der Religion Israels bei. Was die Predigten betrifft, die jüdische Geistliche halten, so ist, wie sonst, auch hier das Wort: „wie sich's christelt, so jüdelt's sich" am Platze. Ta die meisten christlichen Prediger ihre zu Papier gebrachten Predigten ablesen, so thun es auch die jüdischen. Das trägt nun allerdings nicht sehr zu einer vollen Wirkung auf die Zuhörer bei. Nun aber haben bereits manche christlichen Prediger angefangen, ihre Predigten frei vorzutragen, und so finden wir auch jüdische Prediger, die desgleichen thun. Das ist ein erfreulicher Fortschritt, der immer größeren Erfolg erringen wird und zur Hoffnung berechtigt, daß die Zeit kommen wird, wo auch England seinen Jellineck haben wird. Dann lverden auch die Gemeinden mehr zun; Guten beeinflußt und zu der Einsicht gebracht werden, daß Geistlicher mehr ist als Parnes, und ersterer ebenso geachtet lverden soll lvie sei christlicher Kollege. Zun; Ende muß ich nicht unterlassen, zu erwähnen, daß hierzulande auch Laien Predigten halten. Insbesondere aber verdienen Beachtung drei vorzüglich talentirte junge Männer, die, obwohl nicht dem geistlichen Stande angehörend, dennoch mit großen; Erfolge in Synagogen — London und den Provinzen — religiöse Vorträge halten. Diese sind Claude Montefiore, der sich als Gelehrter schon einen bedeutenden Namen errungen. Er ist zwar ein Nefse des sei. orthodoxen Sir Moses Montefiore, vertritt aber die äußerste Linke in der englisch-jüdischen Neforn;. Der zweite ist Israel Abrahams, den nun; ein lebendiges Konversationslexikon nennen kann, so bewandert ist er in der jüdischen und allgemeinen Litteratur. Der dritte ist Oswald Simon, der tiefreligiöse Sohn des Sir John Simon und der mit ausgezeichnet litterarischen Gaben ausgestatteten Lady Siinon. Die zwei ersteren dieser jungen Männer haben kürzlich in Gemeinschaft einen Band Predigten veröffentlicht unter den; Titel: „Asped o!' Judaism“, während Oswald Simon einen Band religiöser und philosophischer, von hohen Idealen durchdrungener Borträge unter den; Titel: „Faitli and Experienee“ f)acin3i]ec;ebei; hat, der höchst leseuswerth ist. Aus dem Leben König Karts I. von Rumänien. Von Theodor Braun. 1. ^ben schon in; Frühjahr den Lesern dieses geschätzten Blattes interessante Auszüge ans den obgenannten 0 Memoiren des Königs von Rumänien mittheilen dürfen.') Wir sind heute in der Lage, dieselben durch eine Reihe von Mittheilungeu aus den; zweiten Bande derselben ergänzen zu können, die auf die Geschichte der sogenannten „Judenfrage" in Rumänien ein Helles Licht werfen. Unsere Darstellung brach im August des Jahres 1868 ab. Sie setzt nun wieder im August des folgenden Jahres ein, wo neue Judenverfolgungen in Rumänien eben lvieder auf der Tagesordnung gestanden haben. Indes; zieht sich doch wieder Alles zusannnei; und Fürst Karl kann eine Reise nach dem Westen antreten. Schon in Wien tritt ihm die Judenfrage entgegen. 31. August/12. September 1869. Nachher empfängt Fürst Karl eine jüdische Deputation, die unter Führung des Reichrathsmitgliedes Kuranda sich bei ihm für die Glaubensgenossen in Rumänien verwendet. Es ist dem Fürsten interessant, diesen hervorragenden Mann kennen zu lernen der als Publizist sich schon durch die „Grenzboten" einen Namen erworben hatte, ehe er sich im Gemeinde- und Reichsrath auszeichnete. Fürst Karl erklärte ihm, daß von wirklicher Judenverfolgung in Rumänien nicht die Rede sein könne und daß die Lage der Israeliten in Rumänien durchaus nicht so beklagenswerth sei, wie man es in; Auslande gern verbreite. i) Vergl. Nr. 9, 20—23 dieses Jahrgangs.

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