Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228140--52315-3273103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
539 Der junge Bauer fuhr zusammen: uuu erst gewahrte er, daß »och ein Dritter in der Stube war. Sei» Gesicht, das hochroth bor Erregung gewesen, tmube fahl, die straffe Haltung schlaff; dann wandte er sich stumm ab und schlug in hilfloser Verlegenheit den Blick zu Boden. Noch immer wiehernd kam der Schmied auf Janko zu. „Ich hab's ja immer gesagt," höhnte er, „unser Janko ist der schönste Bursch im Dorf — hehe. Wie fein er sich heransgeputzt hat — hehe! In Lemberg Hab' ich einen Affen tanzen gesehen — aber der war lange nicht so schön gekleidet! . . . Im Gesicht könnt' er's eher mit Dir aufnehmen!" „Schweig!" rief der Bauer »ud wich zurück. „Hoho!" rief der Schmied »nd streifte die Hemdärmel ans. „Spricht so ein grüner Lasse, wie Du, mit einem Hausvater? Ein verrufener Geizkragen, wie Du, mit einem braven Manu, vor dein jeder im Dorf Ehrfurcht hat, weil er lebt und lebe» läßt?!" Noch einmal wich der junge Bauer einen Schritt zurück. „Schweig!" wiederholte er heiser. „Aber warum sollt' ich Dir nicht Glück wünsche»?!" höhnte der Andere. „Wen hast Du Dir denn ausgesucht? Am Ende gar —" Er sah nach Leib und brach wieder in ein endloses Lachen aus. Der Jude war bisher »och immer wie gelähmt, keines Wortes fähig, dagestauden. Nun, da sich der Hohn gegen ihn zu kehren drohte, griff er sich an den Hals, als wollte er die unsichtbare Hand abwehreu, die ihm die Kehle zuschnürte . . . „Onufrij," stammelte er, weiter kam er nicht. Da hörte er hinter sich im Nebenzimmer die Stimme seines Weibes. „Miriam, Du bleibst hier!" rief sie scharf. „Drinnen streiten zwei Betrunkene, das ist nichts für Dich!" Sie selbst trat in die Stube. „Der Janko?!" murmelte sie. „Was geht da vor?!" „Hurrah!" johlte der Schmied, als er sie erblickte. „Da kommt Deine Schwiegermutter . . Nun hast Du wohl mehr Muth?!" Todteufahl stand der Janko da; die Brust hob und senkte sich wie in heftigem Krampf; keuchend ging sein Athem ans »nd ein. „Hund!" stieß er heiser hervor »nd schwang das Beil. „Noch eine Wort und —" Die Frall war ans Fenster geeilt und hatte es aufgerissen. „Hilfe!" rief sie auf die Straße hinaus. Auch Leib hatte nun die Stimme, die Kraft wiedergeflindeu, sich zwischen die Streitenden zu werfen. „Aber so laß doch!" lachte der Schmied und drängte das schwache Männchen mit einer Bewegung der Hand bei Seite, daß cs an die Wand taumelte. „Spaß muß sein! Ich will wissen, wer die Glückliche ist!" Und er trat noch näher ans den Bauer zu. „Am Ende gar wirklich die Jüdin?" „Hilfe!" ries die Chane noch einmal. „Herr Pfarrer, rasch!" Da hörte sie hinter sich einen dumpfen unheimlichen Laut, lvie das Wuthgeheul eines Thieres, und als sie umblickte sah sie das Beil des Janko über dem Haupt seines Gegners. (Forts, folgt.) Fittorarische Mittcheilungon. M. Mielziner: Introduction to the Talmud. Cincinnati 1894. The Bloch Printing Company. Als Prof. Kraus seinen vor einigen Wochen in diesem Blatte veröffentlichten Aufsatz über das Talmudstudium schrieb, in dem er den Mangel einer guten Einleitung in den Talmud lebhaft beklagte, hat er das vorliegende Buch noch nicht gekannt. Nun ist seinem Wunsche rasch Erfüllung geworden. Wir haben jetzt eine Einleitung in den Talmud von jüdischer Seite, die allen wissenschaftlichen Anforderungen genügt und die hoffentlich bald ins Deutsche übersetzt werden wird. Das ist eine erfreuliche Thatsache, und nicht weniger erfreulich ist es, daß uns dieses Buch gerade von jenseits des Ozeans zukommt. Prof. Mielziner leitet den Talmudunterricht am Hebrew Union College in Cincinnati. Wir lernen also auch aus seinen Werken den Geist kennen und schätzen, welcher dieses Institut beherrscht. Aus seinen früheren Schriften war bereits seine ungewöhnliche Gelehrsamkeit auf talmudischem und jüdischwissenschaftlichem Gebiete überhaupt