Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 527 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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527 der die jüdischen Gemeinden Europas bereist, »in milde Enden für eine in Jerusnlem zn errichtende Wnhlthntigkeitsanstnlt für die marokkanischen Juden z» sammeln. Wie ans einer deutschen Zeitungs-Notiz, die er mir zeigte, hervorging, hat ihn König Hnnlbert von Italien in Audienz empfangen, ihni 300 Lire für den edlen Zweck eingehändigt und ihm außerdem eine Ordensanszeichnniig verliehen. Die angesehensten Mitglieder der Karlsbader Gemeinde, sowie eine große Anzahl jüdischer Kurgäste schrieben sich in seine Spendenliste ein. Leider waren die Baroninnen Nathaniel und Gustave von Rothschild schon abgereist, deren Portefeuilles sich zn Gunsten jener Wohlthätigkeitsanstalt sicherlich um einige Banknoten erleichtert Hütten! Das Sammeln zu wohlthätigen Zwecken ist nirgends so erfolgreich wie in Karlsbad. Denn zu diesen werden Konzerte, Lotterien, Bälle und dergleichen veranstaltet, an deren Spitze sich die anwesende Aristokratie stellt. So fand z. B. am 24. Juli auf Anregung der Gräfin Kielmannsegg, der Fürstin Elisabeth von Reuß-Köstritz und anderer hochgestellter Dainen ein Ball zu Gunsten des Vereins zum „Weißen Kreuz" statt, dem auch der Statthalter von Böhmen, Graf Thun, mit Gemahlin beiwohnte. An Vergnügen ist in Karlsbad kein Mangel. Außer den vielen Konzerten, die Morgens am Sprudel und Mühlbrunn, Nachmittags und Abends in verschiedenen Gärten und Ausflugsorten stattsinden, sorgen bas vortreffliche Theater Varietes und andere Schanstellnugen für Abwechselung und Unterhaltung, während sich die tanzlustige Jugend an jedem Sonnabend Abend im Kurhaussaale zur „Reunion" zusammenfindet. Ich habe nnch ans diesen Kränzchen vorzüglich amnsirt und auch dort manche „hübsche" Bekanntschaft gemacht. Meine besondere Anfmerksamkeit erregten hier die schönen Mädchen der Karlsbader jüdischen Gemeinde, denen sich die zahlreich anwesenden Gäste eifrig widmeten. Man sieht — bei Liebe und ähnlichen Gefühlen spielt Glaube und Abstammung keine Rolle. Diese Regel hat aber auch Ausnahmen. Das bewies mir ein liebes junges Mädchen aus Charlottenburg, die ich auf meiner dem Aufenthalt in Karlsbad vorangehenden Wanderung durch die sächsische Schweiz kennen gelernt habe. Gesprächsweise erzählte sie mir von ihrer Erziehung in einem Kloster und schickte dabei voraus, sie sei katholisch, aber durchaus tolerant, da sie so und so viele Verwandle protestantischen Bekenntnisses habe. Ich meinte darauf, — halb scherzend — es würde ihr dereinst wohl auch gleichgiltig sein, welchem Glauben ihr „Zukünftiger" an' gehöre, worauf sie entgeguete: „Vollkommen gleichgiltig, — nur einen Jude» würde ich nicht nehmen!!" Ich merkte mir dies. Als ich ihr nachher versprach, ich würde, wenn ich im nächsten Jahre studienhalber nach Berlin käme, mit ihr und ihren Freundinnen öfter Ausflüge machen, zu deneil ich auch meine Freunde mitbringen würde, fragte sie mich in einem sehnsuchtsvollen Tone: „Werden Sie aber auch Wort halten?" Diesen Ton »achahmend entgeguete ich: „Werden Sie aber auch mit einem Juden gehen wollen?!" — Hierbei fällt mir ein ähnliches Erlebniß ein, das ich Mitte August 1893 ans meiner Rückkehr von St. Petersburg ans dem Wiener Bahnhofe in Warschau hatte. Dort hatte ich einen sehr vornehmen polnischen Großgrundbesitzer keimen gelernt, mit dein ich während unseres dreistündigen Aufenthaltes in Warschau eine Rundfahrt durch diese Stadt machte. Da wir von Warschau ans dieselbe Bahnstrecke fahren mußten, so forderte ich den Herrn ans, mit mir dritter Klasse zu fahren. „Tonte meme chose,“ sagte er, „aber ich kann nicht, denn in der dritten Klaffe fahren mir zu viel Juden mit!" „Unter den Umständen," erwicderte ich, „können Sie freilich mit mir nicht weiter fahren, denn ich bin auch ein Jude!!"