Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1895)
- Date
- 1895-11-08
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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535 Auch jener Stern am deutschen Dichtcrhimmel, dessen Glanz nie und nimmer wird verblassen, auch Friedrich Schiller, ist nur von diesem Gesichtspunkte aus zu beurtheilen. Allerdings ist Schiller zunächst als deutscher Dichter zu betrachten, insofern alles Große, Wahre und Schöne, das sein großer Geist geschaffen, seinem Vaterlande in erster Reihe zugute kommen sollte. Allein die große Dichterseele, die auf den Schwingen der Phantasie in die sonnige Höhe eines lichten Daseins sich einporgelränmt hat, sie überspringt die engen Schranken der Nationalität, sie erhebt sich vielmehr zur Universalität, bereu Träger die ganze Menschheit. Die Nation setzt sich ans Bürgern zusammen, die Menschheit aber ist die Summe aller Menschenindividnen, und der Schritt vom Menschen zum Bürger ist — ein Rückschritt, den ein Dichter von der Bedeutung Schillers niemals hat machen können! Der wahre Dichtergenius ist der Genius des Propheten. Darum hat Schiller vor Allein das mit den Propheten Israels gemeiiisam, daß wie diese zuerst ihrem Volke die Tngendbahn zeichnen und zeige» wollte», jedoch dabei nicht stehen bliebe», sondern diese Wege der i Tugend auch den andern Nationen wiesen, so hat auch Schiller die Gaben seines großen Geistes nicht seiner Nation gebracht, sondern hat, >vas er gedacht und gewollt, für die ganze Menschheit gedacht, für alle Menschen gewollt! Es giebt wohl Nationalhelden, die ihr Leben ihrer Nation zum Opfer bringen und mit ihrem eigenen Blute die Saat der Freiheit ihres Volkes tränken, aber Nationaldichter im eigentlichen Sinne giebt es nicht, weil deni Dichter von Gottes Gnaden zu enge sind die Schranken der Nationalität. Außerdem aber würden wir einen jeden Dichter des Undanks zeihen, wollten wir ihn gewissermaßen nur ans seine Nation geaicht wissen. Hat ja, wie wir bereits erwähnt, selbst der originellste Dichter nicht all ovo angefangen, sondern nur das, was er von denen empsangen, die vor ihm gedacht und gefühlt haben, in die Form seiner eigenen Subjektivität, in seine Individualität gegossen. Was mau aber Allen verdankt, das nur für Wenige festlegc» wollen, das wäre der größte Undank, dessen sich der Dichler am allerwenigsten schuldig machen darf. Es wäre daher ganz ungereimt, wenn wir den Lieblingsdichter des deutschen Voltes, wenn wir Schiller von dieser allgenieinen Regel ansnehmen wollten. Auch Schiller war nicht nur ein Dichter für das deutsche Volk, sondern ein Dichter für die ganze Menschheit, und wie er für die ganze Menschheit gefühlt und empfunden, gedichtet und gesungen hat, so hat er auch ans dem Gedankenqnell geschöpft, den Andere vor ihm gegraben und vertieft haben; so hat er auch manche goldene Gedankenfäden, die von Frühere» gesponnen wurden, i» das Getvcbe seiner eigenen Phantasie verflochten. Darum dürfen wir heute mit Fug und Recht der Frage näher treten: Ist bei Schiller der Einfluß des Alten Testaments nachznweisen? — Deini es ist zutreffend, was Palleske*) von Schiller sagt: „Alle Herzen fliegen ihm entgegen, seine Ankläger finde» taube Ohren, seine Vertheidiger sind zahllos. Sie sitzen ans dem Throne und in der engen Zelle des armen Studenten; sie drängen sich ans den Galerien der Theater und stehen auf der Kanzel! Der Soldat findet in ihm seine Schlacht und sein Lager, die zarteste Jungfrau ihre reinste» Ideale, der Katholik sein Rom, der Protestant seinen Gustav Adolf, die Freiheit ihren Tell, fast jede Nation ihren Ruhm, die ganze Menschheit ihre edelsten Güter" und wir — das - können wir mit gutem Gewissen hinzufügen — wir Jude» finden in Schiller — das Alte Testament! Fürwahr! Die