Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228138--52275-3273061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59. Jahrgang, itr. 43. «ertm. 25. Oktober 189b. Weilage zur „Ak4gerneinen Zeitung öes ZuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten, j Deutschland. S2 Berlin, 23. Oktober. Das Lokal-Komitee für den Süden und Südosten des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hat gestern in der Berliner Ressource, Kommandantenstraßtz 57^ eine sehr zahlreich besuchte Versammlung abgehalten. Den einleitenden..Vortrag hielt Herr Dr. G. Karpeles über „den Synagogenkultus. in der jüdischen Gemeinde zu Berlin". Der Vortragende. gab zunächst eine geschichtliche Uebersicht der Entstehung der Gebete, besprach sodann die Frage des Gebetkultus in unserer Zeit, schilderte hierauf diesen Kultus in den verschiedenen Berliner Synagogen, in denen allen berechtigten Anschauungen entsprochen werde, und ging schließlich auf die liberalen Forderungen für den Kultus einer neuzuerbauenden Synagoge ein, in der der wesentliche Grundstock der traditionellen hebräischen Gebete beibehalten, das Gebet in der Muttersprache aber gleichwohl eine größere Berücksichtigung finden sollte, als dies bisher in den Gemeindesynagogen der Fall sei. An den Vortrag schloß sich eine Besprechung über die Ziele des liberalen Vereins, die Herr Syndikus Dr. Minden mit einem Bericht einleitete, der mit großem Beifall ausgenommen wurde. An der hieran sich schließenden Debatte betheiligten sich die Herren Lachmann, M. A. Klausner, Holsten, Kuttner, Jacob, Dr. Holz, Schlochauer und Boas. Zum Schluß wurde die folgende Resolution fast einstimmig angenommen: „Die heute in der Berliner Ressource versammelten Mitglieder der jüdischen Gemeinde in den Stadtbezirken 8. und 80. sprechen ihre volle Zustimmung zu den in der heutigen Sitzung von den Herren Dr. Karpeles und Minden ausgesprochenen Ansichten über Reform des Gottesdienstes und obligatorischen Religionsunterricht aus und find Willens, die Bestrebungen des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde bei den bevorstehenden Repräsentanten-Wahlen nach vollen Kräften zu fördern." Die ganze Versammlung nahm unter der taktvollen und sicheren Leitung des Herrn Leopold Friedmann einen sehr würdigen Verlauf. Es ist lebhaft zu wünschen, daß auch alle folgenden Wahlversammlungen in gleicher Weise verlaufen möchten. 22 Berlin, 22. Oktober. Der Vorstand der jüdischen Reformgemeinde hat seine Mitglieder zu einer Versammlung auf Montag, den 21. d. Mts., Abends 7 Uhr in Dräsels Saal, Neue Friedrich str. 35 eingeladen. Dieselben entsprachen auch sehr zahlreich dieser Einladung, weil die Tagesordnung eine für die Zukunft dieser Gemeinde sehr wichtige war. Dieselbe lautete: 1. Fusion mit der großen Gemeinde, 2. Stellungnahme zur Wahl der Repräsentanten für die große Gemeinde. Zu Punkt 1 entspann sich eine lebhafte Debatte zwischen den Anhängern der Fusion und Denen, welche blos eine größere, den Steuersätzen der Gemeinde von fast 100,000 Mark entsprechende jährliche Subvention von etwa 25—30,000 Mark verlangten. Schließlich siegte die erstere Richtung und es wurde fast einstimmig der folgende von Herrn Syndikus Dr. Minden eingebrachte Antrag angenommen: Die Versammlung spricht dem Vorstand ihren Dank dafür aus, daß sie mit den Vertretern ^>er..großen Jüdischen Gemeinde in Verhandlungen über eine organische Verbindung beider Gemeinde eingetreten ist. Sie beauftragt den Vorstand, diese Verhandlungen fortzusetzen, dabei aber Garantien dafür zu schaffen, daß der Kultus der Reformgemeinde, wie er sich in fünfzigjähriger Entwicklung gestaltet und gefestigt hat, für ewige Zeiten erhalten werde, auch für den Fall, daß — was nicht zu befürchten — die Majorität der großen Gemeinde sich auf reformfeindlichen Standpunkt stellen sollte. Zu Punkt 2 der Tagesordnung wurde der Antrag des Herrn Ad. Pincussohn ebenfalls fast einstimmig und nach sehr kurzer Debatte angenommen, bei den Wahlen unbedingt nur für die liberalen Kandidaten einzutreten. Damit fand die Versammlung ihren Abschluß. 