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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-25 · Heft 43 (25.10.1895) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 513 (sequence 11)
Language
German
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galt Conegliano, der in seinen Berichten an den Senat den nunmehr nnaufhaktsamen Verfall der Türkei schilderte, mir als Scheinkönig. Conegliano war in seiner Ueberzeugung von der Rnhebedürftigkeit der Türkei nicht zn erschüttern. Zwischen dem französischen Botschafter, Marquis de Castagnöres, und ihm bestand das beste Verhältnis;. Venedig war vor Alleinsein Handelsstaat, und selbst während des Krieges war die Einfuhr der heimischen Maaren in die türkischen Häfen, und .sei es auch unter französischer Flagge, die stete Sorge der Signorie. Erst gegen Anfang des Jahres 1093 war es mit dem französischen Patronate vorbei. Aus Paris erhielt der Botschafter dann im Oktober 1093 die Weisung, alle venezianischen Inden ans dem Schutze Frankreichs zu entlassen. Das bedeutete für die Juden inchls Geringeres als Gefährdung ihres Lebens und den Verlust ihrer Güter. Conegliano hätte für sich selbst nichts zu befürchten gehabt, allein da die Maßregel seine schutzlosen Brüder zu verderben drohte, ging er sofort nach Adrianopel. Dorthin brachte ihm auch ein Eilbote die Nachricht, der Kapndanpascha Jnsuf habe vier jüdische Unterthanen Venedigs ins Gefüngniß werfen lassen. Durch die französische Botschaft erging der Befehl, daß die Venezianer und ihre Schiffe sich zur Entfernung aus dem Lande bereit zu halten hätten, an alle Häfen der Türkei. Mit Mühe erwirkte Conegliano, eine» Aufschub von 2 Monaten. Ende Juni 1694 sah Conegliano um Ertverb und Vermögen gebracht, die Heimath wieder. Der alte Vertranensinaun Venedigs sollte sich indes; in Folge der Schlacht von Zenta bald wieder in sein altes Amt eingesetzt sehen. Am 23. August 1098 erhielt er nach Beschluß des Senates vom Dogen selber die Weisung, dem Botschaft er Ruzzini seine Talente znm Verkehr mit den mit den Friedensverhandlungen betrauten Bevoümüchtigten der Türkei zur Verfügung zu stellen. Sein Gehalt sollte dasselbe sein wie früher. Als Reisegeld wurden 300 Dukaten bewilligt. Das nächste Reiseziel war Wien. Unter den Juden in Wien mag es wie ein Wunder angestaunt worden sein, das unter den amtlichen Gästen, die der bevorstehende Weltfriede in die Hauptstadt führte, einer ihrer Glaubensgenossen zu sehen war. Mit welchem Befremden von Seiten der Bevollmächtigten selbst das Erscheinen Conegliano's an der Seite des venetianischen Botschafters betrachtet wurde, dafür hat sich ein beredtes Zellgniß erhalten, daß unter dem 10. Oktober 1098 über die ans dem Gebiete von Carlowitz stattfindenden Verhandlungen berichtete: „Das Mittagmahl haben beide kaiserliche Gesandte bei dein Venezianischen eingenommen, und Ware etwas selzanibes, daß in derer Geseüschaft sich der jüdische Medicus bei der Tafel mit eingefunden hat." Am 20. Januar 1099 zogen die Bevollmächtigten zum Konferenzhanse, wo erst das kaiserliche, dann das polnische Friedensinstrnment, sowie der venetianische Jnterimsvertrag verlesen und durch den Austausch des Friedenskusses besiegelt wurden. Dem Erdtheile war der langentbehrte Frieden iviedergegeben. Nachdem die Signoria den Vortrag mit ratifizirt hatte, ivurde in der Finalrelatioil des Botschafters auch Conegliano's gedacht. In Anerkennnng der geleisteten Dienste fertigte der Doge Aloysius Mocenigo am 5. Mürz 1701 der Familie Conegliano die Erlnubniß zur Aussetzung des „schwarzen Hutes" aus. Die Juden mußten sonst gelbe Hüte tragen. Daß in Wahrheit in dieser scheinbar so lächerlich geringfügigen Bewilligung eine Art Ehrenbürgerrecht verliehen wurde, betveist