Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Debatte, die sich namentlich um die Frage des Humors in der hebräischen Poesie drehte. Die Sitzung schloß mit geschäftlichen Mittheilungen. Der Verein hat diesmal eine sehr interessante und arbeitsreiche Wintersaison vor sich. Von den öffentlichen Vorträgen ist der erste bereits von Herrn Dr. A. Berliner gehalten worden. Es folgen dann noch im Laufe des Winters Prof. Dr. Ludwig Geiger: Goethe über Juden und Judenthum. Prof. Dr. Aug. Wünsche: Die Freude im alten Testament. Oberstabsarzt Dr. Rosenthal: Eine Reise nach Jerusalem. Prof. Dr. Herrn. L. Strack: Der Gottesglaube der Propheten Amos und Hosea. Syndikus Dr. Georg Minden: Zur Volkskunde der Juden. Auch das Programm der Diskussionsabende verspricht sehr interessant zu werden. Es werden in den folgenden Monaten die Herren Dr. M. Stern, Oberlehrer Dr. M. Schäfer, Dr. H. Hildesheimer, Dozent , Dr. M. Schreiner, Benas Levy, Dr. G. Karpeles und Albert Katz Vorträge halten. Es ist lebhaft zu wünschen, daß die schönen Bestrebungen des seit bereits fünf Jahren so gedeihlich wirkenden Vereins bei allere Gebildeten Förderung und Theilnahme finden mögen. Bei dieser Gelegenheit wollen wir noch bemerken, daß die sehr reichhaltige yh\ 2 der „Mittheilungen des Verbandes jüdischer Litteraturvereine" soeben ausgegeben wurde. Wir kommen auf diese werthvolle Publikation in nächster Nummer zurück. 22 Berlin, 28. Oktober. Nachdem ein Theil des Hinterlandes des Schwesternhauses des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen dem Krankenhausgrundstück der jüdischen Gemeinde hinzugefügt worden ist, hat der Garten des Grundstücks eine erhebliche Vergrößerung und Verschönerung erhalten. Das pneumatische Institut, das bisher an der Giebelwand eines jetzt abgerissenen Hintergebäudes angelehnt war, befindet sich jetzt rings von Anlagen umgeben und hat Licht und Lust von allen Seiten erhalten. Ebenso ist der Erweiterungsbau für In- > fektionskrankheiten vollendet, so daß er nun für Scharlachkranke in Benutzung genommen werden kann Nach Uebersiedelung der im Siechenhaus untergebrachten 45 Personen in das neu erbaute Hospital Oranienburger Straße 81, das ebenfalls seiner Vollendung entgegengeht, wird das Krankenhaus eine bedeutende Erweiterung erhalten, die um so wünschenswerther ist, als in der Anstalt für Unterbringung von Beamten, Dienst- und Pflegepersonal bisher nicht in zeitgemäßer Weise gesorgt werden konnte. Berlin, 29. Oktober. Geheimer Regierungsrath Professor Lazarus, der nach Berlin zurückgekehrt ist, um seine akademische Lehrhätigkeit an der Universität wieder aufzunehmen, ist durch einen ernsten Unfall plötzlich verhindert, schon jetzt seine Vorlesungen , zu beginnen: er hat den rechten Arm ausgerenkt. Die ausgestandenen Schmerzen haben den Patienten so ermattet, daß er bis zum Wiedergebrauch des rechten Armes seine öffentliche Thätigkeit wird aussetzen müssen. Die von Professor Lazarus angekündigte Vorlesung war über Psychologie nebst Grundlinien der Völkerpsychologie. Hoffentlich ist der Unfall nur ein vorübergehender, und der greise Gelehrte bald wieder in der Lage, seine Vorlesungen aufzunehmen. K\). Aus der Provinz Posen, im Oktober. Die jüngst im Schwersenzschen Lokale in Posen von den Herren Kommerzienrath Milch und Rechtsanwalt Placzek einberufene Versammlung des neubegründeten Vereins zur Förderung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden war von etwa 60 Personen besucht. Die Versammlung nahm die vorgeschlagenen Satzungen an und wählte in den Vorstand die Herren Kommerzienrath Milch zum Vorsitzenden, Kaufmann Manheimer, Bankier N. Hamburger, Rechtsanwalt Placzek, Kaufmann A. Kronthal, Kaufmann Joseph Kantorowicz, Kaufmann * August Meyerstein, Kaufmann Baumgart und Kaufmann N. Neufeldt. Als jährlicher Vereinsbeitrag ist ein Mindestsatz von 6 Mark jährlich angenommen worden; diese Jahresbeiträge können durch einmalige Zahlung von mindestens 150 Mark abgelöst werden. Der Verein zählt bereits über 150 Mitglieder. — Herr Kaufmann W. Sokolowski in" W reschen hat der dortigen Stadtgemeinde anläßlich seines Wegzuges von dort 8000 Mark mit der Bestimmung überwiesen, daß alljährlich am 20. Januar die Zinsen des Kapitals durch den Magistrat an dortige Arme ohne Unterschied der Konfession vertheilt werden sollen. Desgleichen erhielt die israelitische Gemeindekaffe 2000 Mark, wovon 1500 Mark zum Bau der Leichenhalle auf dem neuen Friedhose verwendet werden sollen. Die Stadtvertretung hat den Spender zum Ehrenbürger der Stadt