- Doch, um nicht weitschweifig zu werden, will ich meine Ausführnngeii schließen, obwohl die Fülle meiner „Erinnerungen an Karlsbad" noch lange nicht erschöpft ist. Ich lvünschte, in jedem Jahre — wenn auch nur ans kurze Zeit — Karlsbad aufsnchen zn können, — freilich nicht zum Gebrauch der mancherlei Entsagungen fordernden Kur; — denn ganz abgesehen von den Natnrschönheiten Karlsbads und der Heilkraft seiner Quellen, findet sich eine solche durch allerlei Annehmlichkeiten versüßte Ruhe nach dem geräuschvollen Treiben der Großstadt, eine solche Gelegenheit zu Bolksstudie» und zu interessanten Bekanntschaften und eine so reiche Abwechselung, wie sie hier geboten wird, wohl kaum an einem anderen Qrte der Welt, und eben darum ist Karlsbad der gefeiertste, besuchteste und eleganteste Badeort der Welt. Eugen W. Fitterarische Mittheilungen. Jüdische Universal-Bibliothek. Ein neues jüdisches Litteralur-Unternehmen, welcher Jude wird es nicht mit Freuden begrüßen? Was immer dazu beitragen kann, unsere bei Freund und Feind so wenig bekannte und so wenig anerkannte jüdische Litteratur zu verbreiten, ihre Kenntniß zu mehren und ihre Bedeutung zu würdigen, wird gewiß von uns Allen willkommen geheißen werden. So müssen wir es als einen glücklichen Gedanken betrachten, welcher der rührigen Verlagsbuchhandlung Brandeis in Prag alle Ehre macht, nach dem Muster der Leipziger bei Reclam erscheinenden Universal- Bibliothek, eine ähnliche jüdische anzulegen. Es sollen die kleinen, wohlfeilen, schmucken Bändchen hinauswandern in die Welt, volksthümlich wirken im edelsten Sinne des Wortes, d. h. für ein wirklich geringes Entgelt die Geistesschätze der jüdischen Litteratur in die weitesten Kreise tragen, damit dieses Stiefkind der Weltlitteratur zum Nutzen unseres Stammes, zur Abwehr des Feindes, seiner Bedeutung gemäß geschätzt und geachtet werde. Eine „jüdische Universal-Bibliothek" soll wirklich auf der breitesten Grundlage erstehen. Sie soll sich auf alle Jahrhunderte erstrecken, auf alle Länder, in denen die Juden etwas Bedeutendes hervorgebracht haben auf dem Boden der Litteratur. So denken wir uns, daß in dieser jüdischen Universal-Bibliothek nicht nur moderne Schriftsteller, sondern auch die großen Denker und Dichter des Mittelalters vertreten seien. — Aber auch die Schriftwerke des Alterthums, auch Talmud und Midrasch, sollen in ihr eine Stelle finden. — Ueberall aber soll uns die jüdische Universal-Bibliothek nur das wahrhaft Bedeutende bringen, sie soll stets eine glückliche und richtige Hand haben in der Auswahl der Werke, welche sie uns vermitteln will. Dann wird sie wahrhaft segensreich wirken, sie wird die Kenntniß der arg vernachlässigten jüdischen Litteratur unter den Glaubensgenossen fördern, aber auch zu ihrer Verbreitung unter den Gegnern beitragen; und dann wird wohl wieder, wie schon so oft, die Litteratur der neutrale Boden sein, auf dem Gegner sich versöhnen, Feinde einander die verzeihende Rechte reichen, es wird dann die jüdische Universal-Bibliothek ein wahrhaft volksthümliches Unternehmen sein. Werfen wir nun unseren Blick auf die bis jetzt erschienenen acht Bändchen, so enthalten sie Folgendes: Nr. 1 bringt eine mährische Ghettogeschichte von Ed. Kulke: „Die schöne Hausirerin". Offen gesagt, wir wissen nicht, warum das schöne Unternehmen gerade mit dieser Erzählung eröffnet wurde. Nicht, als ob wir gegen das vortreffliche Erzählertalent Kultes etwas einzuwenden hätten, wir glauben aber, daß viel paffender an der Spitze gestanden hätte: Gustav Karpeles mit seinem „Ein Blick in die jüdische Litteratur" (Nr. 6, 7). Nr. 2, 3 enthalten eine Erzählung aus dem Leben der russischen Juden von Leo Herzberg-Fränkel: „Geheime Wege". Auch in dieser Ghettoerzählung zeigt sich uns der Autor der „polnischen Juden"