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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-01 · Heft 44 (1.11.1895) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 524 (sequence 10)
Language
German
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524 unwilltürlich ottf sie zu. Es war ja spät, — auch schimmerte das Bild des Gekreuzigten hell und klar — er hätte den Sitz sonst lieber gemieden, he»t' ließ er sich ohne Besinnen nieder. „Nur einige Minuten," murmelte er, und das Haupt sank an den Stamm des Kreuzes. Dann hörte er die Kirchenuhr in Halicz schlage», dumpf, fern, wie ineilenfern, nur zwei Schläge. „Halb!" murmelte er schlaftrunken. „Halb zehn — oder schon halb elf?!" Und dann wurde der Schleier vor seinen Angen dichter und er war eingeschlafen. Als er wieder erwachte und verwirrt emporfuhr, da wußte er zunächst gar nicht, wo er war und wie er hierher gerathen, wohl aber, was ihn geweckt: es war die Stimme der Miriam, die bang nach ihm gerufen. Und nun hörte er es wieder, noch näher, wenn auch noch imnier fern genug: „Vater! Vater!" Es klang bang, wie ein Hilferuf. Zitternd richtete er sich empor und rieb sich die Augen. Er war ja wach, und nun wußte er auch, wie es zuletzt mit ihm gekommen, und dennoch träumte er wohl — was sollte sein Kind des Nachts ans der Landstraße? . . . Aber nun hörte er von fern einen Schritt und bald auch wieder ihre Stimme. Aber nun rief sie nicht mehr nach ihm, sondern sie saug. Mit jedem ihrer Schritte klang es ihm deutlicher entgegen: „Janko, komm' nie wieder her, Meine Mutter leid's nicht mehr! Und mein Vater warnt: „O Kind, Weißt du nicht, wie Männer sind?" Ja, doch weiß ich's nicht genug, Selbst erfahren nur macht klug .. Ob sie schilt und ob er klagt. Komm, mein Janko, unverzagt!" „Miriam!" schrie der Kleine entsetzt auf und stürzte ihr entgegen. „Vater!" Mit einem Jubelruf riß sie ihn in ihre Arme. „Wo hast Du nur gesteckt? 2Bir haben uns ja zu Tod geäugstigt! Du bist wohl eingeschlafen, armes Väterchen, hier am Weg?!" Er machte sich frei. „Miriam", schrie er und spähte ihr vost angstvoller Qual ins blühende Antlitz, „was hast Du da gesungen?!" Sie hatte wohl die Frage iiberhört. „Eingeschlafen!?" wiederholte sie lachend. „Da war's doch gut, daß mich die Mutter geschickt hat, nach Dir zu sehen. Freilich: „nur bis zum Wald", sagt sie „keinen Schritt weiter!" Aber ich denke: was soll mir denn geschehen und gehe tapfer vorwärts . . . Aber nun konnn', konnn' die Mutter ist ganz verzweifelt; „es ist ihm gewiß was geschehen", jammert sie . . ." Er duldete, daß sie seinen Arm in den ihren legte, und ihn vorwärts zog. Aber dann fragte er doch wieder: „Warum hast du gesungen? Und dieses Lied!" „Welches Lied?" fragte sie erstaunt. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich zuletzt gesungen habe. Ich Hab' auf dem Weg alle Lieder gesungen, die ich überhaupt weiß, und dazwischen nach Dir gerufen. Tenn mir war ja doch so bang, mußt Du wissen, um Dich, und dann so ganz allein in der Nacht. . . Wenn ich meine Stimme gehört Hab', war's etwas besser!" Er athmete auf und konnte nun rascher neben ihr hergehen. Aber dann hielt er doch inne und sagte: „Miriam, Du hast mich nie im Leben angelogen, nicht wahr, Du sagst mir auch jetzt Alles, wie es ist?! Du hast nur gesungen, weil Du Dich gefürchtet hast?" Sie sah ihn verblüfft an. „Ja — natürlich, warum sonst? Bist Du auch bös' darüber? Ich dachte, nur die Mutter. Sie sagt, es schickt sich nicht, weil ich jetzt groß bin. Aber diese Lieder singen ja auch ganz alte Weiber im