Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 525 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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525 Stimmung begann er doch mit dem, was ihm die wenigsten Vorwürfe embringen konnte, seinem Gespräch mit Mendele Schadchen. Sie hörte unbewegt zu; nur zuweilen ging ein Zittern durch den siechen Leib und die Linien in» den Mund wurden »och schärfer; so als er von dem Tanbstuinnien, dann Avrnmele Sturm erzählte. Erst als er den Namen des greisen Freiers nannte, fuhr sie zusammen, die Hand umkrallte in fieberhafter Spannung seinen Arm. „Red David Münzer. . . Was hast Du geantwortet?!" „Daß — daß ich's mit Dir bereden will!" „Gottlob!" Ans den welken Wangen lohte' eine fiebrige, scharf begrenzte Röthe auf. „Dir hätt's ähnlich gesehen, das Glück abznlehnen!" I „Das Glück?" fragte er schüchtern. „Du glaubst. . „Daß wir Gott im Staube danken müssen, wen» was d'raus wird", erwiederte sie. „Ja, das glaub' ich . . . Red' nicht", unterbrach sie ihn heftig, „was Du sagen willst, Hab' ich mir tausendmal selbst gesagt, schon vor Jahren hat's mich nicht schlafen lassen und nun erst, seit sie erwachsen ist. . . Denn ich bin ja nicht blind, nicht närrisch,' ich Hab' voraus gesehen, wie wir sie versorgen können. . . Versorgen! — daß Gott erbarm'!" S,ie begann zu schluchzen. „Damals Hab' ich zu Gott gefleht: „Thu' Du ein Wunder, sie ist ja so gut und schön!" Zwei jähe Tbränen rollten ihr über die Wangen, sie wischte sie hastig hinweg. „Aber Wunder geschehen nicht mehr, und unter dem Möglichen ist ist das noch vielleicht das Beste." Sie fröstelte wieder und zog das dünne Tuch fester um die Schultern. „Ich war auf Schlimmeres vorbereitet . . .", sagte sie dumpf. „Ein braver, reicher Mann, und gerade sein Alter ist ja ei» Trost . . ." „Versündige Dich nicht!" rief er erschreckt. „Wünsch' ich ihm den Tod?! Aber ein Mann von Siebzig, ein Weib von Sechszehn; bleibt sie wohl versorgt zurück —" Sie vollendete den Satz nicht, sondern fragte angstvoll: „Glaubst Du, daß Mendele es ernstlich versuchen will?" Er erzählte das Gespräch nochmals; nun wagte er auch den Schluß zu berichten. „Unsinn," sagte sie verächtlich. „Das hat Mendele erfunden, Dich zu schrecken. Und wenn's wirklich so ein jüdisch Kind giebt — man hört ja auch von Kälbern mit fünf Füßen — was geht's uns an? . . . Also Mendele ivenigstens scheint'? wirklich zu wollen. Und weil er sehr klug ist und nie Unmögliches versucht, so gelingt's ihm vielleicht." Sie athmete tief auf. „Morgen gehen wir zu Mendele und besprechen das Nähere." „Morgen schon?!" Es war ihm unwillkürlich entfahren. „Worauf willst Du warten?" fragte sie bitter. „Daß Reb David jünger wird oder Du ein reicher Mann? Ich Hab' keine Zeit dazu; ich bin ein krankes Weib, ich möcht' ruhig sterben, und das kann ich nur, wenn ich mein Kind unter dem Tranhimmel gesehen habe. Oder willst Du bis zum Sommer warten, wo sie Reb David von der Straße weg heirathen kann?!" Der Kleine schrak zusammen. Und dabei kannte sie noch sein Gespräch (smit Mosche nicht; heut' waren'? ja nur noch neun Tage bis zum 1. Oktober . . . „Ein andermal!" dachte er, „wie wird sie wettern! — und helfen kann ja das auch nichts!" Dann aber raffte er all seinen Muth zusammen und beichtete ihr zögernd und stockend die neue Bedrängniß. Sie nahm's noch schlimmer ans, als er befürchtet; eine Fluth von Vorwürfen und Klagen ergoß sich