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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-25 · Heft 43 (25.10.1895) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 510 (sequence 8)
Language
German
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510 großen Einfluß auf das öffentliche Leben ausgeübt hat. Es gab zu jeder Zeit hartgesottene Sünder, böse Mensche», trotzige Naturen und ungefügige Elemente, welche den Anordnungen der Gemeinde nicht ohne Weiteres Folge leisten wollten; man mußte gegen jene gesellschastfeindlichen Elemente zn energischen Maßregeln greifen. Bei solchen Anlässe» entstanden oft böse Konflikte, die für die Gesammtheit mitunter sehr vcrhängnißvoll wurden. In der Regel unterlag das Individuum, das sich nicht gegen die Allmacht der Gemeinde behaupten konnte; aber oft geschah auch das Gegentheil. Solche trotzige Naturen verschanzte» sich daun, wie bereits oben angedeutet, hinter der christlichen Kirche, welche derartige Eleniente willig in ihre» Schooß anfuahm; es entstanden feindselige Renegaten, von Rache schnaubende Judenfeinde, welche an der ganzen Judenheit das ihnen vernieintlich widerfahrene Unrecht rächen wollte». Und weil nur die Gemeinde mit ungeheuren Opfern an Geld und persönlichem Einfluß die drohende Gefahr beseitigen konnte, so entstand im Bewußtsein eines jeden jüdischen Gemeiiidekindes das Gefühl, sich der Gemeinde nnterordnen und deren Befehlen Gehorsam leisten zu muffen. Aber auch die öffentliche Meinung übte einen erziehlichen Einfluß auf die Bewohner des Ghettos aus. Da es einmal in der Natur des Menschen liegt, nach der Anerkennung und der guten Meinung seiner Mitbürger zu streben, so war auch für den Juden die Meinung der „Gasse" nicht gleichgiltig. Die Welt des Juden bestand im Ghetto; dort kouzeutrirte sich sein inneres Empfindungslebe». Wenn er sich in seinen Geschäften in die Stadt oder auf die Landstraße begab, so widerfuhr ihm oft sehr viel Schmach und Unglimpf, gegen welches er aber nur wenig Empfindlichkeit zeigte; dem brutale», rohen Uebermuth setzte er die Resignation der Berachtung entgegen. Anders aber in der Gemeinde, da wollte er etwas gelte», seinem Ehrgeiz Befriedigung verschaffen, nach Außen hin glänzen, Ehrenstellen ergattern, Einfluß besitze»; kurz, er wollte zu den privilegirten Klassen gezählt sein. Das konnte man in dem Ghetto in erster Reihe nur durch Gelehrsamkeit erreichen, dann aber durch Reichthum, von dem mau im Interesse des Judenthums und der Humanität ausgiebigen Gebrauch machte; vor Allem aber gehörte dazu ein guter Ruf. Um diesen zu erhalte», mußte der Jude Alles vermeiden, was ihn in den Augen seiner Mitbürger herabsetzen würde. Ohne demnach ibütig einzugreifen, wirkte die „jüdische Solidarität" durch die ungeschriebenen Gesetze der guten Sitte und der öffentlichen Moral. Und ich gestehe, daß man sich unter dem Schutz jener ungeschriebenen Gesetze sicherer und wohler fühlen konnte, als »nter dem der kodifizirten Gesetze, durch deren weite Masche» so mancher Betrüger und Spitzbube bequem herausschlüpft. Es ist damit wie mit dem Ehrenkodex militärischer und adeliger Korporationen, denen es nicht genügt, mit dem Gesetz nicht in Konflikt zu kommen, sondern vielmehr ein weitgehendes Ehrgefühl voraussetzcn. Ein schöner Spruch des Talmuds galt Bielen als Devise für das Leben: „Halt dich fern von dem Schlechten und von Mein, was den Schein des Schlechten trägt." Das Gefühl der „jüdischen Solidarität" bestand eben dariii, daß der Jude nur innerhalb des Ghettos zu voller Geltung komuien konnte und in Folge dessen sein Ehrgeiz dahin gerichtet sein mußte, sich um die Judenheit verdient zu machen, um da Ehre und Anerkennuug zn finden. Es gab auch damals Juden, welche durch Reichthum und geschäftliche Verbindung zu den „Großen der Erde" in Beziehung traten und da viel Einfluß besaßen; aber wo sollten sie wegen der genossenen Ehre bewundert werden, wenn nicht im Ghetto? Damals hatte der Jude noch das