Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 511 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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511 her wenig freundlich :lt, wenn inr durch religiöser werden, lidarität" Menschen ft halten. Jude ist Spezies, nse seines hl wurde t an einsondern »> wußte da man ausgesetzt ein, daß d liebenssedern so dewesens, eit wäre, wenn sie lch nach- :rt!0 nur der Erreligiösen Sonst solchen, eben auf. öensweise i sie eine jüdische, ch in der ige Leben dem der Gemeinde religiöse espektiren obachte», kommen, >ir selbst t machen i könnte, t, durch >lt wohlmde, all' bsicht die r Volksrießliches utzutageative bes Bohlst? Ich daß in existiren. Man darf nicht vergessen, daß wir nicht die vielen abhängigen Beamten haben, denen von autoritativer Seite das Beispiel gegeben wird, die Religion 31t achten. Die einzige Möglichkeit, auf die Moral und die Sittlichkeit unter den Juden zu wirken, wäre vielleicht die Kanzel. Aber es besteht für keinen Juden der Zwang, die Synagoge zu besuchen und die die Predigt anzuhören, noch viel weniger, das Gehörte zu beherzigen. Dazu kommt noch der große Mißstand, daß der jüdische Prediger viel zu viel von der Gemeinde abhängig ist. ein sehr wunder Punkt des modernen Judenthnms, den wir lieber nicht berühren wollen. Wie soll da von der Kanzel aus mehr als guter Rath und allgemein gehaltene Ermahnungen erwartet werden? Von feindlicher Seite wird die Sache so dargestellt, als ob das Judenthum eine Aktiengesellschaft auf gemeinsame Ausbeutung der Christen wäre. Nun, mit dieser toll gewordenen Bestie im Menschen wollen wir nicht rechten, da jedes Wort unnütz verschwendet wäre; aber die über klugen Freunde, die so weise den Kopf schütteln und auf unliebsame Erscheinnngeu innerhalb der Judenheit Hinweisen, mögen sich selbst fragen, ob denn die sittlich hochstehenden Juden derartige Erscheinungen nicht aufs Tiefste schmerzen? Und dazu ist ihr Schmerz um so größer, als sie, die sie jene Ausschreitung aufs Entschiedenste verurtheilen, unter dem gehässigen Borurtheil zu leide» haben, die Inden solidarisch für einander verantwortlich zu machen, wo in der Wirklichkeit keine Solidarität vorhanden ist. Der edle Auerbach, der ans ein Leben voll edlen Denkens »nd Fühlens in dem Dienste des deutschen Volkes zurückblicken konnte, der auf Veredelung der Sitten und der Moral sein Leben lang gewirkt, der das Beste gewollt und erstrebt hat, mußte sich am Ende einer ehrenvollen dichterischen Laufbahn sagen lassen, daß er für den Börsenjobber, Schwindler und Betrüger verantwortlich sei und deshalb beschimpft werden dürfe. Und das thaten nicht allein jene schmutzigen Schreier, welche den deutschen Namen schänden, sondern all' die, welche mit der dumme» Phrase kommen: Aber Etwas sei doch dabei. — Mag dabei Etwas oder Viel sein; nie ist das Judenthum und nie sind die Inden als solche dabei. Die brutalen Vorurtheile gegen ganze Stämme und Völker sind geschichtlich ein Rudiment der heidnischen Anschauung aus jener Zeit, als Griechen und Römer mit unsäglicher Verachtung von den „Barbaren" sprachen, während im Jndenthum die Idee von der Einheit des Menschengeschlechts herrschte, eine Idee, welche vom wissenschaftlichen Standpunkte anfechtbar sein kann, in der Judenheit aber ethisch erziehlich wirkte. „Warum ließ der Schöpfer die ganze Menschheit von einem Paar abstammen? — lautet ein Mischnahspruch —; damit sich nicht der Eine für bester halte als der Andere." Als vor einiger Zeit der Streit wegen des Heinrich Heine-Denkmals entstand, da konnte man hören, in diesem Dichter sei der jüdisch-zersetzende Geist verkörpert, und alles Schlechte an ihm sei jüdische Unart gewesen. Natürlich will ich keine Apologie auf Heinrich Heine schreiben; aber merkwürdig will es mir erscheinen, daß von keiner Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, daß Heines „Frivolität" — was man so nennt — gerade von gesinnungstüchtigen