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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-01 · Heft 44 (1.11.1895) · p. Seite 526

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 526 (sequence 12)
Language
German
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526 Erinnerungen an Karlsbad. Saison 1895. achdem bereits in frühere» Jahren in dieser Zeitung durch „Briefe aus Karlsbad" ei» anschauliches Bild von dem Leben und Treibe» daselbst entrollt wurde, wäre es eine Kühnheit, wenn eine so unbernfene Feder, wie die ineinige, es wagen wollte, eine Schilderung aller der Naturschönheiten und Annehmlichkeiten zn entwerfen, mit denen jener bisher unübertroffene Weltbadeort so reich gesegnet ist. Meinen bescheidenen Anssührungen hingegen soll eine Reihe von Wahrnehmungen und Eindrücken zn Grunde liegen, die ich während eines vierwöchentlichen Aufenthalts in Karlsbad zu gewinnen die Freude hatte; »nd zwar will ich vorwiegend diejenigen Erlebnisse niederschreiben, für welche ich bei meinen Glaubensgenossen ein geivisse-s Interesse voraussetzen darf. Während in de» Spalten dieser Zeitung neuerdings öfter Klage geführt tvird über die Zunahme der antiseuntischen Bewegung in den Bädern, zumal an der Ostsee, ist in Karlsbad hiervon keine Spur zu merken. Es ist mir nie zn Ohren gekommen, daß den jüdischen .Kurgästen von ihren andersgläubigen Leidensgenoffen irgendwelche Kränkung bereitet worden lvüre, und was die Karlsbader Bevölkerung betrifft, so ist diese die Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit selbst — den» was wäre wohl Karlsbad ohne die jüdische» Kurgäste, die mindestens die Hälfte aller Besucher der Karlsbader Heilquelle» ausmachen. Obwohl ich persönlich i» meiner schlesische» Heimath unter dem Druck des Antisemitismus nicht zu leiden habe, so war ich doch sehr erfreut, einmal in größerem Umfange als in der Heimath mit Glaubensgenossen verkehren zn können. Dabei wünschte ich nur immer, das; Leute von antisemitischer Gesinnung die Bekanntschaft so wahrhast vornehmer, edler und liebenswürdiger Juden gemacht hätte», wie ich sie in Karlsbad kennen gelernt habe — da wäre sicherlich manches Bornrtheil gegen das Judenthum geschwunden! Hier bietet sich wie nirgends anders Gelegenheit, das moderne Jndenthnm in seinen Anschauungen und Gewohnheiten zn studiren, denn hier giebt es Inden aus aller Herren Ländern: Engländer, deren Aeußeres wenig an ihre Abstammung erinnert, amerikanische selk-m-rcke-me», deutsche Geldaristokraten und Großindustrielle, ungarische Rabbiner, türkische Sefardim im rothen Fez, schöne, vornehme Polinnen in geschmackvoller Kleidung und im Gegensatz dazu — deren männliche Landsleute mit Stirnlocke» und im schmierigen Kaftan! Die Letzteren in größerer Anzahl in lebhafter Unterhaltung miteinander zn sehe», gewährt einen recht komischen Anblick. Photographien solcher Gruppen mit der Aufschrift „Karlsbader Idylle" sind dort gangbare Handelsartikel. Diese polnischen Inden sind ganz harmlose Menschen und benehmen sich keineswegs auffällig. Auch im Tempel ist ihre Haltung eine würdige, und der zeitgemäße Gottesdienst in Karlsbad scheint auf sie einen tieferen Eindruck zu mache», als die Gebetsversammlungen in den „Schulen" ihrer Heimath. Sowohl der prachtvolle Tempel, als auch der iveihevolle, durchaus moderne Gottesdienst üben eine solche Anziehnngskrast anfdie Kurgäste allerKonfessionen ans,daß an denSabbathen der lnuite saisonin dem weiten Gotteshause auch nicht ein Plätzchen frei ist. Denn hier in Karlsbad besuchen viele Israeliten den Tenipel, die in ihrer Heimath garnicht oder nur selten daran