richtige Gefühl, daß er trotz oberflächlicher Liebenswürdigkeit von Seiten der exklusiven Kreise dort doch nur mit scheelen Augen angesehen wird. Er war daher wenig stolz darauf, daß ihm irgend ein abgewirthschasteter Kavalier freundlich auf die Schulter klopfte, vielmehr fühlte er sich geschmeichelt, wenn er innerhalb der Gemeinde Ansehen genoß. Dies konnte nur durch Wohlthätigkeit, Freigebigkeit und Unterstützung huniauer und religiöser Institute, wie durch einen makellosen Lebenswandel erreicht werden. Ein zweiter Grund für die Macht der „jüdischen Solidarität" lag in dem Zusammenwohnen im Ghetto. Man darf den Menschen weder für einen Ausbund von Güte, noch für durchaus boshaft halten. Auch da ist die „goldene Mitte" das Richtige. Und der Jude ist ebenfalls Mensch mit allen Fehlern und Borzügen dieser Spezies. Im Ghetto konnte der reiche Jude jeden Tag die Lebensweise seines armen Glaubensgenossen beobachten, und das Mitleidsgefühl wurde intensiver in Thätigkeit gesetzt. Andererseits waren die Wohnungen der Juden so dicht an einander gedrängt, daß es für sie kaum ein Privatleben gab, sondern sich fast Alles sozusagen auf der „Gaffe" abspielte. Man wußte Alles und besprach Alles, im Guten wie im Bösen. Und da man einer solchen nie ermüdenden öffentlichen Sitteukontrole ausgesetzt war, so richtete man seine Lebensweise nach Möglichkeit so ein, daß kein Anlaß zu Tadel wäre. Es ist dies die roinantische und liebenswürdige Seite des Ghettolebens, wie es von poetischen Federn so anziehend und oft auch ergreifend geschildert worden ist. Mit dem Aufhören des jüdischen autononicn Gemeindeweseus, das in dein modernen Staatsleben auch eine Unmöglichkeit wäre, hört auch die „jüdische Solidarität" vollständig auf, wenn sie auch für kurze Zeit während der ersten Generation noch nachgewirkt hat. Das jüdische Gemeindewescn besteht gegenwärtig nur in der Befriedigung des religiösen Bedücfnissesund in der Erhaltung der Humanitären Institute, welche durch die religiösen Ansprüche der Juden nothwendig separirt sein müffen. Sonst giebt es kein öffentliches Leben unter den Jude» als solchen, und wo das politische Leben beginnt, hört das jüdische Leben auf. Der Gemeinde-Vorstand kann nicht mehr Einfluß auf die Lebensweise der Juden nehmen, und die öffentliche Moral, ganz gleich ob sie eine richtige ist oder nicht, ist eine allgemeine, aber keine spezifisch jüdische. Die Thätigkeit der jüdischen Korporation besteht nur lediglich in der Verwaltung der Gemeinde-Institute, ohne aber auf das geistige Leben der Judenheit Einfluß zu besitzen. In dem Angeublick, in dem der heutige Jude die Synagoge verläßt, hört er auf, mit der Gemeinde in Kontakt zu stehen, und ist es ihm überlaffen, wie iveit er religiöse und moralische Anschauungen der väterlichen Religion respektiren und beachten will. Mag man diesen Umstand beklagen oder gleichgiltig beobachten, man muß ihn jedenfalls gelten lassen. Mögen sie nun kommen, all' die „guten Freunde", welche von uns verlangen, wir selbst müßten gegen „unsaubere Elemente" der Judenheit Front machen mögen sie nun kommen und uns belehre», wie dies geschehen könnte. Sie sehen es ja im sozialen Leben, wie schwer es geht, durch moralische Mittel einzuwirken, selbst da, wo die Staatsgewalt wohlwollend oder gar helfend zur Seite steht. Sind sie im Stande, all' die edlen Menschenverbesserer, welche in lobenswerther Absicht die Prostitution, den Alkoholismns »nd die Zuchtlosigkeit vieler Volksschichten bekämpfen wollen, sind sie im Stande etwas Ersprießliches zu leisten? Und wie soll es die jüdische Gemeinschaft heutzutage' wo die Angehörigkeit zu der Gemeinde nur als eine fakultative bezeichnet werden kann und die jüdische Genieinde auf das Wohlwollen der einzelnen Mitglieder ganz und gar angewiesen ist? Ich für meine Person betrachte es stets als ein ivahres Wunder, daß in unserin materiellen Zeitalter die Genieinden noch überhaupt existiren.

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