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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-08 · Heft 45 (8.11.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Wiener antisemitischen Bewegung. Gelegentlich der Gemeinderathsergänzungswahlen im April dieses Jahres trat er, vom Abgeordneten Dr. Pattai wärmstens empfohlen, als Kandidat für den zweiten Wahlkörper des Bezirkes Mariahilf auf und wurde auch gewählt. Schon danmls aber befand er sich in den ärgsten Kalamitäten. Nichtsdestoweniger bewarb er sich, als anfangs Juni der Gemeinderath aufgelöst wurde, abermals um ein Mandat, und figurirte bis kurz vor dem Wahltage auch auf der Kandidatenliste der Partei. — Der Präses und Begründer der orthodoxen Synagogengemeinde, deren Andachtsstätte die „Schiffsschul" ist, I. L. Freistadt, ist im 87. Lebensjahre gestorben. Sein Hinscheiden hat in allen Kreisen, besonders aber bei den Orthodoxen, tiefe Trauer und schmerzliche Erregung hervorgerufen, und dies mit Recht! Sein Hauptverdienst ist und bleibt die Schaffung eines Centralpunktes für die hiesige orthodoxe Judenheit, indem er vor ungefähr drei Dezennien in der damaligen Ankergasse eine kleine Synagoge und Beth-Hamidrasch mit Beihilfe einer kleinen Zahl von Glaubenstreuen gründete. — Beim diesjährigen November-Avancement wurden wieder mehrere jüdische Offiziere befördert. — Der Kaiser hat dem österreichischen Staatsangehörigen Gustav Mendl in Antwerpen in Anerkennung seiner ersprießlichen gemeinnützigen Thätigkeit den Orden der eisernen Krone dritter Klasse mit Nachsicht der Taxe verliehen. Amerika. di. New Aork, im Oktober. In allen Theilen des Landes finden jetzt die Staatswahlen statt, deren Ausgange man mit großer Spannung entgegensieht, weil sie auf die nächstjährige Präsidentenwahl Schlüsse gestatten. Jüdische Kandidaten für hervorragende Aemter sind von allen Parteien ausgestellt worden. In New-I)ork ist Meyer S. Jsaacs, der Sohn des verstorbenen Chasan und Herausgebers des „Jewish Messenger", von den vereinigten Reformern und Republikanern für die Stelle eines Mitgliedes des obersten Gerichtshofes im Staate New-Iork nominirt worden. — Das Exekutiv-Komitee der Centralkonserenz amerikanischer Rabbiner hielt kürzlich eine Sitzung, in welcher über die Errichtung einer Sommerschule mit Fortbildungskursen für Rabbiner berathen wurde. Zwei wohlhabende Glaubensgenossen haben sich erboten, auf ihren Gütern ein Gebäude für eine solche Schule zu errichten und diesem Zwecke kostenfrei zu übergeben. Eine Beschlußfassung ist noch nicht erfolgt. Die Schule wird nothwendiger Vorarbeiten wegen erst im Jahre 1897 eröffnet werden. — In Boston siel ein Kind russisch-jüdischer Eltern in einen Waschzuber; die Mutter brachte das bewußtlose Kind zu einem Arzte, Namens Dr. Gobron, der sich weigerte, es zu behandeln. Das Kind starb. Dr. Gobron, von einem Reporter um die Gründe seiner Handlungsweise befragt, sagte: „Ich gehe nicht unter Juden, um Praxis zu erwerben und will auch keine Praxis unter ihnen. Ich habe nicht den Wunsch, mein Haus voll von Vagabunden zu sehen. Wozu sind Hospitäler und 'Ambulanzen V Ich muß mein Brod erwerben und kann nicht Leute umsonst bedienen, am allerwenigsten Sheenies" (beschimpfender Ausdruck für Juden). Die Presse hat ohne Ausnahme ein verdammendes Urtheil über dieses Verhalten ausgesprochen. — Die Gemeinde Bnai Jehuda in Kansas City feiert vom 11. bis 13. Oktober ihr fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Außer dem Rabbiner der Gemeinde, H. Schulman, werden der frühere Rabbiner der Gemeinde, Dr H. Berkowitz aus Philadelphia, und Dr. Emil G. Hirsch aus Chicago Festreden halten. — Tie Gemeinde Keneffeth Israel in Philadelphia wird demnächst die Feier ihres fünfzigjährigen Bestandes begehen. Zur Feier des Ereignisses beabsichtigt die Gemeinde, die auf ihrem vor drei Jahren erbauten Tempel lastende Hypothek von 50,000 Dollars zu tilgen. In der Sitzung, in welcher dieser Beschluß gefaßt wurde, brachten die Mitglieder des Vorstandes sofort unter sich 8000 Dollars auf. — Die Jewish Hospitals Association in Philadelphia, welche ein Hospital, eine Poliklinik und ein Altersversorgungshaus unterhält, versendet ihren Jahresbericht, laut welchem 494 Patienten im Hospital, 6850 in der Poliklinik und 37 Personen im Altenheim verpflegt wurden. Lueien Moß, ein Mitglied des Verwaltungsrathes, der am 19. April d. I starb, vermachte der Gesellschaft die Summe von 50,000 Dollars zur Errichtung eines Heims für unheilbare Kranke und außerdem eine werthvolle Bibliothek und verschiedene Kunstgegenstände. — Der Jahresbericht des Altersversorgungshauses in New- Pork (Home lor ngeil