denken, die Synagoge zn betreten; manchen Glaubensgenossen mag der Besuch dieses erhebende» Gottesdienstes und Herrn Rabbiner Dr. Ziegler's treffliche Predigt wieder aus den Pfad der Religion zurückgeführt haben! — Aber auch Offiziere, russisch-orthodoxe Popen, katholische Pfarrer, englische Gouvernanten mit ihre» Zögling.'» sind keine seltenen Gäste in der Synagoge, und sie Alle verlassen sichtlich erhoben die heilige Stätte. Sehen wir uns nun auch einmal die Kurgäste der heurigen Saison etwas näher an. Im Vordergrund des öffentlichen Interesses stand, wie bereits im Vorjahre, Fürst Ferdinand von Bulgarien, umsomehr, als in die Zeit seines diesjährigen Aufenthalts in Karlsbad die Ermordung Stambulows fiel. Im Vergleich zum Vorjahr war der Fürst viel seltener zu sehen, namentlich in den beiden ersten Wochen nach jenem gräßlichen Ereigniß. In demselben Augenblicke als der Fürst die Heimreise «»treten wollte, traf Baron von Hirsch in Karlsbad ein. Ter Fürst begrüßte den Herrn Baron aufs Herzlichste und forderte ihn auf, eine Strecke mitznfahren. Baron Hirsch begleitete de» Fürsten in dessen Salonwagen bis Kaaden, von wo aus er Abends nach Karlsbad zurücksnhr. Als gelegentlicher Autographensammler bat ich den Baron Hirsch in Karlsbad brieflich um ein handschriftliches Andenken. Sein Sekretär, de» ich persönlich um Vermitteinng und Fürsprache ersuchte, bestellte mich auf Sonnabend, den 18. August, Vormittags, in die Villa „Teresa"; Baron Hirsch bewohnte dieselben Zimmer, die Fürst Ferdinand inne gehabt hatte. Als ich jedoch zur festgesetzten Zeit erschien und mich durch meine Visitenkarte anmelden ließ, war der Baron sehr beschäftigt. Er ließ mir sein Bedauern ansspreche», mich nicht empfangen zn können, erfüllte aber meinen Wunsch, indem er auf meine Visitenkarte die Worte schrieb: „Ich gebe Ihne» sehr gern mein Autograph. Karlsbad, de» 10. August 1895. M. v. Hirsch." Auch zwei andere Karlsbader Antographen-Geschichten sind nicht ohne Interesse. Tie eine betrifft Madame I. Darlays, eine jetzt an die Große Oper in Paris cngagirte Sängerin, die soeben eine Tournäe durch den Orient absolvirt hatte und am 6. August im Kurhaussaale in Karlsbad ein Konzert gab. Auch diese Dame bat ich — unter Beifügung meines Handschriften-Albnms — brieflich um ein Autogramm. Tags darauf erhielt ich das Album zurück mit einem zwei Seiten langen Brief, in dem sie mir mittheilt, sie habe nicht die Gewohnheit, einen Gedanken oder ihren Namenszug einer Antographensainmlnng einzuverleiben. Sie sei außer Stande, eine Ausnahme machen zu können und spreche mir ihr Bedauern aus, indeni sie mir die herzlichsten Grüße sende!! Der Brief ist eigenhändig (französisch) geschrieben und unterzeichnet: I. Darlays. Ein drittes Ersuchen um ein Autogramm richtete ich an den in seinem Wirkungskreise ebenso beliebten wie mächtigen Generallientenant von Wahl, Stadthauptmann von St. Petersburg, eine Stadt, für welche ich wegen meines vierwöchentlichen Aufenthalts daselbst im Sommer 1893 ein ganz besonders lebhaftes Interesse empfinde. Exzellenz von Wahl sandte umgehend folgende Zeilen: „Der Mann kann, was er will. Wenn er will, was er kann; Das ist ein guter Spruch, Doch genügt er nicht dem Mann. Der Mann kann, was er will. Wenn er will, was er soll: In diesem ist das Maß Der Mannestugend voll! Dieser Spruch des Dichters — Freiherrn von Maltitz — ist die beste Richtschnur fürs Leben. Den 17./5. Juli 1895. Victor von Wahl." Eine interesiante Persönlichkeit unter den Paffanten der diesjährigen Saison war der Oberrabbiner Josef Arwas aus Jerusalem,

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