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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-25 · Heft 43 (25.10.1895) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 514 (sequence 12)
Language
German
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514 Schon sechzehn?! . . . Etwas spät, warum hobt Ihr so lang gewartet? . . . Aber was frag' ich da, ich weiß es ohnehin! ... Da seid Ihr da draußen gesessen lind habt gewartet, ob nicht Gott doch vielleicht ein Stückchen Mitgift vom Himmel henuiterfallen läßt!.'.. Aber das thut Gott selten, Reb Leib, man muß sie selbst verdienen. Nun, ich will Euch keine Vorwürfe machen, Ihr plagt Euch genug!" Unaufhaltsam strömte die Rede; der Mund wurde, je mehr sich das Schüsselchen mit den Beeren leerte, immer schwärzer. „Also, daß cs schwer sein wird, wißt Ihr. . . Aber seid gegetrost, ich mach's; wenn Einer, so ich. . . Glatte Sache» kann jeder Esel zusammeubringen; ich plag' mich gern. . . Die Verlobung, die eben hier unterschrieben worden ist" — er schlug auf den Tisch — „die bringt auch außer Mendele Schadchen kein Mensch in ganz Polen fertig. . . Also, verlaßt Euch auf mich! Aber — was krieg ich?!" Leib fuhr zusammen. »Je — je nach der Partie," sagte er dann stotternd. Mendele lachte hell ans. „Natürlich, je nachdem ich Euch einen jüdischen Prinzen schaff' oder nur den Sohn von Moses Montesiore." Der Name des englischen Philantropen ist jedem Juden des Ostens geläufig; er gilt als die Verkörperung des Ruhms und Reichthums. . . „Unsinn." sagte er dann scharf. „Wollt Ihr zehn Gulden geben oder nicht?" „Reb Mendele," ivollte der Kleine eine längere Rede beginnen. „Ja oder nein!" Der Verniittler hatte sich erhoben, er konnte auch sehr kurz sein, wenn es ihm paßte. Leib fuhr wieder zusammen. „Ja," seufzte er. „Schön. Abgemacht. Nach der Verlobung zahlbar. Und nun — was wollt Ihr mitgeben?" Wieder seufzte der Schünkwirth auf und begann dann schüchtern und weitläufig seinen Plan zu entwickeln, den Eidam für einige Jahre ins Haus zu nehmen. „Unsinn," schnitt ihm der Andere die Rede entzwei. „Ihr werdet ja selbst iveggcjagt, hör' ich. Und wenn nicht, wer wird mit Euch hungern wollen? Solches Gesindel, das sich darauf einließe, kennt Mendele Schadchen gar nicht. War' das der einzige Weg, ich hätt' Euch gleich fortgeschickt. Aber ich kenn' Euer Kind, weiß, daß es Gottlob schwer und gesund ist und Hab' darum eine bessere Hoffnung. Wir müssen einen finden, der nichts von Euch verlangt und sogar die Ausstattung bezahlt." Dem Kleinen wurde bang. „Aber brav muß er sein," sagte er zaghaft. „Und gesund, und nicht zu alt. . ." „Natürlich! Da weiß ich Euch gleich einen, der ist siebzehn Jahr alt, gesund wie ein Bür — und daß der noch nie eine Lüge im Leben gesprochen hat, dafür leg' ich die Hand ins Feuer. . Der Sohn von Reb Srnlze. Dnbs schreiben sie sich mit dem deutschen Namen. . ." „Der?!" rief Leib entsetzt. „Der Jung' ist ja taubstumm blödsinnig!" „Bewahre! Wenn Ihr wüßtet, wie gescheidt der ist! Antworten giebt der —" „Er kann ja nicht reden!" „Ich mein': mit den Hände». . . Und hinter den Mädchen ist. er schon her, als ob er dreißig wär'. . . Aber wenn er Euch zu dumm ist, ich weiß einen Klügeren. Ter kann sogar deutsch lesen und schreiben, steckt die ganze Gemeinde in den Sack! Freilich ein Wittwer mit zwei Kindern, aber erst dreißig, hat sein Auskommen als Winkelschreiber. . ." „Ihr