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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-11-01 · Heft 44 (1.11.1895) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 44 (1.11.1895)
Date
1895-11-01
Page
Seite 519 (sequence 5)
Language
German
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Wenn dieser Gedanke richtig wäre, so dürfte weder Staat noch Stadt einen Pfennig für Universitäten und Schulen, für Kirchen, Museen und Bibliotheken ausgeben, bis der letzte Hungrige gespeist, der letzte Frierende gekleidet, der letzte Kranke geheilt wäre; oder man müßte solche Allsgaben wenigstells auf das Maß des Allernöthigsten, zum Bestände der Gesellschaft Unentbehrlicher! beschränken, um das Ersparte zur Hebung lener Nothstünde zu verwenden. So lange das nicht als richtig erscheint, wird nian zugeben müssen, daß neben jenen milden Stiftungen and) solche zu Zwecken der Kunst und Wissenschaft, vor Allem aber der Volksbildung, berechtigt, ja sogar äußerst wünschenswerth sind. Dergleichen kommt ja auch vor: es sei nur daran erinnert, daß vor nicht langer Zeit unserer Akademie der Wissenschaften eine bedeutende Snnnne znfloß. Aber das sind eben ganz vereinzelte Vorkonumrisse. In Amerika ist es llichts Seltenes, daß ein Wohlthüter Millionen aussetzt, um eine ganze Universität oder eine große öffentliche Bibliothek zu begründen und zu erhalten; in England ist auf ähnliche Weise mitten unter der Arbeiterbevölkerung im Osten Londons der „Volkspalast" elltstauden, wo den Armen Bibliothek und Lesesäle, Theater, Konzerte und Vorträge geboten werden. Wir möchten uns erlauben, den Blick unserer Stifter und Derer, die sie zu berathen haben, auf diese Dinge 311 lenken. Wäre es nicht schön, wenn wir auch einen solchen Volkspalast haben könnten? Wenn wir für die Bestrebungen, die bei uns vom Verein für Volkslinterhaltungen, von der Ethischen Gesellschaft mit ihrer Lesehalle, voin Schillertheater und anderen Einzelunternehnlungen oft unter großen Schwierigkeiten verfolgt werden, einen Mittelpunkt uiib eine gesicherte Grundlage hätten? Ist es Glicht auch eine Wohlthat für die (inneren unter unseren Mitmenschen, wenn man ihnen eine Stätte edler Erholung, erhebenden Genusses bereitet, wo sie theilnehmen können an den Gütern, die ihnen sonst verschlossen sind, wo sie fühlen lernen, daß auch für sie unsere Dichter und Denker, unsere großen Musiker gelebt haben, wo sie auf Stunden wenigstens hinweggehoben werden über die Jagd nach dem täglichen Brod und sich nur Menschen unter Menschen fühlen? Wahrlich, damit wäre ein Stückchen sozialer Frage zu lösen. Dazu gehören allerdings große Mittel. Aber bescheidenere Ziele lassen sich auch schon mit Summen erreichen, wie sie nach jenem Jahresberichte häufig vorkonunen. So tuäre die Gründung öffentlicher Bibliotheken und Lesehallen nach englischem und amerikanischem Muster ein außerordentlich fruchtbares Feld für Stiftungen, weil sie nötigenfalls klein anfangen und durch weitere Zuwendungen allmülig ausgedehnt werden können. Daß ein Bedürfnis; für solche Einrichtungen vorhanden ist, das hat die schon erwähnte, aus freiwilligen Beiträgen unterhaltene Lesehalle in der Neuen Schönhauserstraße, ebenso wie die Jüdische Lesehalle in der Burgstraße schlagend bewiesell — sie waren lvährend der Wintermonate überfüllt lrud selbst an den heißeste;! Sommertagen nie leer. Und lver Sinn und Berständniß hat für den Segen, der von solchen Stätten ausströint, der mache sich die Freude, einmal an Ort und Stelle zu beobachten, welche Kreise dort verkehren, wie sie sich benehmen und was sie lesen. Er wird bei aller Anerkennung des dort Geleisteten freilich den Wunsch mit hinwegnehmen, daß der Betrieb in größeren! Maßstabe und nicht blos an diesen beiden Stellen für ganz Berlin geführt werden könnte, ein Wunsch, den man nur theilen kann und zu dessen Erfüllung wir Allen, die