Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 528 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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528 uon seiner besten Seite durch seine feine Kenntniß des Lebens und des Denkkreises der russisch-polnischen Glaubensbrüder. Nr. 4 enthält „Jüdische Kulturskizzen von Dr. Adolf Ko Hut. Eine sehr willkommene Abwechslung nach der Vorführung von'Vertretern der erzählenden Litteratur. In den „Kultur lizzen" will uns Kohnt bekannt machen mit „christlichen Geistesheroen in ihren Beziehungen zum Judenthum". Der unvergeßliche Kaiser Josef II, Christian Wilhelm Dohm, der muthige Vertheidiger des Judenthums zur Zeit Mendelsso'hns, Johann Caspar Lavater und Alexander von Humboldt, ebenso wie der humane Herder, werden uns hier vorgeführt, und wir wünschten nur, daß das, was sie gedacht und gesprochen, auch gehört würde und beachtet in unserer Zeit, welche sich so gerne die der „Humanität" nennt. In Nr. 5 schildert uns in „Genrebildern aus dem jüdischen Familienleben" Jda Barber die ganze Innigkeit der jüdischen Familie, dieses festen Felsengrundes/ auf dem sich die ganze Zukunft des Judenthums aufbaut. Nr. 8 beginnt die Herausgabe des in gewissem Sinne berühmt gewordenen Sippurim, in dem wir eine Art Heldenbuch des Judenthums besitzen, das zugleich eine Sammlung von schönen und edlen Ghettosagen und Geschichten aus dem Dunkel der jüdischen Gasse ist. Wie die Sage volksthümliche Männer mit dem Epheu der Dichtung umrankt, das zeigt uns z. B. die Skizze „Ra schi oder Jarchi". Es ist bekannt, daß dieser edle Volkslehrer, den jedes jüdische Kind kennen sollte, schon frühzeitig mit einem ganzen Kranze von Sagen umgeben wurde, welche sein so ganz einfaches Gelehrtenleben prächtig ausschmücken sollten. Wir erinnern hier nur an seine Unterredung mit dem Führer des ersten Kreuzzuges, Gottfried von Bouillon. All' dieses Sagenhafte aus dem Leben des volksthümlichen Bibelerklärers, des Pfadfinders in dem weitverzweigten Labyrinthe des Talmud, ist hier gesammelt und wird wohl nicht, ohne erbaulich zu wirken, gelesen werden. Wir scheiden nun v on unserer „j ü d i s ch e n U n i v er s a l - B i b l i o 1 h ek", indem wir wünschen, sie möge auf dem einmal betretenen Pfade rüstig vorwärts schreiten, viele wackere Mitarbeiter finden und eine sehr weite Verbreitung in allen Schichten des Volkes, damit auch sie, wie ihre Leipziger Schwester, dereinst auf die Nummer 3000 stolz Hinweisen könne. Soll aber dies geschehen, dann muß sie wirklich belehrend, das Gemüth erhebend, vertheidigend und abwehrend zugleich wirken. Die Belehrung soll gespendet werden durch unsere Denker und Weisen, durch Philosophen und Geschichtsschreiber, die Gemüthserhebung werde bewirkt durch unsere Erzähler und Dichter, die Verteidigung und Abwehr werde geführt durch unsere tapferen Streiter mit Wort und Feder, d. i. durch unsere Redner und Schriftsteller, welche auf dem Boden des Judenthums so tapfer zu dessen Schutze gefochten. Wir sind überzeugt, daß das junge Unternehmen dann vielseitigen Anklang finden und eine wahrhaft volksthümliche Mission vollziehen werde. Dr. Max Grünfeld. — Otto Seeck: „Geschichte des Untergangs der antiken Welt", Band I und Anhang Berlin 1895. Siemenroth und Worms. Von diesem bedeutenden Werke ist jetzt der erste Band erschienen, der die Anfänge Konstantins des Großen und eine kulturhistorische Analyse des Verfalls der antiken Welt zum Inhalte hat. Das groß angelegte Werk verspricht in seiner Vereinigung gründlicher Kritik mit gefälliger Darstellung eine der hervorragendsten Erscheinungen unserer historischen Litteratur zu werden. Schon der Titel ist vorzüglich gewählt.