Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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59. Jahrgang. Wt. 44. ♦ Berlin. 1. November 1895. 'Weitcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. B. Berlin, 28. Oktober. Re präsenter nie nsitzung vom 27. Oktober 1895. Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls der letzten Versammlung theilte der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, zur Kenntnißnahme mit, daß in der Abrechnung des Krankenhauses ein Fehler enthalten sei, indem nicht, wie zuerst angegeben, die Mehrausgabe 16 Pfennig pro Kopf, sondern nur 3 Pfennig beträgt. Außerdem hat der Vorstand Herrn Justizrath Meyer für die Schenkung eines Pr och es und einer Altardecke, bei Gelegenheit seines fünfundzwanzigjührigen Amtsjubiläums, schriftlich seinen Dank ausgesprochen. Punkt 10 der Tagesordnung — Ergänzung von Verwaltungskonnnissionen — wird aus der geheimen Sitzung in die öffentliche hinübergenowmen und sofort zur Diskussion gestellt. Es kommen in Frage die Fürsorgekommission, die Beerdigungsanstalt und die Einschätzungskommission. Aus der Fürsorgekommission ist Herr Adolf Guttmann ausgeschieden, hineingewählt werden die Herren Dr. med. Grabower und Professor M. Philippson. In die Beerdigungskommission wird gewählt an Stelle des verstorbenen Herrn Borchardt Herr Moritz Milchner, in die Einschätzungskommisston Herr Moritz Rosenow. Von Herrn Simon wurde angeregt, in Zukunft für derartige Fälle eine Kommission einzusetzen, damit die Vorschläge über in Betracht kommende Personen näher geprüft werden könnten. Es folgt alsdann die Berathuug über verschiedene Aenderungen des Gemeindestatuts, nämlich der Paragraphen 16, 29, 31 und 39. Justizrath Dr. Tiktin ist Referent. Es ist bekannt, daß auf Verfügung des Oberpräsidenten diese Paragraphen abgeändert werden mußten, und zwar in der Hauptsache dahingehend, daß auch die Stellvertreter auf sechö Jahre zu wählen seien und daß ferner denselben in Zukunft keinerlei Funktionen in der Gemeindeverwaltung übertragen werden dürften, da das Gegentheil dem Gesetze zuwiderlaufe. Der Vorstand hat sich dieser Anordnung gefügt. Die Vorschläge der Kommission betreffen in ihren Abänderungen nur formale Punkte Nach längerer Erörterung werden sämmtliche Vorschläge der Kommission mit Stimmenmehrheit angenommen und ebenso das gesammte abgeänderte Statut. Es folgt sodann die Berathung über den Punkt: Erhöhung des Zuschusses für die Waisenkommission pro 1895/96 und Einsetzung einer gemischten Kommission zur Berathung betreffend die Waisenpflege. Herr Louis Sachs als Referent führt aus, daß der Vorstand damit einverstanden sei, der Waisenkommisston für das laufende Etatsjahr einen weitern Zuschuß von 5000 Mark zu gewähren, gleichzeitig aber beantrage, genannte gemischte Deputation niederzusetzen, um die Prinzipien und die Thütigkeit der Waisenkommisston einer Prüfung zu unterziehen. Herr Sachs verwahrt die Kommission gegen den in dem Schreiben des Vorstandes ausgesprochenen Satz, daß nicht so sehr die durch die Zeitumstände größer gewordenen Anforderungen, als vielmehr die Grundsätze der Waisenkommission die Etatsüberschreitungen verursacht hätten. Im Uebrigen empfiehlt Referent die Annahme des gestellten Antrages. Die Herren Ruß und Leonhard Sachs erblicken in der Einsetzung einer Kommission ein Mißvertrauensvotum und bitten den Antrag abzulehnen. Vom Vorstandstische aus wird diese Annahme entschieden bestritten. Die Debatte gelangte nicht zum Abschluß, da einige Herren aus zwingenden Gründen die Sitzung vorzeitig verlassen mußten und deshalb ein Antrag auf Vertagung angenommen wurde. Angenommen wird schließlich noch ein Antrag, in Zukunft einen Stellvertreter für den Rcndanten des Krankenhauses zu ernennen. Bewilligt werden sodann 5000 Mark für elektrische Beleuchtung des Neubaus in der Oranienburgerstraße, 100 Mark als Nachbewilligung für Erweiterung der Garderobe in der neuen Synagoge, 1717.55 Mark für die Kosten der Sedaufeier. Zum Schluß erstattet Herr Leichtentritt den Rechenschaftsbericht über den