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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-08 · Heft 45 (8.11.1895) · p. Seite 534

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 45 (8.11.1895)
Date
1895-11-08
Page
Seite 534 (sequence 6)
Language
German
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534 — tägigen Debatte machen tonnte. Alterdings war es derselben Kammer Vorbehalten, diesem Angriff ans die elementarsten Menschenrechte, mit aller Energie entgegenzutreteu mtb die Judenfrage, wenigstens im Parlament nnd in der Administration, aus der Welt zu schaffen. Allein das Bewußtsein, eine Jndenfrage geschaffen zu haben, die Einsicht, daß das liberale Frankreich sich, wenn auch einen Augenblick nnd im Sinne einer negativen Entscheidung, bethören lassen konnte, in die Fußtapfen eines Drnmont zu treten, hat die Antisemiten in ihrem Kampfe gegen das Judenthnm ennuthigt, und der „Kulturkampf" dauert um so erbitterter fort, als hierbei größere Interessen auf dem Spiele stehen, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist. In der That ist der Kampf gegen die französische Judenheit der Kampf gegen das Freimaurerthum, die tollen Ausbrüche der Antisemiten, die schlecht unterdrückte Wuth gegen das ottnelle Regime in Frankreich. Hinter Drnmont steht der römisch-französische Klerus, und die Hiebe gegen das Judenthuni sind die Hiebe gegen den Freisinn imb die zeitliche Staatsverfassurig. Deshalb das urrbändig lange Zögern des Vatikans, die französische Republik arlzuerkennen, deshalb auch der nach der endlich erfolgten Anerkennung noch fortdauernde Haß der Klerikalen urrd die Sucht, diirch die geheinre Wühlerei das zrr erschüttern, was die offizielle Kirche, „der Roth gehorchend, rricht dem eigenen Trieb", ans wohlüberlegten Grürrden der Politik aufbarien mußte. Allein, ein direktes Vorgehen des Klerus gegen die Regieriing könnte ihm den Hals kosten. Deshalb muß der Jude herhalten. Sitzt doch der Jude im Ministerfanterlil, int oberster! Rath, in beit Finanzen, urrd — was das Höchste erreicht — vertritt er doch irr beunruhigender Menge Kunst, Wissenschaft und Litteratur? — Natürlich mrlß eine derartige Invasion (!) des Jtidenthiims über das Frankenthum die Patrioten vorn Schlage Drumout-Morcs ails dem Häiischerr jagen, natürlich müssen diese einzigen Vertreter der „France aux Francais“ gegert dies feindselige Eleineiit, das in Allem das Höchste erreicht, energisch Vorgehen und dcrr „Krebsschaden, so lange es rioch Zeit ist", aus der Welt schaffen. Daß nun bei einem so gewaltigen Kampfe Ehrlichkeit Beschwerlichkeit wäre, ist ja selbstverständlich! . . . Deshalb gilt keine Waffe für schlecht, gleichviel, ob sie in Schmutz und Lug und Fälschung, oder in Aufstachelung. Hetzerei und Blut getaucht ist. Trumont müßte nicht Trumont sein, wenn er anders vorginge, und ein rechter Antisemit müßte sich desavouiren, wenn er mit anständigen Waffen kämpfte, wenn er im Schuldigen nicht die Rasse, sondern die Einzelnen sehen wollte. Und da man gegen eine Rasse anders Vorgehen muß, als gegen das schuldige Individuum, so lautet die Parole gegen das „Rassenjudenthuln und dessen Macht". Zu diesem Behnfe hat die antiseinitische Presse, mit der „Lidre Parole" an der Spitze, folgende Preisfrage aufgeworfen: „Ta die Inden vom Gesichtspunkte der Rasse nnd keineswegs von dein der Konfession zu betrachten sind, welche wären die praktischen Mittel, die Macht der Juden in Frankreich zu vernichten?" Ich null hier von dem sonderbar logischen! Zusannnenhang des Obersatzes mit dem untern Satzabschnitte absehen — Antisemitenlogik schließt jeden