Juden am meisten und am entschiedensten vernrtheilt worden ist. Von Börne will ich schweigen; den lasten mir die „teutschen" Patrioten nicht gelten. Aberder edle Moses Moser, der Dichter Michael Beer, Gabriel Rießer und später auch Berthold Auerbach fühlten sich in ihrer innerste» Natur von Heine abgestoßen, trotz neidloser Anerkennung seines dichterischen Genies. Von diesen Inden, welche allerdings genannt zu werden verdienen, wird keine Notiz genommen, sondern im Pansch und Bog n behauptet, Heinrich Heine sei der Judendichter und verdanke seinen Ruhm der jüdischen Reklame, obwohl X_ der Dichter selbst mit Recht über Anfeindung von jüdischer Seite bitter zu klagen pflegte. Man kann ein Volk im Allgemeinen beschuldigen, wenn in demselben keine guten Gesetze herrschen oder diese nicht respektirt werden. Wir sprechen über die schlechten Sitten mancher südamerikanischen Staaten, wo statt Recht und Gesetz Gesetzlosigkeit und Willkür herrschen. Auch da muß inan mit dem Urtheil vorsichtig sein, weil es doch immerhin noch eine Minorität oder selbst eine vergewaltigte Majorität geben kann, die mit dem Unrecht nicht einverstanden ist. Innerhalb dör Judenheit, wo überhaupt kein politischer oder auch nur ein sozialer Verband mehr vorhanden ist, wo jede Solidarität aufgehört hat, kann jedenfalls von Gesammtfehlern und Lastern keine Rede sein. Sehr human lautet ein talmndischer Spruch: „Gott mache Diejenigen für die Mistethaten ihrer Mitbürger verantwortlich, welche dem Bösen steuern könne», es aber unterlassen." So lange es eine „jüdische Solidarität" gegeben, hat diese ihre Schuldigkeit in unvergleichlicher Weise gethan und unvergleichliche Erfolge erzielt. Ihr ist es zu verdanken, daß gerade im rohe» und finstern Mittelalter, in dem die Juden wie die wilde» Thiere von Ort zu Ort gehetzt wurden, daß gerade in jener Zeit der materiellen Noth das Judenthum sittlich und geistig eine ungemein hohe Stufe eingenommen hat. Das heutzutage von einer „jüdischen Solidarität" nicht mehr die Rede sein kann, wird jeder logisch Denkende zugebe». Freilich soll damit nicht gesagt iverden, daß es nicht besser wäre, wenn es noch jetzt eine gäbe. Gin jüdischer Arzt als Staatsmann in Konstantinopel. Von M. Friedeberg. on Karl dem Großen bis auf Franz I., der sich einen jüdischen Arzt von Karl V. erbat, gab es kaum einen Fürsten, der nicht einen jüdische» Leibarzt an seinem Hofe gehabt hätte. War schon in andern Ländern das den Inden allein unter alle» östentlichen Wistenssächern eingeräunite Studium der Medizin der einzige Weg, der aus dem Ghetto heransführte und eine wirksame Bekämpfung eingefleischter Vorurtheile ermöglichte, so war in der Türkei vollends der ärztliche Beruf der Eingang selbst zur Staatskunst. Wer zum Leibarzte der Würdenträger des Sultans ansersehen war, der hatte damit auch die Hand auf den Puls der östentlichen Angelegenheiten gelegt. So war im 16. Jahrhundert Salomo den Nathan Aschkenasi aus Udinc Arzt des Großveziers am Hofe Setims II. geworden und bekleidete später unter besten Nachfolgern dastelbe Amt. Der Friedensschluß der Türkei mit Venedig ivird wesentlich auf seine diplomatische Tüchtigkeit zurückgeführt. In Italien war dagegen die Stellung der jüdischen Aerzte während des 15. und 16. Jahrhunderts großen Schwankungen unterworfen. Die Päpste benutzten nicht selten ihre große Macht, um der Intoleranz deir Weg zu weisen. Paul IV. verbot 1555 den jüdischen Aerzten, zu christlichen Kranken zu gehen, selbst wen» sie gerufen würden. Ein jüdischer Arzt, David de Poinis, veröffentlichte 1588 eine „Bertheidigung des jüdischen Arztes" und sodann eine Abhandlung über die Republik Venedig, wodurch er der Republik, die ihm ein Asyl in seinem Greisenalter gewährte, seine Dankbarkeit bezeugen wollte. Die Weisheit des Senates von Venedig hatte den jüdischen Stndir.'uden das Kollegium zu Padua eröffnet, während die Universitäten im übrigen Europa, das freie Holland aus-