Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 522 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Im Januar des ersten Jahres erschien das Erstlingswerk der Gesellschaft, das Jahrbuch, ein auch äußerlich hübsch ausgestattetes, 600 Seiten starkes Buch, welches in der vaterländischen Presse allgemeines Lob hervorrief. Es lieferte eine» glänzenden Beweis dafür, über wie viele geistige Kräfte das ungarische Judeuthum verfügt und wie groß in ihr die Zahl derer, die sich auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft einen anerkannten Namen erworben haben. Professor David Kaufmann lieferte ein Essay über einen jüdischen Zeugen der Einnahme Ofens im Jahre 1681; Dr. May bäum veröffentlichte einen Brief L. Zunz'; Themata aus der Geschichte der Juden in Ungarn behandelten Dr. Samuel Kohn und Dr. Alexander Büchler; aus der Geschichte der Juden überhaupt Prof. Dr. Adolf Büchler und Prof. Dr. Samuel Kraus; ans der Exegese Rektor Dr. Adolf Schwarz und Prof. Dr. Ludwig Blau; aus dein Talmud Tr. Bela Bajda und Dr. Alexander Rosenberg u. s. w. Beachtung verdient die statistische Arbeit Dr. David Kohn's, in der der Nachweis geliefert wird, daß die Mortalität bei den Juden die geringste ist, und deshalb sei die Population bei ihnen im Wachsthum begriffen, obwohl die Zahl der Geburtsfälle bei anderen Konfessionen größer ist. Im Jahrbuch wurde auch die Poesie und schöne Litteratur nicht schnöde behandelt. Die Garde der jungen Poeten bot thcils Uebersetzungen aus den mittelalterlichen jüdischen Dichter» (I. Lederer, Dr. L. Kecskemeti, Dr. A. Kiß, Emil Makai und Ant. Radö, der aus dem Schah - Rahme ein Bruchstück übersetzte), theils eigene gelungene Kompositionen (Feleki, Heves, Gerö). Ein Beitrag zu der Kulturgeschichte der Inden ist enthalten in der „Lebensbilder" betitelten Erzählung, in der Dr. C. Sellin ann „der Humorist unter den Rabbinern", in vortrefflicher, von Humor und Witz sprudelnder Weise das Jeschibah-Leben schildert und die Talmudjünger, „aus denen auch etwas Tüchtiges werden kann", charakterisirt. Die aus dem jüdischen Leben entnommenen Novellen „Lea" von Iren H. Eschaluci", und „Bon zu Hause" von Dr. Fr. Mezey wurden in einigen belletristischen Wochenblättern nachgedruckt, was doch genügend ihr litterarischcs Niveau bezeugt. Albert Sturm weiht in seinem „Maskir Neschamoth" den Heimgegangenen jüdischen Journalisten einen herzlichen, warmen Nachruf. Ohne die im Jahrbuche enthaltenen Beiträge damit erschöpft zu haben, erwähnen wir noch den anführenden wissenschaftlichen Artikel Dr. Joseph Bänäczi's „Toldi und die Bibel", worin nachgewiesen wird, was der größte ungarische Dichter Arany in seinem Epos „Toldi" der Bibel entlehnt hat. und den Schlußartikel Prof. Dr. Wilhelm Bachers über die „Loamta ckes Etudes juiyes“. Die Geschichte der Gesellschaft, ihre Ziele, ihren jetzigen Stand bespricht Dr. F. Mezey, dem vereint mit Dr. W. Bacher das Verdienst der Redaktion dieses werthvollen Buches zukommt. Indem ich kurz erwähne, daß die Gesellschaft beträchtliche Summen auf Konkurrenzarbeiten aus der Geschichte der ungarischen Juden bestimmt hat, gehe ich zu einem anderen Wirkungskreis der Gesellschaft über, nämlich zu den populären Vortragsabende». Die Leitung der Gesellschaft griff etwas spät in den Monaten März und April zur Abhaltung der Vorlesungsabende, deren vier im Prachtsaale der Pester israelitischen Kultusgemeinde abgehalten wurden. Den Reigen der Vorlesungen eröffnete der Präses Dr. Sam. Kohn, behandelnd das Thema der jüdischen Alterthümer in Ungarn. Ohne eine breitere Wiedergabe der Vorlesung versuchen zu wollen, begnügen wir uns, einige Alterthümer hervorzuheben: mittelalterliche Münzen mit jüdischen Buchstaben, wahrscheinlich das Werk jüdischer Präger, kostbare goldene und silberne „Kiddusch"-Pokale. ein Schwer des Judenvorstehers, in dessen Schneide zwei Psalterhalbverse eingravirt sind, erst siiugst aufgefundene Grabsteine des Ofener Friedhofes aus dem 13. Jahrhundert, jüdische Handschriften und Bibel» aus der Bibliothek des Königs Mathias (Corvin). Der zweite Vortragende Professor Dr. Moritz Karmiui wählte das Thema: „Die Ethik bei den Propheten". Vom -philosophischen Standpunkte erblickt der Vortragende die weltbewegende, unsterbliche Wirkung des Prophetismus in der Verkündung der Solidarität der Menschen, der Verantwortung, die Jedermann trägt, für die Sünden, Unsittlichkeit, Unwissenheit seines Nächsten. Die Pflicht des Einstehens für jeden Nebenmenschen ist die Originalidee des Prophetismus, zu der die Menschheit ohne die Propheten nicht gelaugt wäre. Professor Dr. Ludwig Blau behandelte „die Idee der Auserwählung", die auch in unseren Tagen ihre Geltung nicht verloren hat, weil die Auserwählung dem Judenthum keine Vorrechte und Privilegien einräumt, sondern ihm Pflichten auferlegt — die es selber und allein übernommen hat — für die in der heil. Schrift niedergelegten Lehren und ihre Verbreitung einzutreten, in der sittlichen, ethischen, kulturellen Entwickelung der Menschheit voranschreiten zu wollen. „Jüdische Reisende im 12. Jahrhundert" bildete der Gegenstand der Vorlesung Dr. I. Weißburg's, der in gedrängter Kürze die um Ethnographie lind Geographie des Mittelalters errlingenen Verdienste der beiden jüdischen Reisenden Benjamin aus Tudela und Petachja aus Regensburg schilderte. Der inzwischen eingetretene Frühling — nach allgemeiner Erfahrung kein günstiger Zeitpunkt für öffentliche Vorlesungen — veranlaßte die Leitung der Gesellschaft, die Vortragsabende zu lmterbrechen. Zuletzt sei noch eine nützliche Einrichtung bei den Vortragsabenden erwähnt, die sich auch bewährt hat. Es ist dies der aufgestellte Fragekasten, der zum Schluffe jedes Vortrages ausgelehrt wurde, worauf die Antworten auf die im Fragekasten hineingeworfenen Fragebogen entweder sofort oder am folgenden Vortragsabende ertheilt wurden. So hat sich denn die ungar.-isr. litterarische Gesellschaft im Großen und Ganzen schön und glänzend eingeführt, und da sie ihren Wirkungskreis nicht nur auf die Hauptstadt beschränken, sondern auf alle größeren Gemeinden, in denen eine beträchtliche Anzahl ihrer Mitglieder wohnt, ausdehnen will, kann das ungarische Judenthum mit Genugthuung zurückblickeu auf das verflossene Jahr, in dem in seiner Mitte ein großartiges Centrin» für das jüdische Gemeindeleben und eine neue Pflanzstätte für die jüdische Wissenschaft und Litteratur gegründet worden ist. Eduard v. Bauernfeld und die Frankfurter Nakkinerversammlung. Bon Prof. Dr. Ludwig Geiger. fei' bekannte Dichter Bauernfeld hatte in Wien, wo er dauernd lebte, manche gesellschaftliche Beziehungen mit Juden und Jüdinnen, die er in seinen eben erschienenen Tagebüchern (veröffentlicht durch C. Glossy, Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft, Bd. 5) erwähnt, ohne von dein religiöse» Bekeuntniß dieser seiner Gesellschafts - Genossen etwas Besonderes, sei es zu Gunsten oder Ungunsteu, zu sprechen. Auch von jüdischen Schriftsteller» ist so gut wie gar nicht die Rede. Nur die Briefe der Rahe! werden gelegentlich enthusiastisch gelobt; nach einer Bespöttelung Varuhagens heißt es einmal: „Die Rahel war vielleicht das einzig Männliche an ihm." Bei der Schilderung eines Besuches in Frankfurt (21. Juli 1845) heißt es nun, nachdem von vielem Persönlichen, u. A. einem Besu e