meint doch nicht Avrumele Sturm?" „Wen sonst?! früher hat er sich ein paar Jahr Albert Sturm genannt, aber jetzt will er wieder ein ehrlicher Avrumele sein und bleiben. . . Was glotzt Ihr mich so an? Weil er wegen eines Mißverständnisses einige Monate —" „Es waren drei Jahre und wegen schweren Betruges. Sein armes Weib hat die Schande unter die Erd' gebracht!" „Nnn, das ginge doch Euer Kind nichts an. Auch schwört Avrumele, der Staatsanwalt hat die Sach' nicht verstanden, weil er kein Geschäftsmann ist. Kann denn das nicht wahr sein, muß ein Staatsanwalt ein Geschäftsmann sein?! Aber meinetwegen, ich weiß Euch noch einen Dritten. Da aber werdet Ihr nichts mehr sage», gar nichts mehr, als: „Reb Mendele, ich dank' Euch". . . Versteht Ihr?!" „Laßt hören," bat der Kleine. ' Mendele erhob sich feierlich; Leib that es ihm in seiner angstvollen Spannung unwillkürlich nach. „Setzt Euch," sagte Mendele, „Ihr seid ein schwächer Mann, die Freud' fährt Euch sonst in die Beine!" Dann deutete er durch's offene Fenster in die Dämmerung hinaus. „Der dort." Der Kleine blickte in die Richtung, wohin die Hand 'wies. Draußen wälzte der Dniester seine mächtigen Wellen von den Karpathen her in die Ebene hinein. Jenseit des Fluffes schimmerte ans einem großen Bau, dessen Umrisse im Dunkel verschwamme«, der Schein mehrerer Lichter .... „Die Danipssäge?!" stieß er athemlos hervor. „Reb David Münzers Nathan? . . . Das wär ein Glück. . . ein Glück!" Die Stimme versagte ihm. „Nun?!" rief Mendele triumphirend. „Was aber werdet Ihr erst sagen, wenn Ihr hört, daß das Glück noch gröber ist, als Ihr glaubt? Es ist nicht der Sohn, sondern der Vater selbst . . . Reb David Münzer!" — er betonte jede Silbe und ließ sie gleichsam auf der Zunge zerfließen, wie ein köstliches Gericht. Leib wich entsetzt zurück. „Der Greis? . . . Das geht nicht!" Mendele wandte sich jählings um. „Wa — as?" rief er lauagedehnt »nd legte die Hand aus Ohr, als zweifelte er, recht gehört 31t haben. „Seid Ihr —" die Stimme schien ihm vor maßlosem Staunen zu stocken. „Aber so bedenkt doch", sagte Leib schüchtern, „er ist vielleicht um sechzig Jahr älter als mein Mirianichen . . ." „Uni hundert!" rief der Vermittler und warf die Arme in die Luft. „Hast Du's gehört, Beile?!" wandte er sich dann an sein Weib („Beile", die korrumpierte Form für „Bella"). „Leib der Schänker sagt Nein, wenn ich ihm Reb David Münzer für seine Tochter anbiete . . . Gnt, daß ich eine Zeugin Hab', sonst glaubt mir's Niemand!" „Geschieht Dir recht!" klang es aus dem Nebenzimmer zurück. „Wirf ihir hinaus!" Pnlverblitz nickte. „Wenn das nicht geht," wandte er sich, plötzlich kalt und ruhig, au den Kleinen, „so geht Ihr und werdet mir nie wiederkommen. Mit Verrückten Hab' ich nicht gern was zu tl)iiii. Was Ihr seid, wißt Ihr, — was aber ist Reb David? Der reichste Mann in Halicz, fromm, angesehen, tüchtig, — so eine Dampfsäge findet man in ganz Polen nicht? .. Lebt wohl, Reb Leib!" Der Kleine stand verwirrt da; in seinem Hirn kreuzten sich die Gedanken. David Münzer war wirklich all das, was ihm Mendele uachrühmte, auch für seine Jahre noch leidlich rüstig, aber doch mindestens siebeuzig, auch kürzlich zum dritten Mal verwittwet; fünf Kinder lebten »och im Hanse . . Das verwitterte Antlitz des Greises mit den trüben, ans den schweren, gerötheten Lidern müde hervor-

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