Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1895)
- Date
- 1895-11-15
- Page
- Seite 543 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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543 selten Hilden Alle, die einen Grabhügel je umstanden, so die gleiche Einpfiüdung getheilt, daß da ein gnter Mensch begraben worden — gut in dem Sinne, daß es doch noch etwas Anderes als nur Meiden des Schlechten, daß es eine Kraft,, ein Leben, daß es die Liebe selbst bedeute. Gut im Sinne jenes geistigen, stolzen Adels, von dem der Dichter sagt: Und hinter ihm, im wesenlosen Scheine, . Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine. Gut, weil keine trübe Erfahrung seinen heiligen Optimismus zu ändern vermochte. Gut in jener keuschen Scham vor dem Bösen, mit jener weichen Milde gegen alle Verirrungen, aber auch mit jener strengen Scheu vor allem Schlechten, die unsere alten Weisen zierte. Ja, es lag etwas von der Frömmigkeit unserer Alten in diesem Manne, in seiner Wahrhaftigkeit, in seiner Treue, in seinen« Lebensivaudel. Er war weich in rührender Weise, er war vertrauensvoll und gütig gegen Andere, nur sich selbst vermochte er selten genug zu thnn, nur gegen sich «var er unerbittlich streng. Wer ihm nahe trat, fühlte einen Hauch seiner Reinheit in Gefühlen, Gedanken «nid Meinungen. Still lebte er unter uns. Ruhig ging er seines Weges, unbeirrt von Leiden und Kämpfen, der stolzen Ueberzeugung lebend, daß, tver für die Freiheit »»d Bildung seines Stammes kämpfe, die Güter dieser Welt gering achten muffe. Das letzte Geheimniß aber des tiefen Eindrucks, welchen sein Wesen auf Freunde wie auf Schüler ausübte, «var die harmonische Verbindung des Strengen mit dein Zarte», der Strenge gegen sich selbst, des Zartsinns und der Milde gegen die Andern. So «var der Mensch. Und nun soll ich von dem Gelehrten von dem Forscher sprechen! Aber lote gern überließe ich Andern diese Aufgabe, die seinen« Studienkreise näher gestanden, die sein geistiges Wesen besser zu erfaffen vermochten! Es ist ein schöner Glaube, daß der gute Geist eines Stammes unanfhörlich die Männer schaffe, die für die Entwickelung dieses Stammes nothwendig sind. Wir Juden haben guten Grund zu diesem Glauben. In aufsteigender Lebenskraft, aus scheinbar fremden Bildnngselementen, aus einander «vidersprechenden Wirkungskreisen haben sich die meisten der Männer zur Höhe ihrer Aufgabe emporgerungen, die uns Führer und Pfadfinder geivordeu sii«d. Auch Joel Müller gehörte zu diesen. Aus dein Rabbiner einer kleinen böhmischen Provinziolstadt (Böhmisch-Leipa), aus dem Religioitslehrer eines Wiener Gymnasiums ist in unablässiger Geistesarbeit, in heißem Ringen mit allen «viderstrebenden Mächten, der Lehrer der Hochschule, der gelehrte Forscher geivordeu. Es wäre sehr interessant, diese typische Entivickelungsgeschichte des Weiteren zu schildern, aber dies kann heute nicht «neine Aufgabe sein, wo es gilt, dem dahingeschiedeuen Freunde den letzten Kranz zu flechten. Joel Müller «var ein genauer Kenner des Talnmds und des rabbinischen Schriftthuins. Der Talm««d war seine Heimath, und wohin er auch auf dem weiten Meere der Wissenschaft ste««erte, er kehrte immer wieder in die geliebte Heimath zurück. Aus den« rabbinischen Schriftthum aber hatte er sich diejenige Periode zum Forschungsgebiete ausgewählt, «velche bisher die dunkelste geblieben und «velche doch andererseits viele Analogieen mit unserer Zeit aufzmveisen hat. Es war dies die Zeit der Gaonim. Der Aufhellung dieser wichtigen Periode galt der beste Theil seiner Lebensarbeit. Die Bedeutung jener religiösen Führer lag ja auf dem Felde der Entlvickelung der eigentlich jüdischen Religionswissenschaft und