Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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537 knickrige» Bauern thun, wenn sie ihre Schindmähre» beschlagen lassen! Denn wer baut die Bahn? Der Herr Kaiser baut sie — verstanden, Leibko?" Der Kleine hatte kam» hingehorcht; er war wieder i» seine trüben Gedanken versanken. „Freilich," sagte ec »nn, „da ist Geld z» holen!" „Aber nicht durch die Schienen allein!" fuhr Onufrij fort; er war inzwischen bereits beim dritten Glase angelangt. „Weißt D» schon, daß die Kaiserlichen Schreiber nächster Tage hierher kommen? Solche hohen Herren hast Du noch nie gesehen! — jeder hat einen großen Bauch und auf der Brust ein goldenes Kreuz, so groß, wie ein Fenster — das hat ihnen der Herr Kaiser geschenkt. Und wozu kommen sie?! Um den Weg für das eiserne Pferd abzustecken! Natürlich wird der Boden eins nicht innsonst abgenommen; jeden Zoll vergütet der Herr Kaiser mit Gold! Verstanden?!" „Wißt Ihr aber auch gewiß." fragte der Schänkwirth, „daß die Bahn über Euren Acker gelegt wird?!" „Wa — as?!" Diesmal lachte der Schmied so wiehernd drauf los, daß der Kleine znsaminenfuhr und Miriams blühendes Gesicht aus der Nebcnstube neugierig hereingncktc. „O, das Sprichwort hat recht: „Unter tausend Juden ist nur Einer dumm, aber der ist es dann auch für alle tausend zusammen!" Ob die Bahn über meinen Grund — hahaha! ich lach' mich tobt! lieber wessen sonst?! Etwa den Deines Janko, des elenden Knickers, den Gott verdammen möge?!.. . Wer zieht den» die Wagen ans der Bahn? Ein eisernes Pferd, Hab' ich Dir schon gesagt. Wie es das macht, weiß ich nicht — daß heißt, dummer Leibko, ich weiß nur nicht, wie es so von selber laufen kann, weil das überhaupt Niemand weiß. Einige sagen, daß es nicht mit rechten Dingen zngeht, daß —" Er blickte sich scheu um und schlug dreimal hastig das Kreuz — „Der Teufel?" fragte Miriam lachend; sie war in der Thiire stehen geblieben. „Pst!" Wieder blickte sich der Bauer scheu um. „Aber das ist llnsinn — der Herr Kaiser wird sich doch nicht mit — mit ihm eingelassen haben ... Da glaub' ich schon eher, was andere meinen: in jedem solchen Pferd steckt ein böser Geist, eine verdammte Seele, aber der Herrgott selbst hat sie hineingesperrt, dem Herrn Kaiser zu Gefallen, und nun müssen sie die Arbeit thun. Gern natürlich nicht, und darum stinken sie von innen her fürchterlich und geben einen Dampf von sich — ich sag' Euch —" „Aber deshalb versieh' ich noch immer nicht —" meinte Leibko. „Daß der Weg an meinem Haus vorbeifnhren muß?! Aberdas muß ja jedes Kind begreifen! Nämlich, was drinnen steckt, weiß ich nicht, weil das kein Ehristeinnensch weiß, aber daß es außen von Eisen ist und daß an diesem Eisen jede Meile was kapnt wird, weiß ich. Nun also! Wenn das hier in Winkowze passirt, wer soll's dann wieder znsammenflicken, als ich? — he? Und da sollen sie mich erst eine halbe Stunde weit heranholen müssen?! — he?" Er hielt die Flasche gegen das Licht; sie war fast leer. „Noch ein Fläschchen, Leibko! Ja, jetzt kommen die guten Zeiten!" „Geb's Gott," erwiederte der Kleine mit traurigem Lächeln und füllte die Flasche. Dann schlich er hinaus, z» sehe», wie es seinem Weib gehe. Er traf sie in der Küche, wo sie das ärmliche Mahl bereitete. Der Ranch des Herdfeuers weckte immer wieder den schlimmen Husten. „Du solltest Dich schonen," bat er. „Könnt' heut' nicht die Miriam „Warum g'rnd