Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228140--52317-3273105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
59. Jahrgang. Nr. 45. j|P ttt £ ttt fr ^fr 0♦ Berlin. 8. November 1895. Werkage zur „Akkgerneinen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzerl und Nachrichten. Deutschland. z. Berlin, 3 November. Am 31. v. M. fand im Architektenhaus eine von den Lokalkomitees für den Westen und Südwesten Berlins einberufene Versammlung des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde statt. Der Vorsitzende für den Südwesteu, Herr Rechtsanwalt Joachim, eröffnete die Sitzung und ertheilte, nach kurzer Begrüßung der zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder, unter welchen auch einige Gegner der liberalen Bestrebungen sich befanden, Herrn Fabrikbesitzer Julius Jsaac das Wort zu einem Vortrag über: Die Verwaltung und die Finanzlage der jüdischen Gemeinde. Die Versammlung folgte mit sichtlicher Aufmerksamkeit den Ausführungen des Vortragenden, der mit beredten Worten alle Zweige der Verwaltung schilderte und ein klares Bild von der Finanzlage der Gemeinde entwarf. Auf Grund statistischen Materials wies Redner nach, wie unbegründet die allgemein verbreitete Behauptung sei: „Die Gemeinde verfüge über reichliche Drittel und könne noch so und soviel Synagogen errichten. Das Grundstück und die Baukosten für die Synagoge im Westen würden selbst bei einfacher Ausstattung die Summe von circa 1,000,000 Mark verschlingen, und man könne daraus ermessen, welche Steuerlast der Gemeinde durch den Bau von noch vier neuen Synagogen erwachsen würde." — Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten Ausführungen. Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung: Die bevorstehenden Repräsentantenwnhlen, referirte Herr Rechtsanwalt Dr. Herman Veit Simon, der das vom Central-Verein verbreitete Flugblatt einer scharfen Kritik unterzog und die Versammlung aufforderte, am Wahltage für die Kandidaten des Liberalen Vereins zu stimmen, denen das Wort: „Gleiches Recht für Alle" keine Phrase sein wird. In der hierauf folgenden Diskussion, die sich hauptsächlich um den Religionsunterricht drehte, betheiligten sich die Herren Prof. Buka, Fabrikbesitzer I. Weinberg, der in anzuerkennend vornehmer Form die Bestrebungen des Centralvereins vertheidigte, Lehrer Falkenberg, I. Löwenstein, Dr. Holz, Dr. Minden, Rechtsanwalt Breslauer u. n. A. Erst gegen 11s Uhr Abends schloß die Versammlung, die in jeder Weise einen guten Verlauf genommen hat. — Am 4. November fand im Saale des Brüderoereins die außerordentliche Hauptversammlung des „Liberalen Vereins" statt, die ebenfalls sehrzahlreich besucht war. Auf der Tagesordnung stand nur ein Punkt, nämlich die Aufstellung der Kandidatenliste für die bevorstehenden Repräsentantenwahlen. Gleichwohl entspann sich auch hier eine recht lebhafte Debatte über die Grundfragen, welche das Gemeindeleben gegenwärtig bewegen. Unter den Kandidatenreden ragte die Rede des Justizraths Makower besonders hervor; derselbe verwies auf seine in diesem Blatte 1894 abgedrucite Programmrede und stellte besonders orei Punkte in den Vordergrund: eine Vereinigung der israelitischen Gemeinden Deutschlands zur Erreichung gemeinsamer Ziele, die Uebernahme der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums in Gemeindeverwaltung, die Hebung und Veredlung des Gottesdienstes. Bei der hierauf folgenden Wahl wurde die nachstehende Liste (dieReihenfolge richtet sich nach der Kandidaten-Stimmenzahl) in geheimer Wahl angenommen: Justizrath Mako wer, Oberlehrer Dr. B laschke, Professor Dr. Buka, Syndikus Dr. Minden, M. Heilmann, Professor Dr. Philippson, Geheimer Sanitätsrath Dr. Boas, Albert Philipp Meyer, Jsid or Löwe, Jul. Martin Friedländer, A. Ruß, Adolf Mayer. Adolf Ginsberg, Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, Rechtsanwalt Dr. Seligsohn, Rechtsanwalt Hermann Stern I., Maurermeister Joseph Fränkel, Sanitätsrath Dr. Schwerin, Stadtverordeter L. Kalisch. Albert Lew in, Leopold Friedmann, Professor Dr. Geiger, Siegmund Borchardt, Dr. Curt Pariser, Louis Eduard Sachs. In der nächsten Zeit finden noch