die Pracht, mit der die Urkunde, welche sich im Besitze des Herrn Albert Wolf in Dresden befindet, ausgestattet tvurde. Die 03 x 42 Centimeter messende Pergamenturknnde ist mit dem silbernen^Siegel des Dogen versehen. Herrliches, in Gold gezeichnetes Rankenwerk nmgiebt die Urkunde, an deren Spitze der geflügelte Löwe von S. Marco prangt. — Israel Conegliano machte indeß von dem „schlvarzen Hut" keinen Gebrauch. Auf Wunsch des Kanzlers Kami Mnhammed Esendi begab er sich wieder nach Konstgntinopel. Der wahre Genuß des bevorzugten Schutzes der Republik Venedig blieb seinem Bruder Salomo. Dieser ließ im Jahre 1709 seines Freundes, Dr. Tobia Cohen in Adrianopel, Encyklopädie der Metaphysie und Naturwissenschaft in Venedig drucke». Diese Ausgabe ist ein Ehrenzeugniß für Salomo's Gewandtheit im Gebrauch der hebräischen Sprache geworden. Tobia Cohen starb, nachdem er seine ärztliche Praxis in der Türkei anfgegeben, in Jerusalem. Wenn man in der staatsmännischen Begabung die Blüthe abgerundeter Bildung erblickt, so war Israel Conegliano der größte unter all' den hier genannte» jüdischen Aerzten. Aus der durch Professor Kaufmann mit so großem Fleiß und ebenso großen; Geschick in der Auffassung und Darstellung ans Licht gezogenen Geschichte seines Lebens sehen wir wiederum, daß Juden im Geschäfte der Staaten nicht blos durch Vorschüsse und Lieferungen thätig gewesen sind, sondern daß selbst das Ghetto ihre höhere Begabung nicht unterdrückte und das; in erlesenen Geistern die Vaterlandsliebe ganz unabhängig von Wohlthaten oder Beleidigungen ist. Ein Strahl weltgeschichtlichen Lichtes umgiebt Israel Conegliano. ( fäaUMMMJ tMIWWWII w MIlMMMIIMMMMMMnIMMMIMWM.MWIMsiMMMlMWMM' -1 1- * 1 FEUILLETON g 8 st MllMlMMllMMMIMMMHMMMüUMWMIlllMMMltlMMMllMIWllMM MIMiWiMIIIMMMIlMWIMunIMMMIMiIMMIMnMMwMMMWmMMliM -| 1—i iiiimlWImzAi 1-» Leib Meihnachtslmchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) ls Leib sich dem Hause näherte, traten eben mehrere Leute aus der Thüre. Leib hatte sich nicht geirrt: es war die Schneiderswittwe und ihr Sohn Rüben. Die beiden Anderen, ein älteres Ehepaar, kannte er nicht; es mußten wohl Dorfjuden sei»; der Mann trug eine Pelzmütze, die Frau ein bäuerliches Kopftuch. Noch auf der Straße setzten die beide» Parteien ihren Streit fort nnd gingen dann ohne Gruß auseinander. „Oh weh!" dachte Leib, „da wird Mendele schlechter SJmtiie sein, das Geschäft scheint ihm nicht geglückt." Aber als er eintrat, rief ihm wohl die Frau entgegen: „Gottlob, daß Ihr uns den Verdienst »och heut ins Haus bringt; ich hätte sonst vor Angst nicht schlafe» können!" —Mendele aber, der über das ganze Gesicht strahlte, bewillkonunte ihn freundlich. Mendele Pnlverblitz war ein noch junger Mann, kaum dreißig, aber er hatte das Geschäft des Vaters früh übernommen und galt .nun als der tüchtigste „Schadchen" der Gegend. Das rothe, breite, fröhliche Gesicht war sehr vertrauenerweckend, seine Geduld und sein Redefluß unerschöpflich; die Natur selbst schien ihn für seinen Beruf bestimmt zn haben. Vielleicht auch hatte sie sich bei seiner Erschaffung für die des Moses Erdkugel entschädigen wolle»; bestand dieser aus lauter Ecke», so er ans lauter Rundungen; nicht blos Gesicht und Gestalt, auch die munteren Aeuglein, die Knollennase »nd das Kinn waren rund, sogar der kurze, wulstige Mund, der jetzt, wo er eben^Heidelbeeren aß, >vie eine Tollkirsche aus dem Gesicht hervorstand. „Setzt Euch, Reb Leib, setzt Euch," sagte er freundlich, ohne sich im Essen zu unterbreche». „Ich muß mir erst wieder die Kehl' an- ^euchten — was Hab' ich da zu reden gehabt! . . . Also, mein Weib hat mir schon gesagt, warum Ihr kommt. Wie alt ist das Kind?!

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