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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-08 · Heft 45 (8.11.1895) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
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536 einen direkten Einfluß derselben geschlossen werden darf. Allein auch dort, wo vorr einem direkten Einfluß nicht die Rede sein kann, weisen zahlreiche Produkte der Schillerschen Muse Berührungspunkte auf mit biblischen Ideen. Wie ist das zu erklären? Seit jener großen und tiefeingreifenden Umwälzung, welche die Reformation auf religiösem Gebiete Herborgerufen hat, machte sich auch auf dem Gebiete der Pädagogik ein bedeutender Umschwung bemerkbar. Was bis dahin in christlichen Laieukreisen nieinals geschehen fein mochte, bei den Juden aber seit jeher Brauch und Pflicht war — die Bibel als eine -Quelle religiöser Belehrung auch für Kinder zu betrachten und das Lesen derselben in den Rahinen des Unterrichts hineinzuziehen — das wurde seit der Reformation zur allgemeinen Regel erhoben. Wie Luther klar erkannt und es deutlich ausgesprochen^: „Die Juden haben gar treffliche Leute gehabt als Propheten, Säuger und Dichter, die Gottes Wort fleißig und auf allerlei Weise getrieben", wie er sogar den Wunsch ausgedrückt: „und Gott gebe, daß die Griechen ihre Weise, Komödien und Tragödien zu schreiben, von den Juden genommen hätten, wie auch viel andere Weisheit und Gottesdienst", so hatte der kühne Reformator, der bei dem Hergebrachten nicht stehen bleiben mochte, wenn ihm dasselbe der Verbesserung zu bedürfen schien, es auch von den Juden gelernt, die Bibel, namentlich die Psalmen und die Sprüche Salomo, den Kindern frühzeitig zu erschließen. Seit jener Zeit war die religiöse Schulbildung allgemein aus der Bibel genommen. Zur Zeit aber, da Schiller seinen ersten Unterricht genossen, sagt Schwab^), „war die religiöse Schulbildung fast mehr alttestamentlich als christlich, vom neuen Testament aber war außer der Versöhnungslehre wenig Weiteres vorgetragen worden." Auch im Hanse seiner Eltern, in welchem die Bibel oft und gern gelesen wurde, hatte Schiller gewiß auch aus dem alten Testament lesen hören, wenn Vater oder Mutter Einzelnes aus der Bibel gelesen. In Lorch, einem Städtchen in Württemberg, erhielt Schiller von dein wackeru Pastor Moser, den er in seinen „Räubern" verewigte, neben den Anfängen im Latein und Griechisch auch den Unterricht im Hebräischen, und sicherlich hatte der Umgang mit diesem leutseligen Seelsorger in dem Knaben Schiller die Neigung zum geistlichen Staude geweckt, eine Neigung, die ganz den Wünschen der Mutter entsprach. Schon in seinen Spielen gab er diese Neigung zu erkennen, beim oft stieg er auf einen Stuhl und fing mit vollem Nachdruck an zu predigen, und wenn einer der Zuhörer lachte, verwandelte sich die Rede des Knaben in eine Strafpredigt?) Selbst in spätem Jahren äußerte sich Schiller über das Amt eines Predigers: „Vor einer versammelten Gemeinde über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens und der Menschheit zu reden, stelle er sich als etwas Großes und Erhabenes bor."4) Mit Recht bemerkt Hoffmeister: „Schiller ist wirklich dem Wesen nach Prediger geworden, aber nicht von der Kanzel, sondern nur von der Schaubühne, nicht vor einer konfessionellen Gemeinde, sondern ein Prediger vor der großen Menschenfamilie."5) Es mußte Schiller nämlich diesen Lieblingsgedanken, wirklicher Prediger zu werden, auf Wunsch seines Gönners, des Herzogs Karl, aufgeben, mußte die Neigung zur Theologie, wie er sich in den Gedichten an Laura ausdrückt, „blutend aus dem wunden Herzen ]) Luther über das Buch Tobias, vgl. Sehrwald, Dichter und Denker. -) Schiller und das Christenthum S. 110. :J) Palleske S. 9. 