22 Berlin, 18. Oktober. DasBegräbniß des Sanitätsraths Dr. Carl Litthauer hatte heute Morgen eine überaus große Anzahl Leidtragender, auf denl Friedhofe zu Weißensee versammelt. Ungezählte Kränze, die vor/ Behörden, Korporationen, Vereinen, Freunden und Angehörigen gewidmet waren, bedeckten den Sarg und gaben Kunde von der allseitigen Verehrung, deren sich der Heimgegangene erfreut hatte. Nachdem die stimmungsvollen Klänge einer Motette verhallt waren, ergriff Rabbiner Dr. May bäum das Wort zu einer warm empfundenen Trauerrede, in der er das Wesen des Verblichenen als Gatte und Vater, als Arzt und Menschenfreund in schwungvoller und trostreicher Darlegung zeichnete. Was dem Redner besonders bedeutungsvoll erschien, war der Umstand, daß hier ein Mann zu Grabe getragen wurde, der so oft bei Anderen als Retter in des Leibes Nöthen erschienen war, dem gegenüber aber sich die Kraft jener Wissenschaft, der er so selbstlos gedient, nun als ohnmächtig erwiesen, den schaffens- und strebensfrohen Mann den Seinigen und dem Leben zu erhalten. Die Trauerrede klkng in den Worten Hi ob's aus: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Als nun unter den Klängen von Mendelssohns „Es ist bestimmt in Gottes Rath" der Sarg emporgehoben und zur Gruft geleitet wurde, konnte man erst das sich mächtig entfaltende Trauergefolge überblicken Das Repräsentantenkolleginm der jüdischen Kultusgemeinde war durch eine Reihe seiner hervorragendsten Mitglieder gleichfalls vertreten, während eine große Zahl von Freunden und Verehrern des Dahingeschiedenen aus den verschiedensten bürgerlichen Berufskreisen gleichfalls herbeigeeilt war, um dem edlen, hilfsbereiten Manne das letzte Geleit zu geben. In stummem Schmerz umstanden die Angehörigen tief erschüttert die Gruft, in die der Sarg versenkt wurde, nachdem noch ein letztes Trostgebet gesprochen worden war. Das Andenken des Edlen wird fortleben zum Segen. CA) Berlin, 20. Oktober. Die vereinigten Berliner Bne-Berith Logen haben ein Unternehmen begonnen, welches aller Orten eifrig nachgeahmt zu werden verdient. Sie haben nämlich einen Cyklus von sechs Vorträgen über Geschichte der Juden eröffnet, die Herr Dr. G. Karpeles im Logensaale für die Mitglieder und ihre Familien, sowie für eingeführte Gäste halten wird. Der erste Vortrag fand am 19. d. M. in dem dichtgefüllten Saale der Loge statt. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden, Herrn Adolph Mayer, begann der Vortragende mit einer kurzen Einführung in die jüdische Geschichte und schilderte hierauf die erste Periode von den Anfängen geschichtlicher Kunde bis zum babylonischen Exil. Der zweite Vortrag findet am 4. November statt. Wir zweifeln nicht daran, daß dieses Unternehmen auch in anderen Städten, in Logen und Litteraturvereinen, bald Nachahmung finden und das Interesse für unsere Geschichte neubeleben wird. 22 Berlin, 22. Oktober. Zum Besten der Wohlfahrtseinrichtungen des Israelitischen Heimathhauses, Gormannstraße 3, wird Donnerstag, 31. Oktober, in der Philharmonie ein Konzert veranstaltet, bei dem Mitwirken werden der königl. Kammersänger Bulß, die königl. Sängerin Frau Herzog, die Violinvirtuosin Frl. Baginski, das Philharmonische Orchester unter Leitung seines Dirigenten Professor Mannstädt. Der Bau des Heimathhauses schreitet rüstig vorwärts und wird derselbe wohl bald seiner Bestimmung übergeben werden können. §2 Berlin, 20. Oktober. Am 12. d. M. starb hier die verwittwete Frau Stadtrath Amalie Fürstenheim geb. Speyer, die im Kriegsjahre hervorragenden Antheil an dem Liebeswerk für unsere Krieger genommen hat. Sie erhielt dafür mehrere Auszeichnungen, darunter das eiserne Verdienstkreuz. Die Beerdigung der vortrefflichen und wohlthätigen Frau fand unter zahlreicher Betheiligung am 15. d. M. auf dem Friedhofe in Weißensee statt. F. Spandau, im Oktober. Zwar etwas spät, aber doch hoffentlich nicht zu spät, möchte ich Ihnen noch etwas über die Einweihung unserer Synagoge berichten, über die Sie bisher nur eine kurze Notiz gebracht haben, umsomehr als bei deren Bau die hiesigen Ge-