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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-25 · Heft 43 (25.10.1895) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 512 (sequence 10)
Language
German
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512 genommen, den Juden ihre Thore verschlossen. Aus allen Hinnnelsgegenden, auch aus Polen und Deutschland, wallfahrteten jüdische Mediziner nach Padua. Die venezianische Republik verdankte deii jüdischen Aerzten, ivelchc sich in Italien gebildet hatten und dann nach der Türkei gegangen waren, schon manchen wichtigen Dienst'. Keiner aber hat sich zu einer solchen Höhe der Vertrauensstellung bei ihr anfgeschwungen als der Arzt Dr. Israel Coneglianö, der seine einflußreiche Stellung bei den ersten Würdenträgern beider Reiche fast ununterbrochen zu erhalten verstand. Die Familie Conegliano, der der gelehrte Professor Dr. David Kaufmann neuerdings eine ausgezeichnete Monographie gewidmet hatH, soll übrigens noch Mozart den Librettisten seines Don Juan geliefert haben, denn Emanuel Conegliano ans Ceneda war der Name des viel umhergetriebenen Mannes, der erst, als er das Jndenthum verließ, sich Lorenzo da Ponte nannte. Die Coneglianos (hebräisch Coniar) haben ihren Namen früh zu Ehre und Ansehen gebracht. An der Schwelle des 17. Jahrhunderts ist die Familie bereits in der jüdischen Litteratur vertreten. Eine kleine handschriftliche hebräische Briessamnilnng führt uns in das jüdische Patrizierhaus Jnimannel b. Israel Coneglianos in Ceneda in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Der kleine Israel weiß seiner Mutter Diamante keine höhere Freude zu bereite», als daß er ihr die geringfügigen Vorkommnisse seines Schullebens in zierlichem Hebräisch mittheilt. Die eigentlichen Begründer des Nachruhms der Familie sind die Söhne des Josef b. Jehuda Conegliano in Padua, die, wie zu einem Vorbilde, zu ihrem Oheim, Schemarja den Jehuda, einporblickten, der im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts an der Spitze des Rabbinates von Padua stand. Am 22. Januar 1660 wurde der älteste Sohn Josefs, Salomo Conegliano, kaum 20 Jahre alt, im Collegio Veneto seiner Vaterstadt als Doktor der Philosophie und Medizin gekrönt. Seinem jüngeren Bruder, Israel, wurde am 8. Juni 1673 zum Theil »och von denselben Männern der Doktorgrad der Medizin und Philosophie verliehen. Man tvar damals in türkischen Landen gewohnt, die Aerzte aus Venedig zu beziehen. Auch Alexander Maurococdato, der aber 1673 zu der Stelle des Groß-Dragomans an der Pforte emporrückte, hatte in Padua stndirt. 1675 eröffnete Israel Conegliano seine ärztliche Wirksamkeit in Konstantinopel lind wurde bald Arzt vieler Großwürdenträger des Reiches. Der Halbmond war bereits stark im Sinken. 1676 war der Friede mit Johann Sobiesky geschlossen worden. SultanMuhammed IV. lebte in entnervendem Sinnentauniel und verließ sich ganz auf seinen Großvezier mtb Schwiegersohn, Kara Mustafa. Auf den Wunsch Mustafa's begab sich Conegliano 1681 nach Venedig, um die ersten Aerzte der Universität Padua und der Hauptstadt zu einer schriftlichen Meinungsäußerung in Betreff eines Leidens dieses Schwiegersohnes des Sultans zu veranlassen. Diesen Zeitpunkt hielt Donato, der seit 1680 Gesandter Venedigs in Konstantinopel war, für gekommen, um dem Senate vorzuschlagen, sich Conegliano's als Vertrauensmann zu versichern. Die Stellung als außerordentlicher Arzt der Gesandtschaft in Konstantinopel sollte das Mittel sein, um Conegliano dauernd an das Interesse der Republik zu knüpfe». Mit einem Geleitschreiben des Dogen Luigi Coutarini schiffte sich Conegliano 1682 »ach Konstantinopel ein. Unaufhaltsam, wie eine Sturmfluth, hatten die türkischen Kriegsvölker über Ungarn und Oesterreich sich ergossen, Kara Mustafa führte sie im September 1683 vor die Thore Wiens. >) Jahresbericht der Landcs-Rabbinerschule in Budapest: Dr. Israel Conegliano und seine Verdienste um die Republik Venedig bis nach