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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-08 · Heft 45 (8.11.1895) · p. Seite 538

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 538 (sequence 10)
Language
German
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538 „ich faiui Icibcr nicht lügen. . . Und dann, es mürbe jo auch nichts nützen, dos Kind holt ihn ja für seinen fluten Freund und wird ihm gelviß die Verlobung gleich erzählen. . ." „Das wird sie nicht," fiel sie ihm ins Wort, „wenn ich es ihr verbiete. Natürlich werde ich irgend einen Vorwand ersinnen, die Wahrheit darf man ihr nicht sagen. Unsere Miriam ist Gottlob noch nach ihrem Herzen ein Kind, wie sie vor zehn Jahren war; sie soll nicht erfahren, warum der häßliche Mensch täglich herkounnt und lvas er sich dabei denkt, wenn er sie anglotzt. Sie soll es gar nicht ahnen und eben darum müssen wir die Sach' so leicht als möglich nehinen und ihn Hinhalten und sogar dulden, daß er täglich konnnt. Denn verbieten wir ihm das Hans, so wird sie den Grund wissen wollen, oder er lauert ihr einmal ans und erschreckt sie durch seine häßlichen Reden. . . Ruch darunl habe ich nlich Deinem Willen gefügt," schloß sie. „und dabei bleibt's nun!" „Ja," sagte er eifrig; nun leuchtete es auch ihm völlig ein. Einen Allgenblick fllhr ihm die wüste Geschichte, die ihm Mendele erzählt, durch's Hirn, aber dann dachte er sofort wieder: „Gott, verzeih' mir die Sünde an meinem Kinde!" Und llicht blos Frevel lvar's, sondern alich Unsinn: Chane war ja so viel klüger als er; war alich nur der Schatten einer solchen Gefahr denkbar, sie mürbe ihn ja Vorallssehen! ... Gewiß, sie hatte and) diesmal in Allem recht; hielt Janko die Verlobung ferne, so fanb er in seiner scheuen, verschiichtertell Art gewiß nicht den Muth, mit Miriam zu sprecheil. . . Aber freilich, wie er sich bann benahm, wenn er's erfuhrden kleinen Mann überflog ein Schallder, er mußte all seinen Trallm von heute Nacht denken; ihm lvar's, als sehe er wieder das Beil blitzen und allf das Haupt des geliebten Kindes'niedersallsen. . . Chane blickte ihn scharf all. „Was noch?" fragte sie kurz. Er erzählte ihr deil Traum. „Verzeih," schloß er, „aber . . . vielleicht . . . vielleicht hat llns da Gott gelvarnt. . „Dazu braucht Gott keine Träunre," sagte sie scharf. „Er hat uns ben Verstand gegeben, damit wir die Gefahr vermeiden. . . Natürlich werden wir auf unserer Hlrt sein. Vielleicht hältst Tll ben Menschen für gefährlicher, als er ist, oder er wird mit der Zeit ruhiger, aber meiiti Tll Recht hast, so nluß das Kind natl'irlich in denl Augenblick, lvo er die Verlobung erfahren kanil, alls dem Hans fein. Mag er dann in Halicz rasen! Dort geschieht dabei höchstens ihm ein Unglück, llicht llns. . Wie illlmer, so flößte ihm auch diesmal ihre Elltschiedenheit Muth ein. Nur in einem, in der Erkeniltlliß dessell, was Gott vom Menscheil lvollte, fühlte er sich ihr iiberlegell — in allem Weltlichen wußte sie besser Bescheid. Und so kehrte er beruhigter in die Schänkstllbe zurück, wo Onufrij inzwischen bereits die Hälfte der zweiten Flasche geleert hatte. Das war für den Schmied von Winkowze feine ungewöhnliche Leistung, und er war auch lloch lange nicht betrunken, nur eben etwas allgeheitert. „Eilleil Guldeil jeder Zoll," murmelte er vor sich hiil, „...zwei drei . . . vier Guldeil." Hub als der Jude wieder auftauchte: „Zwanzig Guldeil, bummer' Leibko, zwanzig Gulden der Zoll . . . Oder, was meinst Dli, dreißig?!" „Ja, ja!" sagte Leib und setzte sich hinter die Barre. Er tonnte sich heute mit dem Gast nicht unterhalten. wie er dies sollst für seille Pflicht hielt, dazu war ihm das Herz zu schwer. Zwar gab es ja nun wohl keinen Auftritt mit dem Jallko, vor dem er so sehr gezittert hatte, delmoch