ihren Gemeinsinn bethätigen wollen, zuruseu: Stiftet und unterstützt öffentliche Lesehallen! H. S. Nus Ostpreußen. Bon Moritz Scherbe!. Sn einer Seminarkonferenz, die im Laufe des Sommers in Ragnit stattgefunden, kam auch ein Gegenstand zur Sprache, der unter der Bezeichnung „Elternabende" werth ist, auch in speziell jüdischen Kreisen seine Beachtung zu finden. Der Referent hierüber suchte nachzuweisen, wie viel Segen darin liege, wenn Schule und Hans mehr zusammenarbeiteten, als wie solches bis jetzt der Fall gewesen. Die meisten Eltern der Volksschule bekümmern sich herzlich wenig um die Ausbildung und sittliche Erziehung ihrer Kinder. Es wird zu Hanse sogar manches Körnlein getödtet, was in der Schule gepflanzt ist. Gar oft hören die Kinder liebliche Urtheile und Spötteleien ihrer Eltern, die gegen die Lehrer gerichtet sind. Die Folge hiervon ist die Geringschätzung des Lehrers, welche wieder zur Folge hat, daß seine Worte keinen Eindruck auf das Kind hinterlasse». Dieses üble Verhältniß zwischen Schule und Haus kann durch sogenannte Elternabende besettigt werden. An diesen Abenden können ferner Eltern ihre Wünsche vortragen und sich nach den Kenntnissen und dem sittlichen Berhalten ihrer Kinder erkundigen. Die größten Segnungen erwachsen jedoch dem Kinde hieraus. Wenn Eltern und Lehrer sich vornehmen, die Fehler des Kindes gewissenhaft zu bekämpfen und ihre Zöglinge zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zu machen, wird manches Kind von falscher Bahn abgeleitet werden. Es ist genug, wenn in jedem Winter zwei Elternabende abgehnlten werden. An jedem Abend ist ein längerer und kürzerer Vortrag zu halten. Nach jedem Vortrag ist eine Pause zu machen, um den Eltern Gelegenheit zu geben, sich Rath und Belehrung zu verschaffe». . . . Wir gestehen, daß wir »ach Durchlesruia dieses Berichts so eingenounnen für den dort niedergelegten Gedanken waren, daß wir uns gar nicht mehr von demselben zu trennen vermochten. Wie, wenn wir ihn auch für unsere Religionsschulen zur Verwendung brächten? Man kennt ja den Gegensatz, in welche»! sich leider jetzt Religionsschule und Haus oft gegenüberstehen. Es ist kaum in Abrede zu stellen, daß der oben bezeichnete Mißstand, daß unbedachte Eltern in Anwesenheit ihrer Kinder mit abfälligen Urtheilen über deren Lehrer nicht zurückhalten, mehr als uns lieb vorhanden ist. Daß der Schaden dabei gar sehr auf Seiten der Eltern liegt, gelaugt kaum zur Erkenntuiß derselben. Eine auf oben gezeigtem Wege zu erzielende Annäherung zwischen Lehrer und Eltern würde auch hier Wandel schassen. Nimmt man noch hinzu, daß die religiöse Erziehung, welche doch bei uns Juden um ein so Bedeutendes mehr ins Gewicht fällt als bei den anderen Konfessiouen, bei solchem Hand in Hand gehen von Eltern und Lehrer eine ganz besondere Unterstützung und Förderung finden müßte, so würde die Gründung solcher Elternabende bei uns von den heilsamste» Folgen sein. Der Gedankenaustausch von Eltern und Lehrer bei solcher Gelegenheit ivürde eine Wechselwirkung herbeiführen, welche beiden Theilen zu Gute käme, dadurch, daß dem erziehlichen Momente eine feste und sichere Unterlage verliehen. Denn sind die Eltern in besserer Kenntniß von der gemüthlichen Veranlagung ihrer Kinder, so muß zugestanden iverden, daß in Betreff der Beurtheilnng seines Geistes dem Lehrer die Präregalien zuzugesteheu sind. Warum? Nun, weil er frei von der Befangenheit elterlicher Eitelkeit, welche den Maßstad hierfür, wie die Erfahrung lehrt, des Oefteru zu einem ganz falschen macht. Und umgekehrt kann der Lehrer einen tiefer» Einblick in die Natur wie den Charakter des Schülers erlangen, wenn ihm hierüber mancher Fingerzeig von den Eltern gegeben wird. Kurz, solche Elternabende würden sich zu einein gemeinschaftlichen Erziehungsmittel gestalten, welchem A

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