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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-08 · Heft 45 (8.11.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Psalmes durch den Chor des Seminars, unter gütiger Mitwirkung des Kantors, Herrn Cerini. Sodann ergriff Herr Rabbinats-Kandidat Dr. Meyer das Wort und schilderte in schwungvoller, ergreifender Rede unter Deutung der Talmudstelle: „Deine Welt sahst Du schon bei Lebzeiten, Deine Hoffnung überdauert Zeiten und Geschlechter, und Deine Zukunft — die ewige Seligkeit", die unvergänglichen Verdienste des verewigten Lehrers, die er sich durch Leben, Wort und Schrift erworben. Nachdem der Chor noch den zweiten Theil des Psalmes und Herr Cerini das „El mole rachamim“ vorgetragen hatte, entfernte sich die Versammlung wehmuthsvoll von dem Grabe, in welchem der Entschlafene neben seiner ihm im Tode vor einigen Jahren vorangegangenen Gattin ruht. Neisse, 29. Oktober. Am 21. Oktober fand die diesjährige ordentliche Generalversammlung des jüdisch-litterarischen Vereins statt, die von den meisten Mitgliedern desselben besucht war. Aus dem zur Verlesung gelangten Jahresberichte ist zu erwähnen, daß die Thätigkeit des Vereins in 10 Vorträgen, 12 wissenschaftlichen Referaten und 12 Berichten über den Inhalt der Zeitschriften sich kundgab; die Herren Dr. Kopfstein-Beuthen O.-S., Dr. Guttmann-Breslau und Dr. Rippner- Gr.-Glogau erfreuten den Verein durch gediegene Vorträge, bei denen die Damen unserer Mitglieder durch den Besuch derselben ihr lebhaftes Interesse für den Verein bethätigten. Die Bibliothek zählt mit dem letztjährigen Zuwachs von 112 Bänden gegenwärtig einen Bestand von 410 Bünden, die von den Mitgliedern fieißig benutzt wurden. Die Einnahmen betrugen ca. 450 Mark, die Ausgaben ca. 390 Mark, so daß ein Baarbestand von ca. 60 Mark in das neue Rechnungsjahr übernommen wird. Bei der Vorstandswahl nahmen die Herren Landgerichtsrath Dr. Borchert das Amt des Vorsitzenden, Herr Prediger Ellguther das des Schriftführers, und Herr O. Sorauer das des ersten Beisitzers wieder an, während Herr Dr. med. Brieger zum Schatzmeister und Herr Zahnarzt Berger zum zweiten Beisitzer neugewählt wurden. Die Herren A. Elkan und H. Loewkowitz wurden für das nächste Jahr zu Kassenrevisoren designirt. Unser Verein tritt mit frischen Kräften, immer mehr unterstützt von der Theilnahme seiner Mitglieder, in das dritte Jahr seiner Thätigkeit und hofft, dem Ziele, das er sich gesteckt, Kenutniß der Geschichte und Litteratnr des Judenthums in unserer Gemeinde zu verbreiten, immer mehr zu entsprechen. Herr Kassel forderte am Schluß der Versammlung Alle zum Danke für die Thätigkeit des Vorstandes auf, und dieser Aufforderung wurde in üblicher Weise entsprochen. o. Coethen, 3. November. In der vorigen Woche eröffnete unser Verein für jüdische Geschichte seinen Vortragseyklus mit einem Bortrage des Herrn Kommerzienraths E. Meyer „Zur Geschichte des Judenthums". Redner hat es verstanden, aus diesem unendlichen Gebiet die Hauptphasen und Eutwickelungsepochm herauszugreifen und in rein populärer Weise den Einfluß des Judenthums auf religiösem und kulturellem Gebiete darzulegen. Der lebhafte Beifall zeigte, daß der Vortrag mit großem Interesse ausgenommen wurde. Mehrere Vorträge sind bereits für die nächste Zeit von hiesigen Gemeindemitgliedern und von dem Rabbiner Herrn Dr Seligkowitz angekündigt worden, so daß wir auch in diesem Winter an dem Prinzip festhalten, mit unfern eigenen Kräften aus unserer Mitte uns zu begnügen. T. Leipzig, 4. November. Wenn man vom Beginn der Thätigkeit eines Vereins auf deren Fortgang schließen darf, so ist unserem „Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr" für dieses Jahr ein sehr günstiges Prognostikon zu stellen. Der Vorstand des Vereins hat in anerkennenswerther Begeisterung für die Sache und im Bestreben, dem Verein immer mehr Mitglieder zuzuführen, alles gethan, was dazu dienen konnte, die Vereinsabende zugleich anziehend und belehrend zu gestalten; — er hat es ermöglicht, diese Vereinsabende in den prächtigen Räumen des Hotel de Pologne stattfinden zu lassen, — er hat Diskussionsabende eingerichtet, und er hat — last not least — es verstanden, erste Kräfte als Vortragende für den Verein zu gewinnen. Nachdem am 15. Oktober die Vereinsabende durch einen geistvollen, fesselnden Vortrag des Herrn Geheimrath Professor Dr. Lazarus über „Das Buch Ruth" bei zahlreich erschienenem Publikum eröffnet worden waren, fand