4) Schwab S. 31. 5) Palleske, Schillers Leben S. 10. reißen" —, allein die Bekanntschaft mit der Bibel, die er infolge dieser Neigung gemacht hatte, sie war von dauerndem Einfluß auf ihn. Von diesem Einfluß zeugt zunächst der Versuch, den Schiller gemacht, nach dem Vorbilde des Messias einen Moses zu dichten. Wie Klopstock den Stifter der christlichen Kirche, so wollte er den Befreier Israels episch verherrlichen. Wie geläufig und gegenwärtig der biblische Stoff Schiller gewesen sein muß, das können wir schon daraus ersehen, daß er einem Freunde, der ihn um einige Zeilen für sein Stammbuch gebeten, und der ein starker Esser war, die Schriftworte setzte: „Wenn Du gegessen (und getrunken hast), so sollst Du den Herrn, Deinen Gott loben, uota bene, wenn Du auch satt geworden-bist" (5. M., Kap. 8, 10)?) (Schluß folgt.) V iiMunwimm MMM liMJSQUÄliiBi? IliHTlliUfmil'.KRi I * I FEUILLETON I 3\ ggziimminnniii SsllMMW SS IMMIM ÜMIMMMMIMÜM L^llilfnuiuirTiiiitiitfnuHJirniiitiiKnuauirniiiiiimiuuiTTtiiiuiiniUAUirNHiinKnuAUirTiiiiitiHTiuHjirTiiiniikniuiLttrTitiiLX!! -—- -i 1-1 :numnnmiingg2 MMMlilL« Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) a hörte Leib sich angerufen; es war Cnufiij, der Schmied, der sein Geld hole» kam. „Du hast es doch bekommen?" fragte er. Leib nickte. „Sogar nm den kleineren Wechsel." „So? — wirklich?" Der wohlgenährte Mann mit der verdächtig rothen Nase im breiten Gesicht sagte es so gleichgiltig, als ginge ihn die Sache kaum was an. „Na — gieb her!" Sie traten in die Stube und machten das Geschäft ab. Und da er mm einmal in der Schänke saß, so ließ sich Onnfrij trotz der frühen Vormittagsstunde eine Flasche Schnaps bringen. „Mir thut nur leid," sagte er, nachdem er das erste Glas auf einen Zug geleert, „daß ich mir nicht gleich vierzig Gulden geliehen habe." „Warum?" fragte Leib. „Braucht Ihr so viel?" „O, Du dummer Jud'l" lachte der Schmied behaglich, „Geld kann man immer brauchen. Und jetzt habe ich doch auch keine Sorge mehr ums Zurückzahlen. Du weißt doch: die Eisenbahn..." „Ja, im nächsten Frühling wird sie hier gebaut. . . . Aber warum hofft Ihr dabei Geld zu verdienen, Pani Onnfrij?!" Der Schmied lachte laut auf. „O Du Schafskopf! Was ist denn mein Handwerk — he? Und was ist denn eine Eisenbahn — he? Du hast noch keine gesehen, aber ich! — als ich im letzten Frühling in Leniberg war; dorthin kommt das eiserne Pferd ja schon seit Jahren von Krakau hergelaufen. Also — auf Schienen länft's, guter Leibko! Und kannst Du mir vielleicht sagen, wessen Geschäft es ist, Schienen zu schmieden und ans die Schwellen zu nageln? Nicht wahr, hetze, das macht der Glaser? . . . Tausende sind dabei zu verdienen — so ein Haufen Gulden!" Er hielt die Hand hoch über den Tisch. „Und um den Preis wird da mit einem armen Handwerker nicht gehandelt, wie diese U Bei mehreren Biographen.

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