Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1895)
- Date
- 1895-11-01
- Page
- Seite 518 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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518 f Berlin, 29. Oktober. cis neue Porteiprogrcnmn der Antisemitenpartei in Deutschland wird von den großen Blättern, von konservativen wie von liberalen, so gut wie gar nicht beachtet. Das ist das Loos des Schönen ans der Erde! Sehr treffend bemerken die „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in dieser Beziehung: „Bemerkenswerth ist der reaktionäre Geist, von welchem die Berathungen rmd Beschlüsse beseelt waren. Das Programm verlangt volle Glaubens- und Gewissensfreiheit und Duldung aller Gewissens-Ueberzeugungen — soweit sie nicht gegen Recht und Sitte verstoßen. Die bestehenden Volksrechte und Freiheiten sollen nicht gekürzt, ihr organischer Ausbau soll gefördert werden — soweit es zum Heil der Gesammtheit nothwendig ist. Das Programm fordert Freiheit in Rede und Schrift — soweit diese nicht gegen Recht und Sitte verstoßen. Der Pastor Jskraut war sogar für eine noch weitergehende Beschränkung der Preßfreiheit eingetreten. Durch Aufnahme solcher Kautschukbestimmungen in das Programm haben die Herren gezeigt, daß sie vielleicht rechts „praktische" Leute sein mögen, daß sie aber politische Grundsätze als einen Luxus ansehen. Das wird diese antisemitischen Demagogen nicht abhalten, sich auch fernerhin als Volksfreunde zu geberden. Im Uebrigen ist das Programm recht buntscheckig, zusammengesetzt aus Forderungen aller anderen Parteien; es soll eben Jedem etwas bieten. Auch der Verlauf dieses Parteitages lehrt die Unvereinbarkeit freiheitlicher und antisemitischer Bestrebungen." * Altjüdische Geschichte! Unter diesem Stichwort leitartikelt ein antisemitisches Blatt: „Die Geschichte des jüdischen Volkes nimmt einen viel zu breiten Raum ein in dem Religionsunterricht, namentlich unserer Volksschulen. In unseren Gemeindeschulen werden jährlich zum ullermindesten 4-> Stunden auf altjüdische Geschichte verwandt. Das macht in den acht Schuljahren -460 Stunden jüdische Geschichte! Damit vergleiche man einmal den historischen Unterricht, der in Summa circa 300 Stunden beträgt. Ferner liegt der historische Unterricht zumeist am Nachmittag, fällt also bei besonderen Anlässen zuerst aus. Des Weiteren darf man nicht Übersehen, daß der vaterländische Geschichtsunterricht ohne Ausnahme geistig schon abgespannten Kindern ertheilt wird, naturgemäß also nicht mehr so fruchtbringend wirkt, wie der jüdische." Wir glauben kaum, daß die preußische Schulverwaltung mif diesen Schmerzensschrei eingehen wird, obwohl der Verfasser zum Schlüsse noch folgenden Trnmph ausspielt: „Müssen unsere Kinder durch den Unterricht nicht schließlich zu dem Glauben verleitet werden, als hätten sie es in den Juden mit einem ganz außerordentlichen Volke zu thlm" . . . und hinznfügt, „man könne sich nicht tmmbem, ans welchen Widerwillen der antisemitische Gedanke noch bei Vielen stößt." Darüber wundern wir uns gar nicht. * Ein wohlunterrichtetes russisches Blatt brachte vor Kurzem die Nachricht, daß die russische Regierung nach langen Erwägungen sich endgiltig entschlossen habe, dieKoscherfleisch-Steuer, die sogenannte „Taxe", anfznhebeu. Unser Petersburger Korrespondent schreibt uns hierüber: Falls diese Nachricht zutrifft, so kann man, ohne gerade Sanguiniker zu sein, behaupten, daß mit dieser Maßregel für die jüdischen Gemeinden in Rußland die Bahn zu einer modernen, einer kulturellen Entwickelung geebnet ist. Denn auf der Koscherfleisch - Steuer lastete ein Fluch, den die Gemeinden auch beim besten Willen nicht abzuwenden vermochten. Sie ist das Ideal einer Steuer, wie sie nicht sein soll« Nicht genug, daß sie als indirekte Steuer die Armen verhältnißmäßig viel höher belastet als die Reichen, ist sie vermöge ihrer asiatischen Organisation