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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-01 · Heft 44 (1.11.1895) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 520 (sequence 6)
Language
German
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520 sicherlich mich von der strengen Pädagogik das Wort geredet werden wird. Eine gewisse Annäherung der Familien würde dabei nicht der letzte Vvrtheil sei». Die jetzt vorhandene -Jsoliruug derselben, die so sehr gegen das alte OTns ^3 spricht, trägt sicherlich nicht znr Hebung rmd Stärkung des jüdischen Glaubensbekenntnisses bei. Je seltener die Wege sind, auf welchen diese Absonderung von einander sich beseitigen ließe, desto ernster sollten wir denjenigen in Beobachtung nehmen, der sich uns hierfür darbietet. Wir sagen daher, wenn schon von christlicher Seite die Gründung solcher Elternabende als wiinschenswerth erscheint, so müßten sie bei uns zn einer unbedingten Forderung sich gestalten »nd nicht zum allerletzten der besseren Stellung der Lehrer halber. Besser, weil das Berhältniß zu den Eltern ei» — sagen wir— freundschaftlicheres werden würde! Und mit Bezug ans den Schüler würde es geschehen, das eine Zutraulichkeit von dessen Seite zn dein Lehrer einträte, welche de» Ernst der Schulstube niemals aufkommen läßt. Wir erinnern uns ans unserer Jugendzeit eines sriihere» ähnlichen Brauches des Verkehrs zivischeu Eltern und Lehrer, der darin bestand, daß der Lehrer an den Sonnabenden bald die eine, bald die andere Familie besuchte, um die Schüler in Anwesenheit der Eltern ans ihre Leistungen zn prüfen. Freilich war da in erster Reihe das Motiv dazu das Bedürfniß des Lehrers, darzulegen, daß das ail ihn gezahlte Honorar kein unverdientes, daß ec also seine Schuldigkeit in der übernommeueu Aufgabe gethan habe. Allein es kam bei dieser Gelegenheit auch Mallchcs zur Rede, was sowohl dem Unterrichte als dem guten Einverliehmell zwischen Eltern und Lehrer förderlich lvar. Wollen >vir auch nicht zu dieser Visitenabstattnilg der Letzterli bei deli Erster», zu diesen ins Hans getragenen Beweisen der Leistungen von Seilen der Lehrer zurückkehren, so wolleli wir doch beit Ersatz für die dort vorhanden gewesenen Vortheile, der sich uns in den Elteriiabenden bietet, nicht von uns weisen. Das Berhältniß zwischen Eltern und Lehrer würde sich zu einem genilithlichen gestalten; die Berührungspunkte, in welche beide Theile zu einander träten, trüge» des Heilsamen mancherlei in sich, und die dabei zn gewinnenden Resultate kämen in bester Weise unserm Judenthuni zn Gute. — Wir haben diesmal von einer Feier zn berichten, die, weil sie nur sehr selten und besonders in kleinen jüdischen Gemeinden zum Vollzüge kommt, mit umso größerer Genugthuung registrirt werden kann. Am l. Juli feierte der jüdische Kultnsbeamte der jüdischen Gemeinde in Marggrabowa, auch Olezko genannt, Herr Freier, sein 50jähriges Amtsjubilünm. Ein halbes Jahrhundert der Wirksamkeit ans diesem Gebieteihat sicher schon etwas für sich und spricht umsomehr von großer Amtsgewandtheit und beruflicher Gewissenhaftigkeit des Jubilars, als derselbe sich dabei die Liebe und Werthschätzung seiner Gemeinde, sowie die nngetheilte Achtung aller Derer sich erworben, die mit ihm in nähere Berührung gekommen. Herr Freier feierte/sein fünfzigjähriges Amtsjubiläuni bei noch reger Rüstigkeit des Körpers und frischem Geist und hat darum die Aussicht, die nnnmehr für ihn eingetretene Ruhezeit — er schied mit diesem Tage ans seinem Amte — in bester Weise zu genießen. Es war eine ungemein große Anzahl von Belveisen ehrenhafter Anerkennung seiner amtlichen Verdienste, die Herrn Freier an diesem für ihn so schönen Tag zukamen, ein überreiches Maß von Gratulationen und Wünschen von Nah und Fern, die ihn erfreuten und sagten, daß der Kreis Derjenigen, die an diesem frohen Ereigniß theilnahmen, ein weitgedehnter sei. Von Seite» seiner Gemeinde wurde ihm durch den Vorstand derselben als Zeichen der Verehrung eine kunstvoll ausgeführte Adresse mit der Ernennung znni Ehreinnitgliede überreicht. Die