Abschluß der Gemeinde-Hauptkasse Die einzelnen Zahlen sind schon früher in unserm Blatte angeführt worden. Auf das Ganze kommen wir gelegentlich noch zurück. Dem Vorstand wird auf Antrag für seine sorgsame und umsichtige Führung der Geschäfte der Dank der Versammlung durch Erheben von den Sitzen ausgesprochen. Damit schließt die öffentliche Sitzung. £2 Berlin, 28. Oktober. In dem städtischen Schulgebäude Gerhardstraße 4/5 ist am Mittwoch d. 23. d. die vierte Religionsschule der jüdischen Gemeinde zunächst mit den Unterklassen eröffnet worden. Die Gewährung des Schullokals seitens der städtischen Behörden hatte durch unvorhergesehene Umstände eine unliebsame Verzögerung erfahren, und die hierdurch veranlaßte Verspätung der Eröffnung — die übrigen Religionsschulen haben mit dem Unterricht schon in der ersten Oktoberhälfte begonnen — mag wohl die Schuld tragen, daß die Zahl der Anmeldungen den gehegten Erwartungen noch nicht entsprochen hat. Doch ist zu hoffen, daß die im Nordwesten wohnhaften Mitglieder der jüdischen Gemeinde ihr Interesse für die neue Anstalt mit jedem kommenden Aufuahmetermin lebhafter bekunden werden. Die Persönlichkeit des Dirigenten, des Seminarlehrers Marcuse, welcher seine Thätigkei^ in mehr als dreißigjähriger Arbeit an den Schulen der jüdischen Gemeinde bewährt hat, sowie die sonstigen Mitglieder des Lehrerkollegiums der Religionsschule sichern derselben gute Erfolge. ml. Berlin, 30. Oktober. Die geplante und von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Einverleibung der Vororte in die hauptstädtische Verwaltung würde, wenn sie Gesetz würde, die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde Berlin wenig berühren. Charlottenburg, dessen Einverleibung ebenfalls in Aussicht genommen ist, ist bereits jetzt der Berliner jüdischen Gemeindeverwaltung eingeordnet und haben eine große Zahl hervorragender und tüchtiger Gemeindemitglieder dort ihren Wohnsitz. Die gottesdienstlichen Veranstaltungen in Charlottenburg werden zum Theil von der Berliner Gemeinde svbventionirt. In Weißensee zählt man etwa 150 jüdische Familien, die sich gelegentlich der Festtage zu eigenem Gottesdienst vereinigen. In anderen Vororten würde die Einverleibung vielleicht fester geordnetere kulturelle Verhältnisse anbahnen. In Pankow ist vor Kurzem ein Religionsverein „Agudath Achim" ins Leben getreten, der indeß einstweilen nur an Festtagen und zu den Jahrzeiten seiner Mitglieder Gottesdienst abhält In diesem Vorort bestehen einige unserer Humanitären Institute, unter denen sich auch das unter direkter Verwaltung der Berliner Gemeinde stehende „ErziehungsHaus", das voll Herrn Direktor Grunwald geleitet wird, befindet, ferner das Lehrlingsheim" und ein von Herrn Justizrath Mako wer begründetes „Mädchen he im". In Wilmersdorf besteht auch das van Herrn Rudolf Mosse ins Leben gerufene Waisenhaus. Besondere Gemeinden exrstiren außer in Charlottenburg in keinem der zur Emverleibung in Aussicht genommenen Vororte, die meist nur zur Zeit der Sommerfrische von Glaubensgenossen in größerer Zahl ausgesucht werden, so Reinickendorf, Pankow, Stralau, Treptow, Lichtenberg In diesen Vororten ist die Zahl der angesessenen Juden gering, größer ist sie in Rummelsburg, Rixdorf und Schöneberg. Wie in diesen Orten die Fürsorge für den Religions-Unterricht angebahnt ist, ist uns nicht bekannt. Jedenfalls werden die berufenen Vertreter der Gemeinde zur rechten Zeit ebenfalls zu den tu Folge der geplanten Neuordnung eintretenden Verhältnissen Stellung nehmen. 22 Berlin, 30. Oktober. Der Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hat gestern seinen ersten Diskussionsabend im kleinen Saal des Architektenhauses veranstaltet. Herr Dr. H. Brody hielt einen sehr anregenden und interessanten Vortrag über Jehuda Al-Gharizi. Herr Dr. B. zeichnete in charakteristischen Zügen ein interessantes Bild von Charisi's Leben und Dichten, das allgemeines Interesse.'erregte, ebenso wie die geschickt eingeftreuten Proben aus dem Tachkemoni Lebhaften Beifall fanden. An den Vortrag schloß sich eine interessante