Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 515 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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515 blickenden Augen, die gebeugte Gestalt tauchte vor ihm auf — er schloß die Augen; ihm graute bei dem Gedanken, die blühende Schönheit seines Kindes in diese ivelken Arme zu legen . . . Aber da klangen ihm die Worte seines Weibes ins Ohr, und die heisere Stimme des Janko — unschlüssig drehte er den Hut in den Händen .. „Inzwischen wird Reb David nur »och älter", sagte Pulverblitz höhnisch. „Geht..." „Verzeiht. . ." Leib suchte sich zu fassen. „Auch ein armer Vater wünscht sich für sein Kind . . ." Er wagte den Satz nicht zu vollenden, da der Andere eine ungeduldige Bewegung mochte. „Ich will heut' nichts entscheiden; meine Chane muß doch ihr Wort niitreden . . . Also David ... Ich hätt' gar nicht gedacht, daß der noch einmal heirathen will!" „Weil Ihr so klug seid! Alle Anderen haben daran gedacht. Das Haus wird ihm eingerannt, und was für Partien! Ich verhandle jetzt für seinen Nathan wegen eines Mädchens in Hussiatyn; sie bekommt zwanzigtausend Gulden mit, der Onkel ist Wunderrabbi. Es geht noch -nicht zusammen — und warum nicht? Weil die Familie lieber den Vater möcht'! Ans Ehre! Warum auch nicht? Kann sich's eine Frau besser wünschen? Und was sind Siebenzig, wenn man so ist wie er? Gegen ihn bin ich ein Greis! Aber Reb David sagt: „Rein," sagt er, „die Hussiatynerin ist für mich zu leicht," sagt er, „wozu brauche ich noch niehr Geld — wenn ich mich noch einmal dazu entschließe, soll es ein schönes schweres Mädchen sein." Darum habe ich an Eure Tochter gedacht. Aber statt vor Freuden zu weinen, sagt Ihr — ich mag's nicht wiederholen . . . Uebrigens, wahrscheinlich hätt' er mich ohnehin hinausgeworfen — Grund genug hätt' er dazu!" „Welchen Grund?" fragte der Schünkwirtb gekrankt. „Denkt an Eure Pacht! Er heirathet ja Euch und Euer Weib »nt! Und wenn auch nicht — kann ein Mann, wie er, nicht auch noch Geld verlangen, selbst wenn es ein schweres Mädchen ist? Und seid Ihr etwa aus einer frommen Familie?" „Das bin ich!", erwiederte Leib eifrig. „Mein Urgroßvater war „Gabe" (Gehilfe) bei einem Rabbi!" Pulverblitz lachte höhnisch auf. „Und Euer Großvater? Euer Vater? Ihr? Habt Ihr je Talmud gelernt? Den Bauern Schnaps verkaufen kann ein Bauer auch! . . Aber was red' ich da noch viel! Es war eben eine Dummheit von mir! Was, wird er sagen, Leib's Tochter — ei» Mädchen vom Dorf?" „Das ist doch keine Schande", sagte Leib. „Aber nicht angenehm! Kann sie ein großes Hans führen, die Kinder erziehen? Hat sie von den Bauern gelernt, mit den Leuten zu reden? Und dabei denk' ich noch gar nicht daran, daß auf dem Dorf manchmal was geschieht . . ." „Was?" stieß Leib erschreckt und darum überlaut hervor. „Schreit nicht so! Ich sag' Eurer Tochter nichts nach. Aber manchmal geschieht da wirklich was, Gottlob sehr selten, aber wenn nur in hundert Jahren einmal, so muß man's doch auch mit bedenken." „Was?" wiederholte der Kleine heiser; ihn« war's, als drehe sich plötzlich die Stube und der dicke runde Mensch da um ihn her. Der Vermittler hielt's für Entrüstung und lenkte ein. „Wie gesagt, so was sollt' man bei keinem jüdischen Kinde für möglich halten, und Gott bewahr' mich, so an Eure Tochter zu denken, aber die Partie, die ich eben zusammengebracht Hab' . . . Wißt Ihr, wer die Leut' sind? Der Vater der Braut ist ein reicher Holzhündler aus Sniatyn und hat für die neue Bahn von Lemberg ach Czernowitz die Schwellen überiiounnen. Also — darum zieht r im vorigen Herbst, damit er die Arbeit selbst überwachen kann, in's Dorf neben seinem Wald. Und heut'?! Heut' muß er sich Rüben, den Fuhrmann, um tausend Gulden znm Schwiegersohn kaufen, damit die älteste Tochter zil ihrem Kind einen Manu hat. Sie hat — denkt nur! — mit