Zusannnenhang aus —, doch ntöchte ich zur Eharakteristik der ntomentau herrschenden Antisemitenbewegung bemerken, daß die aufgeworfene Preisfrage nicht dein Mutterlande eutstamiut, sondern algerischem Boden, dem schlimmsten Infektionsherd drumontischer Konnnabacillen. Ich bemerke dies mit einer gewiffen Genngthuung, denn man scheint hier endlich der wüsten Antisemitemvühlereien müde 311 sein. Drnmont selbst klagt in seiner letzten Nummer, daß die „amis de franee seinbient un peu eiigonrdis ei. comme detendus par le scepticisme parisien“. Er hätte, wenn er den Muth seiner Ueberzengung besäße, füglich hinzufügen können, daß seine Agitationen nicht „einschläfern" und „abspannen", sondern „anekeln". Doch genügt uns das Gestündniß Drumonts, daß er das „Heil" nicht vom Mutterlande, sondern von Algerien aus erwartet, um zu errathen, was hinter den Kulissen vorgeht. Doch kehren wir zu der von einem algerischen Schmutzblättchen, „L’Avenir de Biskra“ benamset, ausgehenden Preisfrage zurück und hören wir, was Drnmont bietet: 1. Eine goldene Medaille im Werthe von tausend Francs als ersten Preis. 2. Eine goldene Medaille int Werthe von fünfhundert Francs als zweiten Preis. Ferner werden drei Medaillen von je hundert Francs denjenigen der Verfasser gegeben, deren Mentorandum die ersten zwei Preise nicht verdient, jedoch die Anfmerkscunkeit der Jury auf sich gezogen haben werden. Der erste Preis tvird auf.Kosten der „Libre Parole" gedruckt. Nun aber kommt etwas, das die Welt in Erstaunen zu setzen berufen ist und von einer sonderbar psychologischen, vielmehr pathologischen Wandlung zeugt, die sich in Edouard Drumont vollzogen hat. Man höre und staune: „Wenn ein Jude," sagt Drnmont, „der der Finanz weit nicht angehört, ititb f olglich (?!) einige A utoritüt in der Frage hat (31c), an der Jury theiluehmen will, so sind wir geneigt, ihm einen Platz zu gewähren." Hat Einer Worte? Ich bin sprachlos. Und somit enthalte ich ntich jeden Kommentars. Zum Schluß noch ein paar Worte. Vor ungefähr hundert Jahren eröffnete die „Societe royale des Sciences et des Arts4i zu Metz eine Preisfrage für die beste Arbeit über „die Mittel zur Verbesserung der Lage der Juden in Frankreich". Zur Neige des neunzehnten Jahrhunderts wurden von einem vom französischen Klerus unterstützten Pariser Blatte die Mittel zur Ausrottung der Juden verlangt. Und Druinont lebt noch mtb scheut sich nicht, das schöne Sonnenlicht der Freiheit zu schauen, und versinkt nicht vor Schaut in die Erde?! — O Zeiten, 0 Sitten! 'iSfcr Schiller und die Bibel. Von Dr. S. Feßler, Rabbiner in Halle a. S. nch selbst die Republik des Geistes, die bisher keine Grenzpfähle aufznweisen hatte, ntöchte man heute gar zu gern in einen absolut „christlichen Staat" verwandeln! Und doch ist der Wissettsschatz der Menschheit nur ein bedeutsames Kapital, welches von Geschlecht zu Geschlecht sich immer mehr und mehr angehäuft hat. ist ein Tresor, zu dem die unzähligen dahingewelkten Geschlechter beigetragen haben. Was heute der ganzen Menschheit zugute komntt, das ist von der bereits vergessenen Menschheit gesammelt und aufgespeichert worden. Ein jeder Mensch, er sei auch wer immer, ist daher nicht nur als Produkt seiner Zeit zu betrachten, sondern als Produkt aller Zeiten, die ihnt voraufgegangen sind. Um daher den geistige!! Nachlaß eines Mannes zu würdigen, ist es nothwendig, nicht nur alle jene Umstände in Betracht zu ziehen, welche zu seiner Zeit gleichsant die treibende Kraft gewesen, sondern es ntuß auch das erwogen werden, was er der Vergangenheit entlehnt hat.

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