heut'?" fragte sie. „Du bist ein merkwürdiger Mensch, Leib," fuhr sie fort, und diesmal war die Stimme ruhig; nur eine leise, schmerzvolle Bitterkeit klang hindurch. „Daß Du eine erwachsene Tochter hast, weißt Du erst seit gestern, und seit heul' erst, daß Deine Frau todtkrank ist." „Todtkrank?!" schrie er entsetzt auf. „Da sei Gott vor!" „Bielleicht erbarmt er sich meiner," sagte sie, „und nimmt mich nicht eher fort, als bis ich mein Kind unter dem Trauhimmel gesehen Hab'. Aber lang' dars's dann damit nicht mehr dauern, sonst ..." Sie verstummte und Preßte die Lippen fest aufeinander. Auch er mußte sich erst fassen, eh' er sagen konnte: „Chane, da niüsseu wir ja sofort einen Arzt —" Sie schüttelte den Kops. „Mir hilft kein Arzt mehr," sagte sie nun so unbewegten Tons, als spräche sie über eüvas Gleichgiltiges. „Ich hab's ans der Brust; meine Mutter — sie ruhe in Frieden — ist an derselben Krankheit gestorben, und beiläufig auch in meine» Jahre». — Zinn nächsten Purim (Fastnacht) werd' ich ja vierzig. . . Vielleicht irr ich mich," fuhr sie fort, als sie seine tiefe Erschütterung sah, „aber . . ." Sie brach ab und wieder preßten sich die dünnen Lippen fest aufeinander. „Mein Gott!" seufzte er leise. „Mein Gott. . ." „Wir können ja auch morgen den Arzt fragen," sagte sie, gleichfalls nur zu seiner Beruhigung. „Da sind wir ja ohnehin in Halicz. .. Wenn es ans mein Herz allein anküm', so gingen wir schon heut' z» Mendele Schadchen. Aber ich fürchte, es wär' nicht klug, ihm zu zeige», wie dringlich es uns ist." Er nickte nur und wollte wieder hinansschleichen; da hielt sie ihn zurück. „Der Onufrij bleibt heut' wohl sitzen," fragte sic scheinbar gleichgiltig, „bis sie ihn Abends heimtragen?" „Wahrscheinlich," erwiederte er. „Dann kann ich heut' nicht mit dem Janko sprechen. . . Und ich iveiß noch gar nicht, ob ich's morgen thu'. . . Ich will keinen Unfrieden im Haus," fügte sie zögernd bei. „Und da Du eS bester verstehen willst, als ich, und so sehr dagegen bist. . ." „Aber Chane." sagte er ängstlich, „wie kannst Dn das nur sagen? Ich Hab' ja kein Wort dagegen gesagt. Du bist ja in Allem die Klügere. . . Wenn D» es für richtig hältst. . ." Da hielt er inne, weil er ein Zucken der Ungeduld um ihre Lippen sah. Nun wußte er Bescheid: so machte sie es immer, wenn ihr Entschluß sie reute. Sie war zu eigenwillig, um znzngeben, daß sie etwas Verkehrtes gewollt; so schützte sie denn seinen Willen vor, sich de» Rückzug zu decken. Natürlich hielt es der Kleine in solchen Fällen immer für seine Pflicht, ihr dies zu erleichtern. „Nun ja," begann er auch diesmal ans Befehl zu widersprechen und suchte sich sogar eine möglichst feste Haltung zu geben, „ich bin eigentlich dagegen. Den» warum? Er ist ein roher Bauer, Dn ein Eaukes Weib — zur Vernnnst wirst auch Du ihn nicht bringen. . ." „Sv ereifere Dich nur nicht!" unterbrach sic ihn. „Ich sag' Dir schon, es geschieht nicht! Aber dann darfst auch Tn nicht mit ihm darüber sprechen. Fängt er davon an, so sagst Du ihm: „Ach was, davon reden wir, sobald es an der Zeit ist. Vorläufig haben wir noch keinen Bräutigam für sie, und da wir so arm sind, so finden wir vielleicht überhaupt keinen." Haben wir aber mit Gottes Hilfe eine» gefunden, so sagst Du ihm das erst recht nicht, verstehst Du?" „Nicht ganz . , .," sagte er zögernd. „Du weißt, Chane," fügte er so flehend bei, als gestehe er eine unverzeihliche Schwäche ein,