Dorf. . ." „Christiinien!" sagte er. „Du aber bist ein jüdisch Kind! Du wirst die Lieder nie mehr singen, nicht wahr? Und wirst immer mein gut, brav, gehorsam Miriamchen bleiben?" „Ja!" lachte sie. „Aber nun komm!" „Nein," sagte er und seine Stimme klang bewegt, ja feierlich, „nicht so!" Er blieb stehen und legte ihr die Hand aufs Haupt. „Du bist mein einzig Glück auf der Welt, Du mußt es mir im Ernst versprechen!" Auch sie war ernst geworden; so hatte sie ihn noch nie gesehen — ließ der Mondschein seine Angen so feucht flimmern? „Ich versprech's Dir," sagte sie. „Ich werde inimer gehorsam sein!" Von da ab sprach er kein Wort mehr, bis sie das Haus erreicht hatten; auch sie schwieg; es war ihr vorhin so seltsam zu Muth geworden, sie wußte kaum selbst warum. Vor der Schänkc kam ihnen Chane schluchzend entgegen. „Du hast Dich nicht heimgetraut!" rief sie. „Was bringst Du?" Er suchte sie zu beruhigen, und als sie in ihn drang, zu erzählen, wies er sie kurz ab. „Morgen!" sagte er. „Für heut' Hab' ich genug!" Genrig . . . genug . . . wiederholte er in Gedanken immer wieder, bis er todtmüde aufs Lager sank. Der Schlaf war ihm barmherzig; nur noch einige Minuten, wo ihm aste Erlebnisse dieses Schicksalstages, wie noch keiner über ihn gekommen, qualvoll, in tollem Wirbel durchs Hirn stachen — dann wußte er nichts mehr von sich uttb all' seinen Nöthen. Erst gegen Morgen kamen sie ihm im Traum. Er sah sich in einer großen, festlich geschmückten Stube, die er nie gesehen; es war wohl im Hause David Münzers, denn der saß an der Tafel obenan, neben ihm die Miriam, todtenbleich und vergrämt. „Ich Hab' nie mehr gesungen, Vater," flüsterte sie, und er verstand es. obwohl er weit von ihr stand und die vielen Hochzeitsgäste lärmten und schrieen. Aber da waren sie alle plötzlich verschwunden, nur das Brautpaar saß noch auf seinen Ehrenstühlen und er in seiner Ecke, da stürzte plötzlich Janko mit hochgeschwnngenem Beil herein und ans Miriam zu. Der Träumende schrie auf und wostte sich dazwischen werfen, aber er war wie gelähmt; „Erbarmen!" stöhnte er und erhob den Arm, „Janko! . ." Da legte sich eine kalte Hand auf seine Stirn, und er erwachte. . . Es >var seines Weibes Hand; sie hatte ihn geweckt, weil er so angstvost gestöhnt. Er blickte um sich — das erste Grau des Morgens brach eben durch die kleinen, schmutzigen Scheiben in die Kammer — und starrte Chane verstört an. Ihm war's, als hätte er ihr Antlitz nie so fahl, so abgezehrt gesehen. „Bist Du krank?" stammelte er. „Nicht kränker, als sonst," erwiederte sie scharf. „Aber was ist'S mit Dir? Was hast Du gestern mit dem Janko gehabt, daß Du davon träumst?" „Nichts. . . Später. . . Nach dem Gebet!" Er erhob sich, verrichtete die üblichen Waschungen, legte die Gebetriemen an und wandte sein Antlitz nach Osten. Das war ja auch sonst die hohe Stunde seines Tages, aber nie hatte er so viel Trost, so viel Bedeutung in den liebvertrauten Worten gefunden, wie heute. „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, der Du aufrichtest die Gebeugten" — und dann: „der Du lenkest die Schritte des Menschen" — o wie wohl das der armen, zitternden Seele that. . . Er hatte die Schritte nach seinem Gebot gelenkt, immer, auch gestern, er konnte ihm auch heute ins Auge schauen ... wer sich solches sagen konnte, brauchte nicht zu zittern. . . Ein Abglanz dieser Zuversicht lag noch auf seinem Antlitz, als ihm »ach dem kärglichen Frühmahl sein Weib befahl: „Erzähle!" Er wollte ihr nichts verschweigen, aber trotz seiner gehobenen

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