einem Förster eine Liebschaft angefangen! Dabei ist noch das Glück für den Vater, daß Reb David Münzer bei dem Geschäft betheiligt ist; im nächsten Frühjahr wird ja die Bahn hier gebaut; er kommt her, Reb David empfiehlt ihn mir. Kein „Schadchen" in ganz Polen hat ihm Hilfe gewußt; ich natürlich hab's fertig gebracht. Denn was bring' ich nicht fertig? Ich lob' mich doch gewiß nicht gern, aber das muß ich sagen . . ." Und nun folgte ausführlich, was Mendele Pulverblitz, trotz seiner Abneigung gegen Selbstlob, über sich sagen mußte, rmd das war gut für den armen Leib Weihnachtskuchen. Er konnte inzwischen sein Entsetzen so weit bemeistern, daß der Andere nichts davon gewahrte. Aber klar zu denken, einen Entschuß zu fassen, war ihm nicht möglich. Mit einem kurzen Gruß stürzte er ab. (Fortsetzung folgt.) Litterarische Mrttheilungen. — William Zeitlin: Bibliotheca Hebraica Post-Mendelssohniana. Leipzig 1891-95. 2. Bde. K. F. Koehler. Dieses werthvolle bibliographische Handbuch der neuhebräischen Litteratur vom Beginn der Mendelssohnsichen Epoche bis zum Jahre 1890 liegt nunmehr in zwei abgeschlossenen Bänden vor uns. Wer mit den Schwierigkeiten einer solchen Bibliographie nur einigermaßen vertraut ist, wird dem Herausgeber dieses Werkes seine aufrichtige Anerkennung nicht versagen dürfen. Es gehörte ein ungeheurer Sammelfleiß, eine große Liebe zur Sache und eine genaue Kenntniß des einschlägigen Schristthums dazu, um ein solches Werk zu Stande zu bringen, das nicht nur die Schriften und Schriftsteller, sondern auch eine Fülle biographischer und bibliographischer Notizen enthält. Es ist hier natürlich nicht der Ort, um auf Einzelheiten einzugehen, wie verlockend dieses auch wäre. Wir können hier nur einen Blick auf das Gesammtbild werfen, welches sich uns jetzt erst durch dieses uns nun fortan unentbehrliche Handbuch in voller Klarheit aufgeht. Dieses Bild zeigt uns die Renaissance der hebräischen Sprache in diesem Jahrhundert, hauptsächlich in den Ländern des Ostens, wo sie der geringeren allgemeinen Kultur gegenüber ein wahrhaft förderndes Bildungselement geworden ist. Fast 2000 Schriftsteller sind in diesem Werke verzeichnet, die die hebräische Sprache mit einer außerordentlichen Virtuosität behandeln, in dieser allgemeine Kenntnisse verbreiten, die Fortschritte der Wissenschaften durch selbstständige Uebersetzungen nutzbar machen und vor Allem eine Neublüthe der Poesie und schönen Litteratur gefördert haben, welche diese unmittelbar der klassischen Periode anreiht. Darüber hinaus aber wird dieses bibliographische Handbuch ein unentbehrlicher Führer für alle diejenigen sein, welche sich mit der neuhebräischen Litteratur nach wissenschaftlicher Richtung hin zu beschäftigen haben. ---- Israelitischer Volks-Kalender für das Jahr 1896 — 5656. Verlag von Hugo Schildberger, Berlin NW. 23. Jahrgang IH. Druck und Papier dieses bereits im dritten Jahrgang erscheinenden Volks-Kalenders, welcher von der den Lesern dieses gesch. Blattes gewiß nicht unbekannten Verlagsfirma herausgegeben, kann, abgesehen von einigen Satzfehlern im hebräischen Texte, die bei größerer Sorgfalt hätten vermieden werden können, als vorzüglich bezeichnet werden. Der Text, welcher sich dem deutschen und hebräischen Kalendarium anschließt enthält zwei Erzählungen von Dr. Heinrich Loewe, dem Redakteur der Zeitschrift „Zion", und einen Artikel von W. Josephsohn, welcher Ideen zur Kolonisation Palästinas bringt. In diesem wird die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Ausbeutung der Landesprodukte durch Export und zur Begründung von Seiden-, Wollen-, Baumwollenwebereien, Mühlen, Oelschlägereien, Seifenfabriken, Mattenflechtereien, Drechslereien und Kunstschnitzereien re. in Vorschlag gebracht. Es sei alsdann auch Aufgabe dieser Aktiengesellschaft, die nöthigen Absatzgebiete zum Export