zu erkennen. Kein Zweifel: hier liegt das Ergebniß einer Lebensarbeit vor uns, das Ergebniß langjähriger wissenschaftlicher Studien und praktischer Erfahrungen. Soll ich mein Urtheil kurz zusammenfassen, so ist es vor Allem die wissenschaftliche Methode, die uns in diesem Buche als ein großer Vorzug entgegentritt. Der Verfasser giebt zuerst eine historische und litterarische (Einleitung, sodann die Gesetze der talmudischen Hermeneutik, hierauf eine Terminologie und Methodologie des Talmuds und schließlich noch einen Abriß der talmudischen Ethik. Als Appendix folgt ein alphabetarisches Register der Tauaim und Amoraim, sowie ein sehr brauchbarer Index der wichtigsten Termini, Phrasen und Abbreviaturen im Talmud. Die Einleitung selbst ist streng sachlich und rein wissenschaftlich gehalten; nicht von einem Parteistandpunkt aus, sondern vielmehr sehr objektiv und — was das Wichtigste ist — mit genauer Keuntniß des großen und weiten Gebiets Der Verfasser kennt die ganze Litteratur des Talmuds, wie aus seiner Bibliographie im Kap. 12, noch mehr aber aus seinem ganzen Werke hervorgeht, lieber die schwierigen Fragen in der Geschichte des Talmuds, wie in der talmudischen Exegese hat er sich ein selbstständiges Urtheil gebildet, das in den meisten Fällen klar und zutreffend ist. Sein Buch steht auf der Höhe der modernen Einleitungswissenschaft; es ist. ein zuverlässiger und kundiger Führer durch „das weite Meer des Talmuds". Jeder, der dieses kennen lernen will, darf sich dem kundigen Steuermann furchtlos anvertrauen. Wir haben seit den Werken von Frankel und Weiß, die aber beide in hebräischer Sprache geschrieben sind, noch kein besseres Buch erhalten als dieses, und wir müssen dem gelehrten Herausgeber für sein Werk zu aufrichtigem Danke verpflichtet sein. Das Gefühl der Genugthuung darüber, daß uns ein solches Werk aus Amerika gekommen, ist bereits ausgesprochen. Gleichwohl möchte ich es zum Schluß noch einmal hervorheben. Es wird heute Niemand mehr wagen dürfen, in Hinblick auf die Förderung und Erhaltung des Talmudstudiums, ja der Wissenschaft des Judenthums überhaupt, das SOn 2^ ‘TSPft sS noch zu zitiren. Unter den Männern aber, welche die geistige Nahrung dieser Wissenschaft erfolgreich über das Meer getragen haben, steht der Verfasser der „Einleitung über den Talmud" mit in erster Reihe. Möge es chm noch lange beschieden sein, die Früchte seiner Arbeit zu schauen! 0. K. Dr. M. Ehrenpreis: Jüdischer Volkskalender für das Jahr 5656 (1895/96). Lemberg 1895. Die uns vorliegende Publikation ist, weil für die große Masse der galizischen Juden bestimmt, in deren Idiom, im echten Jargon, abgefaßt und enthält neben einem vorzüglich redigirten Kalendarium auch mannigfache für den Juden als Staatsbürger wissenswerthe Notizen. Außerdem enthält dieser Volkskalcnder ein Berzeichniß der galizischen Kultus- Gemeinden, ein Register der jüdischen Advokaten des Landes und der jüdischen Aerzte in Lemberg, sowie eine Beschreibung der jüdischen .Kolonien im heiligen Lande. Dem litterarischen Theil geht eine von idealer Begeisterung getragene Einleitung des Herausgebers voran, die in die programmatischen Worte austönt: Wir wollen alle Bestrebungen unterstützen, welche geeignet sind, die traurige Lage der Juden in GaUzien nach Innen und Außen besser zu gestalten. Bon den litterarischen Beiträgen verdienen besondere Erwähnung ein Aufsatz des Dr. Malter-Berlin über: „Die sozialen und politischen Verhältnisse in Palästina", eine Abhandlung des Dr Rosenbaum-Jassy über: „Gesundheit, Wohnung und Nahrung" und eine Arbeit des Dr. Thon-Lemberg über: „Die politischen Parteien der Gegenwart". Dr. Bernfeld-Berlin ist mit einem Aufsatz über das jüdische Ghetto vertreten der keine neuen Momente, sondern eine Reihe von Anklagen gegen das moderne Judenthum enthält. Der Autor erblickt alle Tugenden bei den Juden im Ghetto und alle Sittenverderbniß bei den reichen Juden im