zumal in den kleineren Gemeinden die -Quelle einer Korruption geworden, wie sie bei jüdischen Institutionen sonst nirgends anzutreffen ist. Man denke sich: eine Steuer, die an Privatleute verpachtet wird und die außer dem weltlichen auch noch einen religiösen Schutz genießt! Wie die „Schubbez", der „Streimel" und Alles, was den Juden in der Zeit des finstern Ghetto aufgezwungen wurde, allmählich geheiligt wurde, hat auch die „Taxe" — das Produkt des modernen, „Ansiedelungsrayon" genannten Ghetto — bereits einen gewissen Grad von Heiligkeit erreicht, so daß sich viele „altfränkische" Juden in Rußland die Existenz einer jüdischen Gemeinde ohne diese Muüersteuer gar nicht recht denken können. Die Folge dieser „Heiligung" der Taxe aber war, daß die schamloseste Ausbeutung derselben gar nicht mehr als ein Unrecht betrachtet wurde; im Gegentheil, der „Baal- Taxe" (der Pächter der „Taxe"), der den armen Leuten den Genuß des Fleisches, oft auch an den höchsten Feiertagen, zur Unmöglichkeit macht, zählt überall zu den Honoratioren der Gemeinde und wird in der Synagoge durch „Schischi" und „Maphthir" geehrt. In den kleineren Gemeinden ist er häufig der unumschränkte Beherrscher sämmtlicher Gemeindeinstitutionen; denn alle sind sie von ihm abhängig. Die meisten kleineren Gemeinden pachten nämlich die Steuer selbst von der Regierung und verpachten sie ihrerseits zu einem höheren Preise an den „Baal- Taxe", um auf diese Weise die Mittel zur Besoldung der Rabbiner und sonstigen Kultusbeamten, zur Unterhaltung der Synagogen rc. zu erhalten. Die Rabbiner, Lehrer rc. sind in diesem Falle nur willenlose Werkzeuge in der Hand ihres „Brodherrn", des „Baal-Taxe", und in sämmtlichen Gemeinde- und Wohlthätigkeitsinstitutionen ist sein Einfluß der allein maßgebende, wodurch jede zeitgemäße Reform von vornherein unmöglich gemacht wird. Von den intelligenteren Kreisen des Judenthums wird daher die zu erwartende Aufhebung der Koscherfleisch-Steuer mit lebhafter Freude begrüßt. Man verhehlt sich allerdings nicht, daß es seine Schwierigkeiten haben wird, bis sich die Gemeinden in eine solche grundstürzende Umgestaltung hineingelebt haben werden; aber der rechte Weg wird immerhin schon gefunden werden, wobei uns die Gemeindeorganisation im benachbarten Deutschland voraussichtlich als Muster dienen wird. Möge daher nur immerhin jenes hemmende Ghettoprodukt verschwinden, kein einsichtiger, zeitgemäße Reformen erstrebender Jude wird ihm eine Thräne nachweinen. Was sollen wir stiftend in Theil unfein' Leser wird dem nachstehenden kleinen Artikel bereits im „Berliner Tageblatt" begegnet sein. Wenn wir ihn in diesen Blättern nochmals abdrncken, so leitet nns dabei die Erlvägnng, daß nns Inden besonders daran gelegen sein muß, das Licht der Bildung und des Wissens zu verbreiten — denn nur iin Dunkel gedeiht die Giftpflanze des Antisemitismus — und daß sich in der heutigen Zeit ein Jude kein schöneres Denkmal setzen kann, als ein Hans, in dem jene ewige Lampe angezlindet und durch allen Qualm hindurch leuchtend erhalten wird! Die Zeitungen brachten vor Kurzem einen Auszug ans dem ersten Bericht der städtischen Stistnngsdeputation für das Jahr 1894/95. Danach sind in diesem einen Jahre im Ganzen mehr als sieben Millionen Mark der Stadt zu wohlthätige» Zwecken überwiesen worden — gewiß ein höchst erfreuliches Ergebuiß. Auffallend ist dabei nur eins: die Stifter haben die Zinsen ihrer Gelder für die verschiedenartigsten Zwecke bestimmt, sie habe» an Arme, Kranke, Erwerbsunfähige gedacht, sie haben für Kinder, für Lehrer, für Wittwen und Töchter von Beamten gesorgt — aber alle diese löblichen Bestrebungen sind ausschließlich auf das leibliche Wohl gerichtet. Es scheint fast, als komme von unsere» reichen Mitbürgern, die einen Theil ihres Vermögens öffentlichen Zwecken opfern wollen, Niemand auf den Gedanken, auch einmal für geistige Dinge etwas Großes