ihrer Alttvenduug auf das praktische Leben. Durch tief eingehende Erforschung des traditionell überlieferten und im Talmud gesammelten Halacha-Stoffes knüpften die Gaonim die neuen Erscheinungen der Zeit au das alte Gesetz und erhielten so das Traditionslvesen in stetem Fluß. Die durch ihre Geistesarbeit gefundene Norm kleideten sie daun in die Gestalt eines Responsnms. Fünf verschiedene Sammlungen solcher Rechtsgutachteu der Gaonim besitzt die jüdische Litteratur, die vom 7. bis zuu« 11. Jahrhundert sich erstrecken, die alle Gebiete des Wissens und des Lebens umfassen. Das belebende Element dieser Respo»se»litterat««r aber ist die geistige Forschung, die in demselben Sinne fortgeführt ivicd, «vie sie begonnen «vorden, und durch welche die jeweilige Gegenivart geistig an die Vergangenheit anknüpft «md der Zukunft «villig die Hand reicht. Hier, auf diesem Gebiete, «var Joel Müller zu Hanse. Hier herrschte er «vie ein Souverain, hier hat er Berge kühn abgetragen und neue Bamverke muthig aufgeführt. Mit dieser Periode geistigen Schaffens im Judenthume ist sein Name unauflöslich verknüpft. Es ist nicht nöthig, daß ich die Name» und Titel seiner Werke im Einzelnen aufführe; es genüge für heute, auf das große Verdienst dieser Lebensarbeit hingelvieseu zu haben. Aber nuser dahingeschiedener Freund «var nicht nur ein strenger Gelehrter auf umvegsamen Pfaden der Forschung, sondern auch ein treuer Wanderer i» den Blmneugärten der Dichtung. Für alles Große und Schöne in Kunst und Poesie erglühte seine reine und edle Seele. Mit der gleichen Treue, mit der er die Rechtsgutachteu der babylonischen Gaonim erforschte, behandelte er Stoffe der Poesie, die ihm «verth und theuer waren, versenkte er sich in die Schriften »«oderner Erzähler, um sie dem allgeineinen Verständniß näher zu bringen. Ihm war in der That nichts Menschliches freind und kein Gebiet des Geistes gänzlich verschlossen. Von den Höhen der Forschung stieg er gern in die Tiefe» der Kindesseele hinab, und redegelvandl verkündete er vor Großen und Kleinen die erhabenen Gedanke«« des Judenthums, das er liebte und kannte «vie kein Anderer. So «var er und so starb er in« 68. Jahre seines Erdenwallens, in voller geistiger Kraft und mit jener rührenden Frömmigkeit, die ihn im Leben immer erfüllt hat; fromm und treu, keusch und >v«ihr, hochsinnnig und liebensiverth, eine wehklagende Familie, eine große Gemeinde von Freunden und Schülern, vor Allem aber einen reinen und edlen Namen zurücklaffend. Friede seinem Gedächtnis;! Prediger und Predigten in England. Von Rabbiner Dr. Strauß in Bradford. fie hohen Festtage mit überfüllten Gotteshäusern sind vorüber. Die Synagogen, ob orthodox oder reform, haben ihren normalen Zustand der Leere «vieder angenommen. Die ermahnenden Worte der Prediger sind verhallt; «vie oft auch das Gotteslvort erscholl, zun« fleißigeren Bes««che des Gottesdienstes anfeuernd, das Resultat ist, «vie alljährlich, ein negatives. Tausende von Gla«ibensgenossen lassen sich höchstens ein- oder ziveimal des Jahres in der Synagoge sehen und glauben damit ihrem religiösen Geiviffen genügt zu haben. Kürzlich hat ein Witzbold solchen Israeliten vorgeschlagen: sie könnten sich ihren alljährlichen Besuch in der Synagoge noch viel leichter machen, indem sie ihre Karte an der Thüre abgeben. Doch nicht über den Besuch beim Gottesdienste wollte ich Ihnen heute berichten, als vielmehr über jüdische Prediger und Predigten in England. — Es ist noch gar nicht so lange her, höchstens eine Generation, daß man überhaupt von jüdischen Predigern reden kann. In größeren Synagogen gab es einen oder ztvei Chazanim, die Gebete und Thora vortrugen, in kleineren mußte diese Fnnktionei«