dem Frieden von Carlowitz. Die obige Darstellung folgt gänzlich den Spuren dieser ausgezeichneten Arbeit. Da erschien der Polenkönig Johann Sobiesky als Retter. Als auch Gran gefallen, wurde au Mustafa zu Belgrad der Hinrichtungsbefehl des Sultans vollzogen. Zur gänzlichen Befreiung vom Türkenjoch hatte sich Venedig 1684 mit Oesterreich und Polen zur heiligen Liga vereinigt. Der Krieg >oac erklärt, das Haus der venezianischen Gesandtschaft in Konstantinopel geschlossen, und Conegliano's Mission, kaum begonnen, schien beendet. Offiziell war das auch der Fall. Salomo Conegliano war indes; von den Inquisitoren beauftragt, seinen Bruder auf privatem Wege zu regelmäßiger Berichterstattung zu veranlassen. Am 7. November 1684 konnten im Rathe der Zehn bereits die Briefe gelesen werde», die Israel in der Zeit vom 8. September bis zum 15. Oktober durch Vermittelung Salomo's an den Senat geschrieben hatte, sie ergänzte» seinen früheren Befund und seine Vorhersage über die Krankheit der Türkei. Professor Kaufmann bemerkt von den Relationen und diplomatischen Depeschen Israel Conegliano's, die sich bis auf unsere Zeit herübergerettet haben, daß sie von der Schürfe seiner Beobachtung und von der Höhe seiner staatsmünnischen Kunst Zeugniß ablegen. Die Aufgabe war nicht leicht »ud^wnrde in der Folge dadurch noch erschwert, daß er von Venedig im entscheidende» Augenblick fast fallen gelassen wurde. Für die Türken war ohnehin Conegliano halb im Scherz, halb im Ernst ein Spion Venedigs. Es war die Zeit, da der französische Einflus; in Konstantinopel zu wachsen begann. Inzwischen führte der Oberbefehlshaber Venedigs, Francesco Morosini, das Banner von S. Marco von Sieg zn Sieg, der Peloponnes sivurde eine Provinz der Republik Venedig. Als sollten die Osmanen bald mt§ Europa herausgefegt sein, verloren sie einen Stützpunkt »ach dem andern. Gleich dem Tage von Wien galt der 2. September 1686, au dem Ofen fiel, als ein Feiertag für die europäische Welt. Jedes Opfer von außen forderte neue im Innern. Muhammed IV. war schwach genug, zuletzt auch noch in die Hinrichtung seines Großvezirs Soliman Pascha zu willigen, bis er am 8. November 1687 selbst vom Throne gestoßen wurde, auf dem ihn 39 Jahre das Schicksal z;un Verderben seiner Völker geduldet hatte. — Israel Conegliano war all' die schreckensvollen Jahre fest und unentwegt in Konstantinopel auf seinem Posten verblieben. Unbesoldet und ohne f amtliche Verpflichtung war er stillschweigend,!vie in den ersten 7 Jahren der Vertrauensmann der Republik Venedig. Ec hatte seinen Bruder Jehuda, genannt Leo, aus Padua nach Konstantinopel kommen lassen, um seiner Findigkeit sich zu bedienen. Der vorzeitige Tod seiner jungen Gattin rief ihn selbst für einige Zeit »ach Venedig zurück, wo er für die Erziehung seiner zwei unmündigen Knaben Sorge tragen konnte. Er fand bei seinem Bruder Salomo gastliche Aufnahme. Ein schweres Terzianfieber warf ihn für längere Zeit auf das Krankenbett. Es kam die Mitte des Jahres 1690 heran, ehe Israel Conegliano sich zur Rückkehr nach Konstantinopel anschicken konnte. Wie hatte die Weltlage sich verändert, seit er Konstantinopel verlassen hatte! Ein Franzose galt dort jetzt mehr als ein Türke selber. Ludtvig XIV. begann der Liga in den siegreich erhobenen Arm zu fallen, die Friedensverhandlungen, welche die Pforte von Belgrad ans mit Wien augeknüpft hatte, wurden abgebrochen. Für den französischen Botschafter gab es keinen Ausländer, deir er als Freund der Friedensbestrebungen mehr fürchtete, als Conegliano. Schon sprach man davon, daß die Türkei an Frankreich den Schlüssel von Jerusalem ausgeliefert habe. Am 8. Oktober 1690 wurde Belgrad wieder türkisch, und so unaufhaltsam war Mustafa's siegreiches Vordringen, daß man bereits wieder für Wien fürchtete, als am 19. August 1691 Markgraf Ludwig von Baden bei Slankamen den Großvezier mit seinem Heer aufs Haupt schlug. Der neue Sultan Ahmed II.

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