bangte es ihm vor dem Wiederseheil. Jlldeß, das nlußte eben ertragen sein, aber sein Weib, fein armes Weib! . . . Er hatte sie, da sein Vater selbst die Verlobung abgeschlossen, zum erstell Mal in seinen! Lebell in der Stlinde gesehen, wo sie ihm allgetraut worden; früh war ihm der Gegensatz ihrer Naturen fühlbar geworden, unb auch er, nicht blos sie, hatte schwer darunter gelitten; früh war er ihr in Allem unterthan geworden, lvo Er nicht noch mehr Gehorsam forderte; die Noth war von Anbeginn mit ihnen gewesen, und früh auch war im Dienst dieser Noth der Reiz ihres Leibes gewelkt — unb dennoch war sie nicht allein seine Gefährtin, die Mutter seines Kindes, sondern auch das Weib seiner Liebe, das Weib seines Herzens, wie nur irgend eine Frau dieser Erde, die in freier Wahl erkoren wordell und in jedem Herzschlag mit dem Gatten einig war. . . Sein Weib war krank, todtkrank, und er hatte es nicht bemerkt und nur gedacht: „Die Aermste, sie hustet eben, aber sie hat ja immer gehustet; es lvird sich mit Gottes Hilfe wieder geben! . . ." Freilich, was hätte er thlln.zu ihrer Pflege anslvendeu können, wenn er's beinerkt hätte?! . . . Aber nein, das lvar keine Entschuldigllng, selbst der Aermste kann den Arzt fragen, selbst der Schwächste noch etwas mehr verdienen. . . „Welcher Sünder ich bin!" dachte er zerknirscht, und dann brach es ihm halblaut ans der gepreßten Brust: „Barmherziger, rette sie . . . ich will ja büßen!" „Was?" gröhlte der Schinied und hielt sich die Hand ans Ohr. „Lauter! Und Dein verdannntes Jüdisch versteh' ich nicht. . . . Komm' her," schrie er dann, „ich will Dir lvas erzählen. . . . Herkonlmen, sag' ich!" Der Kleine erhob sich und schlich zaghaft bem Feilster zu, neben dem der Schnlied saß. Sein Blick schweifte dabei gedankenlos ins Freie-da ward fein Auge plötzlich starr und den Körper überfiel ein Zittern. . . . Hinnnel, lvas war das?! Die Dorfstraße herab faut der Jauko geschritten und ans das Hans zu, aber nicht blos die Stunde war ungewöhnlich — die Sonnenuhr am Pfarrhaus gegenüber wies kamn auf zehn — sondern auch seine Tracht: er hatte sein Festgewand angelegt, das er vorn Vater ererbt, aber sonst nur an beit höchsten Feiertagen trug: beit langen, pelzgefütterten von schwarzem, silberbeschlagenen Ledergurt zusammengehalteneu Rock ans weißgegerbtem Ochsenfell, die hohe, braune Schaffellmütze auf dein Kopf, und über der Schulter das Beil mit reich geschnitzten! Holzgriff, das Merkzeichell des freien Bauern, der auf dem eigenen Hofe sitzt. Das Beil! . . . Wie von Entsetzen gelähmt starrte der Kleine ans die Waffe, die im Sonnenschein blitzte, unb regte sich nicht, wie sie so langsam näher und näher kam. . . . Erst als der Schnlied den Herauschreitenden gleichfalls gewahrte und erstaunt ansschrie: „Der Jauko — und so?!", fühlte er das Blut wieder in die Glieder strömen und konnte sie regen. Er wandte sich zur Küche, die Frauen zu warnen, aber es war zil spät, schon trat der junge Bauer in die Stube. „Gegrüßt sei Jesus Christ!" begann er feierlich, als er den Leib gewahrte, und nahm die Mütze vom Haupte. „Segen diesem Hause." Auch dies war beides wahrlich ungewöhnlich, aber nicht deshalb allein fühlte Leib wieder die Glieder erstarren, sondern weil er lange genug im Dorf lebte, um nun ganz genau zu wissen, warum Janko gekonunen war. Die Festtracht am Werkeltag. der fromme Gruß in der Schänkstube — der Bauer wollte um Miriam werben und hielt die Formen ein, die unter Seinesgleichen üblich waren. Es stimmte Alles — bis auf die beiden Zeugen freilich, die der Freiwerber mitzubringeu pflegt. Das war so sichtlich, daß es auch dem Onufrij nicht entging. „Was?" rief er unter wieherndem Lachen. „Der Jauko geht auf die Freite?! Hoho!"

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