and iiifirm Hebrews) weist eine Bilanz von 81,599 Dollars auf. Die Anzahl der Pfleglinge betrug 166. Gegenwärtig wird ein Zubau zu dem Kostenvoranschlag von 60,000 Dollars aufgebaut, welcher es der Anstalt ermöglichen wird, die Zahl ihrer Insassen um hundert zu vermehren. Von Unh und Fern. ----- Zur Feier des 80. Geburtstages des Professors der Mathematik, Geheimen Regierungs-Rath Dr. Weyerstraß, hat die philosophische Fakultät der Universität zu Königsberg den dortigen ordentlichen Professor der Mathematik, Dr. Minkowski, zur Ueberreichung einer tabula votiva gratulatoria nach Berlin gesandt. (NB. Professor Minkowski ist im vorigen Jahre mit 28 Jahren Professor Ordinarius geworden). Es geht also auch ohne! — Prof. Dr. M. Litten hier hat den Kronenorden 4. Klasse erhalten. — Der Bankier Hugo Kempner in Glogau hat den Titel Kommerzien-Rath erhalten. — Wieder einer. Der Briefmarkenhändler Otto Jakobs aus Goslar wurde in der Oker zu Braunschweig als Leiche aufgefunden. Jacobs, einer der eifrigsten Vorkämpfer des Antisemitismus in Goslar und ständiger Mitarbeiter des hannoverschen Antisemitenblattes, hatte sich verschiedener Unterschlagungen schuldig gemacht und aus Furcht vor dem Gefängniß den Tod in den Wellen gesucht. — Die israelitische Gemeinde Dortmund beabsichtigt, eine neue Synagoge zu bauen und will dafür 350,000 Mark aufwenden. Entwürfe sind bis zum 1. April n. I. einzuliefern. Die drei Entwürfe, welche den gestellten Anforderungen am besten entsprechen und zur Ausführung am geeignetsten sind, sollen prämiirt werden mit Preisen von 5000, 3000 und 1500 Mark. Jeder nicht preisgekrönte Entwurf kann auf Vorschlag des Preisgerichts für 500 Mark erworben werden. Das Gotteshaus soll 1200 Sitzplätze enthalten und zwar 750 unten und 450 aufsteigend auf Empore angeordnet. — Als Kuriosum wird aus dem hessischen Orte Hel den bergen berichtet, daß dort zur Gemeinderathswahl vom antisemitischen Bauernverein ein Jude als Kandidat aufgestellt worden ist. — Der neueste statistische Ausweis über die Sprachenkundigkeit der Bewohner der Hauptstadt Ungarns spricht ebensowohl für die leichte Amalgamirung wie für den höheren Bildungsgrad der Juden. Die ungarische Sprache, w-rlche erst vor einem Vierteljahrhundert zur Unterrichtssprache erhoben wurde, wird jetzt gesprochen unter den Juden von 88,64 pCt., unter den Lutheranen von 81,62 pCt. und unter den Katholiken von nur 79,55 pCt. Deutsch sprechen unter den Juden 78,57 pCt., unter den Lutheranen 68,70 pCt. und unter den Katholiken 63,95 pCt. Die wenigsten Analphabeten finden sich unter den Juden, nämlich 20,49 pCt., die meisten unter den Katholiken. — Cavaliere Silvio Ammi, Direktor des Haupt-Departements im italienischen Finanzministerium, wurde zum Kommandeur der Krone Italiens ernannt. — Cesar Levy Ben Danon aus Algier wurde zum Professor an der Ackerbauschule in Montpellier ernannt. Ben Danon ist erst 22 Jahre alt, also der jüngste Professor in Frankreich! — In Pobole, Kreis Wilna, wurde die aus 6 Personen bestehende Familie des jüdischen Gutspächters Jtzig Kowarski Nachts von Bauern ermordet und beraubt. Das Haus wurde sodann in Brand gesteckt. Die Raubmörder entflohen in die nahen Wälder, wo sie von der Gendarmerie verfolgt werden. Bis jetzt fehlt von denselben jede Spur. — In mehrere südlichen Gouvernements Rußlands haben sich Artels (Genossenschaften, die zusammen leben) von jüdischen Handwerkern zu bilden begonnen; so sind Schneider-, Schuhmacher-, Buchbinder-, Mützenmacher-Artels und ähnliche erstanden. In Anbetracht dessen, daß in den Artelbestand vornehmlich die ärmsten Handwerker eintreten, bilden sich die Artels unter schwierigen Bedingungen und beschränkt sich ihre Thätigkeit auf den bescheidensten Umfang. — Wohl die erste Frau, die in einer Synagoge predigte, ist Frau Rahel Franck in San Francisco. Dieselbe bestieg jüngst die Kanzel der dortigen Synagoge und hielt einen Vortrag über „die Beziehungen des historischen Judenthums zur Gegenwart." Auch das Hebrew Union College hat mehrere junge Damen als Hörerinnen in seinen theologischen Vorlesungen. — Der „Pol. Korr." erfährt aus sicherer Quelle, daß die türkische Regierung ihr Verbot der Einwanderung fremdländischer Juden noch immer aufrecht erhält und ihnen nur einen dreißigtägigen Aufenthalt in Palästina gestattet, um die heiligen Orte zu besuchen; doch müssen die Juden bei der Landung in Jaffa als Sicherstellung, daß sie das Land nach Verlauf dieser Frist verlassen, unbedingt einen Bürget: in der Person eines ottomanischen Unterthanen stellen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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