Antisemiten, die über „die traurige Undeutschheit der Schillerschen Stoffe" klagen und „wahrhaft vaterländisches Gift" in seinen Dichtungen wittern, sie würden sich vor Schiller bekreuzigen, wäre es ihrer Spürnase schon gelungen, den Einfluß zu entdecken, den das Alte Testament auf Schiller ausgeübt. Große Männer sind, so lange sie leben, für ihre Zeitgenossen oft wandelnde Geheimnisie, sind widerspruchsvolle Räthsel zuweilen, deren Lösung man nicht gern versucht, weil ja vernrtheilen leichter ist als verstehe», und spöttisches Lächeln weniger Mühe erfordert als die Lösung von Widersprüchen. Nach ihrem Tode aber verwandeln sich jene geheimnißvollei! Größen in helllenchtende Sterne, da ihr Lebensgang abgeschlossen und nicht mehr unser Urtheil trübt oder verwirrt werden kann durch die Kreuz- und Qnergäuge, ans denen nur sie im Leben erblicken. Die Spuren ihres Entwickelnngsganges können genau verfolgt, können bis in die ktemsten Einzelheiten ausgesucht werde». Jedes einzelne Moment in der Entwickelung eines Menschen aber ist ein Schlüssel zur Lösung irgend eines Widerspruchs, und je größer die Zahl dieser Schlüssel ist, desto geringer die Zahl der Widersprüche. Nur selten müßte ein großes Menschenleben unter dem geheinmißvolle» Nebelschleier räthselhastcr Widersprüche unbegriffen bleiben, wen» es immer gelingen könnte, alle Momente der Entwickelung ohne jede Unterbrechung an einander z» reihen. Das ist z. B. bei Goethe der Fall. Alle Momente in dem Leben dieses großen Dichtersürsten, die kleinsten wie die größten, die des äußern wie die des innern Lebens sind mit größter Sorgfalt gesammelt worden, und er selbst hat uns in „Wahrheit undDichtung" die meisten Geheimnisse seiner Dichterseele erschlossen, während das fast um die Hälfte kürzere Leben Schillers noch manche unanfgehellte Momente anfznweisen hat. Als eines derselben gilt uns sein Verhältnis; zur heiligen Schrift. Von Goethe wisse» wir ganz genau, welchen Antheil die heilige Schrift an seinen geistigen Erzeugnissen gehabt und welchen Einfluß, er selbst der Bibel auf sein eigenes Wesen zuschreibt. „Die Bibel" — sagt Goethe*) — „ist so voller Gehalt, daß sie j mehr als jedes andere Buch Stoff zum Nachdenken und Gelegenheit f zu Betrachtungen über menschliche Dinge darbietct." Noch deutlicher spricht Goethe von der Bedeutung und dem Ein- 'i puffe der Bibel auf sein Leben, indem er fflflt2): 1 „Ich für meine Person halte sie lieb und werth, denn fast ihr! allein ivar ich meine sittliche Bildung schuldig, und die Begebenheiten, j die Lehren, die Symbole, die Gleichnisse, Alles hatte sich tief bei mir eingedrückt und war auf eine oder die aubere Weise wirksam j gewesen. j ... Durch diesen Begriff wird mir die Bibel erst recht zugänglich. > Ich hatte sie, wie beim Religionsunterricht der Protestanten geschieht, mehrmals durchlaufen, ja mich in derselben sprungweise, von vorn nach hinten und umgekehrt, bekannt gemacht. Die derbe Natürlichkeit des allen Testaments und die zarte Naivität des neuen hatte mich im Einzelnen angezoge». Ich hatte überhaupt zu viel Geinüth an dieses Buch verwendet, als daß ich es jemals wieder hätte entbehren sollen." Zu unserm tiefsten Leidwesen hat sich unseres Wissens Schiller nirgends über sein Verhältnis; zur Bibel ausgesprochen, am wenigsten aber in dieser Ausführlichkeit, wie es hier von Goethe geschieht. Wir sind daher bei Schiller nur auf Rückschlüsse angewiesen, die wir aus der allgemeinen Zeitlage, aus seinem persönlichen Charakter, ans seinem Entwickelnngsgange, hauptsächlich aber aus seinen Geistesprodukten ziehen können. Was die letzteren betrifft, so verrathen dieselben eine nicht geringe Vertrautheit mit der Bibel, so daß an 1) Wahrheit und Dichtung. 2) a. a. O. ') Schillers Leben und Werke, S. 4.