— Vom Judenthum ist begreiflicherweise in diesem Bande nur wenig die Rede. Das Wenige aber verdient des warmen Tones wegen, der es erfüllt und der gerade in unserer Zeit Juden gegenüber so selten geworden ist, wörtlich angeführt zu werden. In einem Ueberblick über die Völker des Römerreichs fällt Seeck über die Juden folgendes Urtheil: „Die Semiten haben am längsten einen Theil ihrer geistigen Frische bewahrt; doch soweit sie zum Reiche gehörten, sind endlich auch sie in das allgemeine Verderben mit hineingezogen. Nur einer ihrer Stämme hat sich bis auf den heutigen Tag in ungebrochener Kraft erhalten und der Weltkultur Dienste geleistet, deren Größe außer allem Verhältniß zu seiner geringen Menschenzahl steht. Als das Alterthum sich dem Untergange zuneigte, hat er die christliche Religion als Vermächtniß für eine bessere Zeit aus sich hervorgehen lassen, dann durch die Schöpfung der neuplatonischen Philosophie auch das Heidenthum neu belebt. Im Mittelalter hat er fast den gesammten Geldverkehr zu monopolisiren verstanden, in der Neuzeit Europa einen seiner größten Denker geschenkt; und seit in unserem Jahrhundert die gesetzlichen Schranken gefallen sind, welche ihn bis dahin einengten, giebt es kein Gebiet der geistigen und wirthschaftlichen Thätigkeit, auf dem er nicht sogar der germanischen Nation zum ebenbürtigen und oft überlegenen Mitbewerber würde. Und dieser Stamm ist nicht etwa ein Liebling des Glückes gewesen, sondern im ganzen Verlauf der Geschichte hat kein anderes Volk so viele Schläge und Niederlagen erlitten, wie die Juden." Dieser Auffassung giebt der gelehrte Autor auch an anderen Stellen des vortrefflichen Buches, dessen folgende Bände wir ebenfalls unseren Lesern anzeigen werden, offen Ausdruck. 6. G. Das Septemberheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums, herausgegeben von M. Brann und D. Kaufmann, (Breslau, S. Schottländer) enthält folgende Aufsätze: M. Grunwald: Ein Wort über die religiösen Beziehungen der Semiten zu ihren Nachbarn. — Al. Ko Hut: Ein Beitrag zur Litteratur des Ritus von Jemen. — D. Kaufmann: Chajjim b. Mose Katzenellenbogen und die zweite Judenschlacht von Lublin. — Max Pollack: Daten zur Einwanderung ungarischer und polnischer Juden nach Schlesien. — Besprechungen von S. Scheck)ter und M. Brann. — Bibliographische Uebersicht. — Mit diesem Heft schließt der 39. Jahrgang dieser Zeitschrift, der einzigen, die gegenwärtig in Deutschland für die Wissenschaft des Judenthums existirt, ab. Aus diesem Anlasse sei dieselbe von Neuem allen Freunden und Förderern dieser Wissenschaft angelegentlichst empfohlen. Sprerftsaal. chon als ich in den Jahren 1863- 70 an jüdischen Volksschulen wirkte, hat das Wort „Jude" in dem Gedichte.- „Vom Bäumlein das andere Blätter hat gewollt" bei meinen Schülern und mir Anstoß erregt, und ich ließ es durch das Wort „Räuber" ersetzen. Weit besser entsprach dies dem Gedankengange der Dichtung. Es „ging der Räuber durch den Wald", in dem in der Phantasie des Kindes entsprechenden Aufenthaltsorte des Räubers, „mit großem Sack", dem Atribut der Habgier, „und großem Bart", im Walde verwildert. Leicht findet der Pädagoge diese auf der Hand liegende Aenderung, und auch der Aesthetiker könnte in dieser vom Dichter scharf umriffenen Gestalt gefallen finden, wenn ihn sein Zartgefühl lehrte, sich in die Seele Anderer zu versetzen und Niemanden ohne zwingenden Grund zu verletzen. Leider fällt es heutzutage Vielen, trotz ihrer Humanität und Bildung, schwer, sich über den Geist der Zeit zu erheben und von Jugend an eingesogenen Vorurtheilen zu entsagen. Ergebenst 8. N. Z. * Sehr geehrter Herr Redakteur! M.ierdurch möchte ich vor einem Herrn mit rothem Bart, Mitte der Zwanziger, warnen, der hier unter dem Namen eines Theologen Dr. Levi für ein geringwerthiges Bild „Die 5 Moses" einen möglichst hohen Preis dadurch zu erzielen suchte, daß er vorgab, die gewonnene Summe solle zur Gründung einer Zeichenschule in Breslau verwandt werden, an welcher unbemittelte Schüler unentgeltlich Unterricht erhalten sollen. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal in Breslau, auf welchen sich obiger Schwindler besonders berief, theilte mir auf meine Anfrage mit, daß er weder von der Existenz dieses Dr. Levi, noch von seiner beabsichtigten Gründung eine Ahnung habe. Hochachtungsvoll Leobschütz, im Oktober. M. Abraham, Lehrer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.