Beziehungen, in welchen der Jubilar zn seinen christlichen Mitbürgern steht, die Achtung, die er sich in dem Streben für das Allgeineininteresse im Bereiche seines Wohnortes erworben, läßt sich schon daraus erkennen, daß eine Abordinuig im Namen der städtische» Behörden erschien, eine Abordnung des Magistrats und der Stadtverordneten unter Führung des Herr» Biirgermeisters Lorenz, welcher mit schönen, zn Herzen dringenden Worten den Jubilar begrüßte. Als Vertreter des Verbandes der Synagogengemeinden Ostprenßens und des Lehrerverbandes war im Aufträge der Schulinspektion für die Gemeinden des Gumbinner Bezirks Herr Prediger Weinberg ans Insterburg erschienen und feierte in längerer ernster Ansprache den Jubilar. In grmüthlicher Vereinigung verbrachten die Mitglieder der jüdischen Gemeinde mit dem Jubilar und dessen Gästen den Abend dieses so schönen Festes, welches den Theilnehmern noch lange in bester Erinnerung bleiben wird. Es wäre im höchsten Grade wünschenswerth, daß auch in anderen Provinzen der Auflösung der kleinen jüdischen Gemeinden so vorgebengt und entgegengetreten würde, wie solches hier in Ostpreußen der Fall ist. — Dem jüngst veröffentlichten Berichte, über die dreizehnte ordentliche Generalversammlung des V e rband es d e r Sy n ag oge ng eme i nd en Ostpreußens entnehmen wir, daß seitens des Verbandes im verflossenen Jahr acht Verbandsgemeinden mit einem Gesammtbetrage von 950 Mark unterstützt und solches auch im Verbands-Etat pro 1895/90 in Absicht genommen worden ist. Je schwieriger sich die finanziellen Verhälniisse in den durch dauernden Fortzng an Mitgliedern sich verringernden kleinen Gemeinden gestalten, desto höher ist eine solche Aushilfe anznschlagen, die das Allerletzte verhütet. Außerdem entnehmen wir noch dem Berichte, daß der Gemeindeverband noch einen Posten in den Etat anfgenommen, für Ertheilung des Religionsunterrichts der zerstreut auf dem Lande lebenden Kinder. Der Verband setzt sich zusammen aus 44 Gemeinden mit je 15 Mark jährlichem Beitrag. Königsberg 150 Mark, ans 300 persönlichen Mitgliedern mit ä 3 Mark jährlichem Beitrag, bezw. auch 5 und 10 Mark. Neben den genannten Unterstützungen des Gemeiudeverbandes verleiht derselbe auch eine Beihilfe zur Ausbildung von Lehrern, einen Zuschuß für die Seelsorge in der Strafanstalt zu Insterburg u. a. in. Kurz, lvenn wir die Leistungen dieser ans dem freien Willen der Gemeinden hervorgegaugenen Vereinigung überblicken, ergiebt sich uns ein Resultat, das in u»serer sonst religiös-gleichgiltigen Zeit umsomehr ebenso sehr überraschen als erfreuen muß, als wir darin das Fortwalten des uralten jüdischen Geistes erblicken, der bisher alle Miseren der Zeit zu überwinden verstanden hat. — Was wir bereits zur Zeit des Regierungsantritts des jetzigen Zaren vorausgesagt, daß die Inden in Rußland kaum Aussicht hätten, hinsichtlich ihrer Behandlung, oder auch nur was den Grenzverkehr anbetrifft, einen Wandel zum Guten eintreten zu sehen, hat sich leider, wie auch schon von anderer Seite in diesem Blatte berichtet, bestätigt. Die Plackereien bezüglich der Paßverleihnng, wenn sie einem Juden gilt, dauern in ungeschwächter und unverminderter Weise fort; ja, es kommen noch neue Erschiveruugen hinzu. Nahmen früher die Landrathsämter an der Grenze nur Anstand, dem Juden einen Paß nach Rußland zu geben, wenn er einen jüdisch lautenden Vornamen, als Abraham, Moses, Elias besaß, so erlangt er jetzt eine solche Legitimation, und trüge er auch den allerchristlichsteii Vornamen, nur in seltenen Fällen und wenn, auch nur bei allen möglichen Scherereien. Ein Angehöriger der hiesigen jüdischen Gemeinde, der ein bedeutendes Holzgeschäft in Rußland betrieb, lebte bis zum vorigen Jahr auf einen Paß in diesem Reiche, während Frau und Kinder hier wohnten. Alljährlich mußte diese Legitimation erneut werden, was^ gewöhnlich z durchs die//Frau des ^Paßbesitzers besorgt wurde. Sie hattesanch in diesem Jahre.dieser Nothwendigkeit Rechnung getragen und schickte das mit großer Mühe wieder erlangte

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