Wreschen ernannt. — Die städtische Schuldeputation in Zempelburg hat beschlossen, die dort bisher bestandene zweiklassige jüdische Volksschule mit der evangelischen zu einer paritätischen Volksschule zu vereinigen und die Lehrer zu übernehmen. — Der israelitische Friedens - verein (Sukkoth Scholaum) in Samter feierte Mitte dieses Monats in der Wohnung des Rabbiners Dr. Wreschner daselbst das Fest seines 80jährigen Bestehens. Der Begründer des Vereins war der damalige Ortsrabbiner Juda Chussid, welcher als bedeutender Talmudist große Verehrung genoß. An dem Jubelfeste haben sich 40 Mitglieder betheiligt. Bei der Festtafel hielt Rabbiner Dr. Wreschner eine Ansprache, in welcher er nach kurzem Rückblick auf die Geschichte des Vereins die Ziele desselben klarlegte und mit bewegten Worten zur treuen Weiterarbeit im Sinne des Vereins ermahnte. Das Fest wird als das schönste bezeichnet, das die Gemeinde seit Entstehung des Vereins beging. Kp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Ende September starb in Bartschin unser Glaubensgenosse, Herr Isidor Pick. Derselbe war bis zu seinem Tode seit 35 Jahren Magistratsmitglied und hat als solches segensreich gewirkt. — Zu Kuratoren der Mannheim- Stiftung in Gollantsch stnd die Herren Kaufmann Adolf Lindemann und Rosentreter sowie eine Verwandte des Legators, Wittwe Levy daselbst, gewählt worden. — Zur Bestreitung der Synagogenausgaben werden im gegenwärtigen Etatsjahr in Gollantsch 200 Prozent der Einkommensteuer erhoben. — Der Leichenbestattungs-, Kranken- und Unterstützungsverein der jüdischen Gemeinde in Meseritz feierte Anfangs Oktober das Fest seines 100jährigen Bestehens. — In Zerkow ist der weithin geachtete Kaufmann und Vorstandsmitglied der dortigen Synagogengemeinde Elias Frost gestorben. — Aus Schroda wurden jüngst zum Versöhnungsfest zwei jüdische Kaufleute nach Posen als Zeugen geladen. Trotz rechtzeitigen Widerspruchs mußten sie an dem genannten Tage vor dem Forum des Gerichts erscheinen, da sie unter Bezugnahme auf 8 346 Str.-Pr.-O. und 213 Nr. 5 Ger.-Verf. Ges. abschlägig beschieden worden sind. Dagegen hat es ein Lehrer in Ostrowo durch eine Beschwerde beim Oberlandesgericht in Posen durchgesetzt, daß ein Termin am Versöhnungsfeste des vorigen Jahres beim Landgericht in Ostrowo seinetwegen verlegt werden mußte. x. Lissa i. P., 25. Oktober. Der erste Vorsteher der hiesigen Gemeinde, Herr Louis Biberfeld, der in langjähriger Thätigkeit im Vorstände zum Segen der Gemeinde wirkt, feierte am 9. Oktober seinen 70. Geburtstag und wurde zu diesem Ehrentage mit Gratulationen und Geschenken reich bedacht. Sehr wirkungsvoll war die Einleitung der Feier durch einen Liedervortrag des Tempelchors, unter Leitung des ersten Kantors, Herrn Oswald. — In den Schulvorstand wurden bei der am 14. Oktober stattgebabten Neuwahl die Herren Louis Eisenstädt, Emil Margoles, Julius Baginski und Dr. med. Scherbel gewählt. — Unser „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur", dessen Mitgliederzahl stetig zunimmt, begann seine Wintersaison am 20. Oktober mit einem Diskussionsabend über das Thema: „Ist es berechtigt, von einer Auserwähltheit Israels und dem Nationalgott der Juden zu sprechen?" Die zahlreich versammelten Mitglieder, darunter viele Damen, folgten der lebhaften, anregenden Debatte, die durch einen lichtvollen Vortrag unseres Rabbiners, Herrn Dr. Bäck, eingeleitet wurde, mit großem Interesse. In nächster Zeit steht uns ein Vortrag des Herrn Dr. Bäck jun. über „Spinoza" in Aussicht. E. Strelno, 29. Oktober Am 22. d. M. starb hier im hohen Alter von 86 Jahren unser Rabbiner Joachim Stern Nachdem er zwei Jahre lang in Sandberg und sechs Jahre in Jutroschin als Rabbiner fungirte, nahm er sein Amt in Strelno auf und versah dieses 44 Jahre lang bis an sein Lebensende mit großer Würde. Vor zwei Jahren feierte er unter großer Betheiligung sein 50jähriges Amtsjubiläum. Zur Leichenfeier wurden zwei Rabbiner berufen, und fand die Einsegnung der Leiche, welche Herr Rabbiner Dr. Jakobsohn aus Gnesen vollzog, in der zu diesem Zwecke schwarz dekorirten Synagoge statt. Nach Abhaltung dieser Feier bewegte sich der Leichenzug, an dem nicht nur Israeliten, sondern auch viele Andersgläubige sich in großer Anzahl betheiligten, nach dem Friedhof, wo Herr Rabbiner Dr. Kohn aus Jnowrazlaw die Grabrede hielt. Nicht allein in der Provinz Posen, sondern weit über diese hinaus wegen seiner Gottesfürchtigkeit und Toleranz gekannt, wird das Hinscheiden dieses ehrwürdigen Mannes weite Theilnahme finden.