über sein tief geducktes Haupt. „Ja, so klug weißt Du Dich zu den Menschen zu stellen," rief sie. Und dabei willst Du »och Reb Davids Werbung ablehnen? Was kann uns noch retten, wenn nicht seine Bürgschaft?!" Er erwiederte nichts, aber das traf ihn doch innerlich nicht allzuhart. Reb David hat ja noch gar nicht geworben, dachte er, und was die Geschichte mit dem Wechsel betrifft — kann ich dafür, daß Mosche etwas von mir wollte, was Er nicht gestattet? ... So recht schlimm zu Muthe ward ihm erst, als sie schloß: „Und warum ist dies alles über uns gekommen? Des Bauern wegen! Jetzt mag Dich Dein lieber Janko retten!" Seine Bestürzung war so sichtlich, daß sie es trotz ihrer Erregung gewahrte. „Nun?" fragte sie. „Aber mir scheint, Du hast es schon versucht. Du hast ja davon geträumt: „Janko! Erbarmen!" Was hat er Dir geantwortet!" Er schüttelte den Kopf. „Nein," erwiederte er tonlos. „Mein Traum hat sich ans ein anderes Gespräch bezogen. . . Der Janko könnte mir nicht helfen, und seit gestern bisse ich mir auch lieber die Zunge ab, als ihn darum zu bitten. . . Seit gestern. . ." Er rang nach Luft. „Du mußt alles wissen!" Und er erzählte die Szene am Kreuz, Wort für Wort, nur de» entsetzlichen Verdacht, den er eine» Augenblick gehegt, brachte er nicht über die Lippen. „Das würde sie mir nicht verzeihen," dachte er, „und hätte damit recht." Die Wirkung war eine andere, als Leib sie befürchtet hatte. Zwar hagelte» die Vorwürfe auf sein Haupt nieder, daß er sich immer ängstlicher zusanimenduckte, und schließlich nur noch die Spitze des verschossenen Käppchens über dem Tisch sichtbar war, aber von jener Angst, die ihm Janko's Leidenschaft eingeflößt, empfand Ehane offenbar nichts. Im Gegentheil, trotzig und kampfbereit stemmte sie die Arme in die Hüften und rief: „Dem will ich's heut' gründlich besorgen! . . Wein' nur, den Kunden vertreib' ich Dir für immer! . . . für immer!" „Weinen?" Das Köpfchen wagte sich ein wenig anfznrichten. „Springen will ich vor Freud', wenn's Dir gelingt . . . Aber —" „Was?" rief sie scharf. „Ich mein' nur ... Du weißt gar nicht, wie er gestern getobt hat . . . In dieser Sach' scheint er wie verrückt . . . Wenn man ihn reizt, so —" „Schlägt er uns alle todt!" rief sie hohnvoll. „Ja, ja, einen braven Freund hast Du Dir ausgesucht . . . Aber ich furcht' mich nicht, ich weiß — wie man — mit Thieren — fertig — wird — ich —" Weiter kam sie nicht. Ei» krampfhafter Husten drohte sie z» ersticken; die eingefallenen Wangen rötheten sich, der sieche Leib wankte. Erschreckt wollte ihr Leib bcispringen. sie winkte ihm ab. Endlich ließ der Anfall nach; sie sank erschöpft ans eine Bank. „Geh"', murmelte sie. „Später!..." Betrübt schlich Leib vor die Thiire. Wieder war's ein wunderschöner Tag; der Herbst ist die einzige Jahreszeit, die diesem dürftigen, gleichsam auch von Gott verstoßenen Haideland eine Reihe andauernd heiterer Tage schenkt; sommerlich warm schien die Sonne vom tiefblauen Himmel; ihn aber fröstelte es bis ins tiefste Herz hinein. Jammer und Sorge, wohin er blicken mochte — und ach, mit jeder Stunde immer neue Sorgen . . . Wie Ehane hustete, wie sie anssah, — gewiß nicht erst seit heute, aber auch darauf hatte er, während er so sein armseliges Leben in gewohntem Schritt weiter schleppte, nicht recht geachtet . . . Er schloß die Angen. „Mein Herr und Gott," dachte er, „das wenigstens nicht — das nicht . . (Fortsetzung folgt.)