Wählerversammlungen des Liberalen Vereins in Charlottenburg, in 8. und 80. in 0. und NO. in X. und NW. in 0. und schließlich unmittelbar vor den Wahlen eine öffentliche Hauptversammlung statt. Der Wahltermin ist übrigens, wie wir hören, auf den 28. November festgesetzt. Hoffentlich wird die Betheiligung diesmal eine sehr rege werden. <^2 Berlin, 3. November. Der israelitische Frauen- Unterstützungs-Verein Berlin versendet soeben einen Aufruf, den wir der Beachtung aller Frauen unserer Gemeinde auf das Wärmste empfehlen. Wir entnehmen demselben, daß dieser Verein neben den vielen Wohlthätigkeits-Anstalten der hiesigen jüdischen Gemeinde bereits seit zwölf Jahren besteht. Sein Hauptzweck ist in erster Reihe, „arme jüdische Wöchnerinnen und kranke Frauen" zu unterstützen. Der Verein zählt zwar 1100 Mitglieder aus allen Gegenden Berlins, doch sind seine Einnahmen leider noch lange nicht ausreichend, da im Jahre 1894 nur 477 Gesuche Berücksichtigung finden konnten. Jetzt beabsichtigt der Verein ein eigenes Büre au einzurichten, in welchem täglich einige Damen die dringendsten Gesuche sofort erledigen und schnelle Hilfe gewähren können, wo durch Krankheit Noth imb Elend plötzlich eingetreten ist; auch soll die geplante Stelle als Sammelstätte dienen, an die der Ueberfluß an Wäsche und Kleidungsstücken zur Vertheilung an die Bedürftigen gesandt werden kann. Das ist gewiß ein sehr löbliches Vorhaben! Bei ihren Armenbesuchen erhalten die Vorstands-Damen des Vereins oft Bilder von einem Elend, das kaum zu beschreiben ist und welches zu lindern die öffentliche Armenpflege allein nicht vermag. Hier muß die Privatwohlthätigkeit eintreten, die an bestimmte Normen und Gesetze nicht gebunden ist, welche die Notb mildern kann, wo sie gefunden wird. Dazu bedarf es aber reichlicher Mittel, zu deren Erlangung der Vorstand an den Wohlthätigkeitssinn, an das gute Herz unserer Frauen mit vollem Rechte appellirt. Durch einen beliebigen jährlichen Beitrag (der Mindestbeitrag beträgt drei Mark) kann jede Frau helfen, die bei unseren Glaubensgenossen wenig bekannte, aber leider im großen Maßftabe vorhandene Noth zu mildern, und hier dürfte Niemand fehlen, wo es gilt, helfend einzutreten für die vorn Unglück, von Krankheit Verfolgten, für eheverlassene Frauen und ihre darbenden Kinder. Der Verein müßte statt 1100 vielmehr 5000 Mitglieder haben, dann könnte er seine große Aufgabe mit Erfolg lösen! Hoffen wir, daß der neueste Aufruf von gutem Erfolge nach dieser Richtung begleitet sein wird. Berlin, 4. November. Das Komitee für Chanukah- Bescheerung versendet, wie alljährlich, so auch diesmal einen Ausruf an alle mildthätigen Glaubensgenossen, den wir der wärmsten Theilnahme allseitig empfehlen. Derselbe lautet: Beim Nahen der rauhen Winterszeit bittet wiederum eine Schaar von mehr denn 1000 jüdischen Kindern, welche die Kommunalschulen besuchen, das allezeit milde Herz der Glaubensgenossen um Spendung der nöthigsten Kleidungsstücke. Diese Gabe schützt nicht nur die kleinen Körper vor Kälte, sondern wirft auch in ihre jugendlichen Seelen einen Lichtstrahl, der ihrem sonst frenblofen Dasein die ermunternde Gewißheit bringt, daß sie von den Nebenmenschen nicht ganz verlassen sind. Im vorigen Jahre erhielten am Channkahfeste laut unseres Berichtes vom 31. Januar 1895 1120 Kinder Stiefel, Kleider, Wäsche und Lehrmittel. So wurde bitterste Noth an vielen Stellen gelindert. Gleichzeitig gelang es, wie Lehrerkreise bezeugten, einen moralischen Einfluß auf die Schüler zu üben, indem die Würdigsten vorzugsweise bedacht wurden. Beide Erfolge ermuthigen uns, alle Kinderfreunde, besonders die Frauen unserer Gemeinde, herzlichst zu bitten, durch eine freundliche Gabe an Geld, Stoffen, Jugendschriften oder dergleichen, dies Liebeswerk wiederum fördern zu helfen. Jede der Unterzeichneten nimmt Beiträge mit innigem Danke entgegen und ertheilt bereitwilligst nähere Auskunft. Berlin, im Oktober 1895. Das Komitee für Chanukah-Bescheerung. Frau Julie Neumann, Vorsitzende, Viktoriastraße 31, Frau Max Benjamin, Königgrätzerstraße 8, Frau Julius Boehm, Behrenstraße 20 II, Frau Michael Fiegel, Alexanderplatz i II,