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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-08 · Heft 45 (8.11.1895) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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540 Berliner Thiergartenviertel. Er spricht diesen zwar nicht jede Humanität ab, aber er vermißt bei ihnen jenes alte jüdische Herz, dem die Noth des armen Mannes sehr nahe ging. Ist es auch nicht meine Aufgabe, zu untersuchen, ob dieser Vorwurf berechtigt ist oder nicht, so glaube ich doch behaupten zu dürfen, daß die frische Luft des Berliner Thiergartens den Herzen der dort wohnenden Juden keine Lähmung eingebracht hat. Schlechte und gute Juden batte das Ghetto aufzuweisen, und schlechte und gute Juden sind auch in Berlin W. aufzufinden. „Freund, wer ein Lump ist, bleibt ein Lump, Zu Wagen, Pferd' und Fuße, Drum glaub' au keinen Lumpen je. An keines Lumpen Buße." Neben den populär-wissenschaftlichen Aufsätzen enthält dieser Volkskaleuder auch (Gedichte und Novellen, von denen einzelne über das Mittelmaß hinausgehen. Ein Gedicht „Liebe" von David Frischmann erinnert uns an so manches Gedicht von Heinrich Heine, Nur paßt es unseres Erachtens nicht in den Nahmen dieses Kalenders, da derselbe auch für die galizischen Ehassidim bestimmt ist, und diese — haben für Frischmanns „Liebe" kein Vcrständniß. Ebenso verdient ungetheilten Beifall eine Humoreske von Brandes: „Das Unglück" oder „Wie der Rabbiner in Pumpian die soziale Frage lösen will." Albert Katz. Die humoristische Litteratur auf dem Gebiete der jüdischen Erzählungen findet immer mehr Anklang. Das höhere Genre im Sinne von Bernsteins „Mendel Gibbor" und „Vögele der Maggid", deren Bedeutung in dieser Zeitung erst jüngst von der berufenen Feder eines Karl Emil Franzos gewürdigt wurde, wird allerdings augenblicklich uid)t gepflegt. Dagegen lassen die Lorbeeren, die das Notizbuch des Onkel Jonas errrungen hat, manchen unserer jungen Autoren nicht ruhen. Oscar Klein, der ob seines humoristischen Talents in weiteren Kreisen bekannte Vorsitzende des „Tyll Eulenspiegel", hat nicht ohne Geschicklichkeit neuerdings diese Bahn betreten. Bei dem Roman, den jüngst Leo Löwenthal im Verlage von Cassirer n. Danziger unter dem Titel „Wandelsteins Töchter" hat erscheinen lassen, kann man allerdings zweifelhaft sein, ob derselbe in seiner Anlage als humoristischer beabsichtigt war oder nicht. Jedenfalls liegen die Wurzeln der Kraft des Verfassers, wie die Figur des philosophischen Synagogendieuers Beimel, eines halb freiwilligen, halb unfreiwilligen Humoristen, beweist, auf dem Gebiete der Darstellung des Komischen. Sonst weist die Handlung vielfache Unwahrscheinlichkeiten auf Daß sich die Tochter des Bankiers Wandelstein von einem adligen Offizier, der sich dazu Urlaub nimmt, ins 'Ausland entführen läßt, wo die Hochzeit stattfindet, gehört in der Art und Weise, wie die Sache dargestellt wird, in den Bereich der Unmöglichkeiten Durch die Heirath mit der Tochter eines jüdischen Finanziers ruinirt sich heutzutage kein Offizier, im Gegentheil trägt diese Thatsache weit eher zu seiner wirthschaftlichen Konsolidirung bei. 'Abgesehen davon ist die Erzählung nicht ohne Werth wegen der genauen Kenntnis; der jüdisch-deutschen Redeweise und rituellen Gebräuche, über die der Verfasser verfügt. *** ''Ci 5^ Spvechsacrt. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihrer Nummer vom 25. Oktober 181)5, Nummer 43, behauptet Ihr 3^ Agramer Berichterstatter, daß die jüdische Religion in Kroatien bereits seit 22 Jahren rezipirt sei. Demgegenüber sei es mir gestattet hier folgende Thatsachen anzuführeu, um auf Grund derselben festzustellen, wie es mit der Rezeption der jüdischen Religion in Slavonien und Kroatien bestellt ist — Vor einigen Jahren wollte eine hier wohnende Christin zum Judenthum übertreten; mein mittelbarer Vorgänger im Amte wandte sich diesbezüglich mit einem Gesuche an alle möglichen königlichen Behörden unseres Landes, allein jede Behörde wies das Gesuch unter verschiedener Motivirung zurück. Erst auf dem Wege eines (Gnadengesuches an den Kaiser erwirkte der in Rede stehende Rabbiner die Erlaubniß, daß die Betreffende zum Judenthum übertreten durfte. Ein zweites Beispiel: Vor Jahresfrist kam zu mir ein Glaubensgenosse ans Slatina in Slavonien und erzählte mir, welche Scherereien die Behörden ihm verursachen, weil er sein von einer Christin, mit der er in wilder Ehe lebe, geborenes Kind nicht christkatholisch taufen lasse Ich that alle möglichen Schritte, um die Erlaubniß zu erwirken, daß das betreffende Kind, das, nebenbei bemerkt, ein Knäblein ist, in der jüdischen Religion auferzogen werde. Da nun die Mutter des Kindes es nicht nur gern sehen möchte, daß dieses ihr Kind als Jude auferzogen werde, sondern sie selbst zum Judenthum übertreten will, so war ich der irrigen Meinung, daß ein diesbezügliches Gesuch, von beiden Eltern des Kindes unterzeichnet, an die königliche Bezirksbeziehungsweise Komitatsbehörde den gewünschten Erfolg haben müsse. Gar bald wurde ich aber eines ganz Andern belehrt. Es wurde mir nahegelegt, daß das betreffende Kind unbedingt in der christkatholischen Religion auferzogen werden muß. Der Vater des Kindes wandte sich nun mit einem diesbezüglichen Gnadengesuch an den Kaiser, und nun warten wir die k. k. Entscheidung in dieser Angelegenheit ab. Ich könnte noch einige in dieses Genre fallende Thatsachen zur Illustration der Rezeption der jüdischen Religion in Slavonien und Kroatien anführen, allein ich nehme Abstand davon, weil ich der Meinung bin, daß vorausgeschickte zwei Thatsachen genügen dürften, in geehrten Leser Ihres geschätzten Blattes davon zu überzeugen, daß die jüdische Religion in Slavonien und Kroatien nicht rezipirt ist. Hochachtungsvoll V iroditica, Slav., 27. Okt. Kreisrabbiner Dr. H. E. Kaufmann. * Geehrte Redaktion! d^or einigen Wochen ging die etwas sensationelle Nachricht durch mehrere Zeitungen (Breslauer und Oberschlestsche Zeitung), der Rabbiner A. Besser in dem ungarischen Städtchen Terczina (Araver Komitat) habe die Taufe empfangen und begebe sich demnächst nach Rom, um sich der katholischen Mission für Zwecke der Judenbekehrung zur Verfügung zu stellen. Nun sind ja problematische Naturen und katilinarische Existenzen, wie der famose August Brieman und Paulus Meyer, in heutiger Zeit allerdings hie und da anzutreffen. Es giebt leider verkommene Menschen, welche es fertig bringen, ihre Religion zu wechseln, wie man ein Hemd wechselt, und ihren Glauben zu verschachern, wie man Trödelwaare verschachert. Weil ich aber in Ungarn viele Jahre gelebt habe, speziell nach dem Araver Konritat noch jetzt häufig geschäftlich komme, Land und Leute aus eigener Anschauung kenne, mit den Verhältnissen der dort lebenden Israeliten genau vertraut bin, kau: mir diese ganze Nachricht sehr unglaubwürdig vor. Zur Steuer der Wahrheit zog ich an Ort und Stelle authentische Erkundigungen ein. Danach stellte sich heraus: 1. In Terczina wirkte nie und wirkt auch jetzt nicht ein Rabbiner oder Rabbinatsverweser. Terczina gehört zum Rabbinatsbezirk Rameszto. Herr Rabbiner A. Duschinsky in Nameszto nimmt die rabbinischen Agenden und Funktionen in Terczina vor. Daraus folgt: 2. Der Besser ist nie Rabbiner der ungarischen Jsraelitengemeinde Terczina gewesen. Dagegen steht fest: 3. Der p. Besser ist seiner Abstammung nach polnischer Jude, welcher sich vorübergehend und privatim in Terczina aufgehalten hat. Die katholische Mission dürfte an Besser keine gute Acquisition gemacht haben. Wie mir versichert, steht fest: 4. Der Besser hat bereits vor vier Jahren in London nach anglikanischem Ritus die Taufe empfangen. Für Geld und gute Worte hatte er sich den englischen Missionaren ergeben. Wer weiß, wie oft dieser gute Mann sich noch häuten, wann und wo er noch gegen gute Bezahlung die Taufe empfangen wird. Das Judenthum hatte diesen Mann vielleicht schon verloren, ehe es ihn besessen Jedenfalls ist dieser Verlust zu ertragen. Dieser Ansicht ist Ihr ergebenster Sohrau O.-Schl., 28. Oktober. Moritz Prager. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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