am 29. Oktober der erste Diskussionsabend statt. Zunächst wurden verschiedene Vorschläge bezüglich der Einrichtung der Diskussionsabende gemacht, sodann verlas der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Porges, einen Vortrag des Königsberger Professors Dr. Cornill über die „Humanität im alten Testament", an verschiedene Stellen des vorzüglichen Vortrags belehrende Bemerkungen und Erklärungen knüpfend. Es entspann sich hierauf eine lebhafte Diskussion über das Gehörte zwischen den Anwesenden (Damen und Herren), die bis gegen Mitternacht dauerte, der beste Beweis, in welch' hohem Grade interessant die Diskussion den Versannnelten war. Für Mitte dieses Monats ist, wie aus einem Zirkular des Vereins ersichtlich, ein Vortrag des Herrn Professor Dr. Philippson-Berlin in Aussicht genommen, und Monat Dezember soll uns eine Chanukah-Feier (Vortrag und geselliges Beisammensein) bringen. Hoffen wir, daß auch die weitere Thätigkeit des Vereins diesem glücklichen Anfang entspricht! w. (Hießen, 1. November. Eine Stiftung in Höhe von 20,000 Mark hat der hiesige Bankier Kommerzienrath Siegmund Heichelheim aus Anlaß seiner silbernen Hochzeit und zugleich der 25. Wiederkehr des Tages, an welchem er das von seinem Vater begründete Bankgeschäft übernommen hat, unserer Stadt übergeben, mit der Bestimmung, hiervon jährlich mindestens 800 Mark in Beträgen von nicht unter 100 Mark an bedürftige Veteranen des Krieges 1870/71 oder an deren Wittwen und Waisen als Unterstützung zu gewähren. Fernere 500 Mark wurden der Stadt überwiesen, um an bedürftige Schulkinder während der kalten Jahreszeit warmes Frühstück zu verabreichen Der jüdischen Religionsgemeinde, deren erster Vorsitzender Heichelheim ist, wurden 20,000 Mark als Grundstock zur Erbauung eines Gemeindehauses überwiesen. Oesterreich - Ungarn. 0 Wien, 4. November. Dr. Lueger ist im Rathhause vom neuen Gemeinderathe zum Bürgermeister der Stadt Wien gewählt worden, und daneben im Parlamentspalaste ist eine Krise ausgebrochen, eine Krise im Hohenwart-Klub. Die beiden Ereignisse stehen im innigsten Zusammenhang. Der klerikale Theil des Klub der Konservativen fordert von der Regierung, daß sie dem Monarchen die Bestätigung des Herrn Dr. Lueger vorschlage. Sollte das nicht geschehen, so drohen die Herren, daß sie aus ihrem Klub austreten und in die Opposition gehen würden. Mit anderen Worten, sie sind, wenn die Regierung ihnen nicht zu Willen ist, entschlossen, sich unter die Führung des nichtbestätigten Dr. Lueger zu stellen und den Kampf gegen die Regierung mit aller jener Schärfe, Rücksichtslosigkeit und Vehemenz zu beginnen, welche die politischen Aktionen des Herrn Dr. Lueger kennzeichnen. — Herr A hlwar dt hielt einen Vortrag, worin er sagte, die antisemitische Bewegung habe hier einen Erfolg errungen, der die Antisemiten Deutschlands eigentlich mit Neid erfüllen müsse. Ahlwardt sprach dann über sein Martyrium und rühmte Luegers und Schneiders Thätigkeit in Oesterreich. Von den antisemitischen Wiener Größen wohnten nur Schneider und Gregorig dem Vortrag bei. Ob sich an diesen eine Tellersammlung für den „Rektor aller Deutschen" anschloß, ist aus der Meldung unseres Berichterstatters nicht zu ersehen. — Nach einer Meldung des „Pesti Hirlap" sollen ca. 10,000 ungarische Kaufleute beschlossen haben, nicht mehr nach Wien zu gehen, wenn Dr. Lueger zum Bürgermeister gewählt werden sollte. — Die Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums hat nun ihr Museumslokal im Hause I. Rathhausstraße 13 in Wien eröffnet. In der letzten Zeit sind ihren Sammlungen werthvolle Geschenke an Kunstwerken aus Silber, Bronze und Majolika, ferner Büsten, Kupferstiche und Bücher, sowie Objekte von historischem Werthe rc. zugekommen. Nach Ordnung und Aufstellung der Gegenstände, an welchen stets der Name des Spenders angebracht erscheint, werden diese Sammlungen zum öffentlichen Gebrauche freigestellt werden. — Seitens zweier hiesiger Bankinstitute wurde vor einigen Tagen gegen den in Mariahilf, Gumpendorferstr. 65, etablirten Meerschaumwaarenerzeuger Moriz Litschke bei der kompetenten Behörde die Strafanzeige wegen Verbrechens des Betruges, begangen durch Fälschung von Wechseln, erstattet. Es handelt sich um eine im großen Stile begangene und durch längere Zeit betriebene Wechselfälschung im Betrage von mehr als 100,000 Mark. Bis vor Kurzem noch spielte Moriz Litschke eine hervorragende Rolle in der

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