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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-25 · Heft 43 (25.10.1895) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 506 (sequence 4)
Language
German
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506 hätten sich eitle Gemeinden der Provinz freiwillig zn unterlverfen. Die Ausführung dieses Vorschlages böte nach keiner Richtung hsii Schwierigkeiten; sie wäre auch nicht mit irgend welchen Kosten verknüpft und sie würde nach unserer Ueberzeugung, wenn man erst einmal diesem Vorschläge näher getreten ist, nirgends auf Widerspruch stoßen. Es muß doch endlich einmal eine Autorität geschaffen werden, an welche sich namentlich die kleineren Gemeinden in strittigen Fällen wenden können. Wir meinen, daß nur das Fehlen einer solchen Instanz die Veranlassung hat dazn bieten können, daß man sich in einer Zeit, wo man nirgends weiß, woher der Wind bläst, an fremde Instanzen gewendet hat, um innere jüdische Angelegenheiten zum Anstrag zn bringen. Wir wollen die alte Streitfrage, ob die Einrichtung jüdischer Konsistorien für uns wünschenswerth sei oder nicht, heute und an dieser Stelle nicht nochmals aufwärmen. aber unsere Schiedsgerichte hätten mit Konsistorial-Einrichtungen nicht das Geringste gemeinsam, wohl aber würden sie dazu beitragen, die Streitigkeiten zu vermindern, in Fällen, wo solche gleichwohl entstehen, Frieden zu stiften und vor Allem das zn vermeiden, was unsere Alten immer so sehr gefürchtet, und was wir heute noch mehr wie sie zu vermeiden allen triftigen Grund haben, nämlich den Chillul Haschem! Wir legen deshalb unseren Vorschlag allen denen warm ans Herz, die bereit und berufen sind, auch auf diesem Gebiete endlich einmal Wandel zn schaffen. Nie Woche. $ Berlin, 22. Oktober. ie antisemitische deutsch-soziale Reformpartei trat am 20. d. M. in Erfurt zn ihrem ersten Parteitage zusammen, um ihr Programm zu berathen. Der zweite Absatz ihrer „Grundsätze" wurde »ach der bereits von »ns mitgetheilten Fassung angenommen. Aber als 8 4 wurde folgender Beschluß augenomnien. „Wahrung des christlichen, nationalen und praktischen Gesichtspunktes in der Jugenderziehung, Schulaufsicht, Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lehrmittel für die Volksschulen, Ausscheidung des jüdischen Elements aus christlich-deutschen Schulen." Durch den Vorsitzenden Liebermann von Sonuenberg wurde ausdrücklich fesigestellt, daß sich diese Ausscheidung auf Lehrer, Schiller und Schulbehörden beziehen soll. Zn ß 19 (Judensrag»! gab es eine interessante Debatte. Dr. Müller (Bremen) verlangte die Feststellung des Begriffs Jude und empfahl die Einführung einer Stammrolle der Juden. — Rechtsanwalt Schnaub (Leipzig) verlangt die Aufnahme des Bekenntnisses in die amtlichen Statistiken und die Feststellung des Begriffs Jude dahin: „Als Juden sind Diejenigen zu betrachten, bei denen bis in die zweite Generation zurück auch nur eine Person jüdischen Blutes nachzuweisen ist." Zur Begründung dieses Antrages wies er darauf hin, daß die jüdische Abstammung gefliffentlich verschleiert wird, und daß iinmermehr „die Unsitte einreißt", daß die höheren Klaffen sich mit Jüdinnen verheirnthen, unl ihre Finanzen aufzubessern. Delegirter Schmitz- Berlin trat warm für den Antrag Schnauß ein, er verlangte, daß der Parteitag eine scharfe Grenze darüber ziehe, „wo der Jude aufhöre und anfange," und warnte dringend davor, die Angelegenheit bis zum nächsten Parteitage zu verschieben. Mögen sich diesen Antrag alle diejenigen merke», die für die künftige Generation durch Taufe der Kinder Vorsorgen. Bis in die zweite Generation blieben sie also für den Judenhaß noch Juden. Und für das Wohl einer dritten Generation, die möglicherweise gar nicht existircn wird, hat doch noch kein Mensch auf Erden gesorgt! Die Angelegenheit soll auf dem nächsten Parteitage entschieden werden. 8 19 erhielt folgende Faffung: „Aufhebung der Gleichberechtigung und Stellung der in Deutschland lebenden Juden unter ein besonderes Fremdenrecht, namentlich Ausschluß der Juden vom Beamten- und Soldatenstande, vom Aerzte- und Rechtsanwaltberuf, von kommunalen Körperschaften und Volksvertretungen; Aufstellung und dauernde Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Juden unter Anwendung des Raffenstandpunktes und Berücksichtigung der Verheirathungen mit Jüdinnen. Schächtverbot, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Religionsvorschriften bezüglich ihres Inhalts und ihrer Verbindlichkeit." Mehr nicht! Wozu wir das Alles bringen? Zur Information für unsere Glaubensgenossen. Im Uebrigen bleiben wir bei dem alten Prophetenvers: „Schmiedet eure Pläne — sie werden zu Schanden werden, faffet eure Beschlüsse — sie werden nicht zu Stande komme»; denn mit uns ist Gott, der Herr!" (Jes. 8, 10.) Bei den badischen und sächsischen Landtagswahlen ist der Antisemitismus vollständig dnrchgefalle». In dem judenreinen Sachsen sind seine sämmtlicheii Kandidaten (11) unterlegen. Daß die „deutsch-soziale Reformpartei", welche mehrere ihrer aufgestellten Kandidaten unbedingt dnrchzubringen gehofft und zur Erreichung dieses Zieles »ngehenre Anstrengungen gemacht hat, auch nicht einen einzigen Kandidaten durchbrachte, liegt nach Ansicht der Dresdener Blätter nicht in dem Programm der deutsch-sozialen Reformpartei. Es liege dies vielmehr einzig und allein an der vollständigen Abwirthschaftung gewisser sächsischer Führer. & Das ungarische Magnatenhaus hat am 21. ds. die Bestimmung des Paragraphen 22 der Vorlage, die den Ueberlritt zum Judenthum gestattet, mit 120 gegen 113 Stimmen angenommen. Bei der weiteren Besprechung des Gesetzentwurfs über die freie Religionsübung erklärte der Kultusminister gegenüberFerdinand Zichy, der die Streichung des Paragraphen verlangte, die Regierung halte entschieden an diese»! Paragraphen fest, damit die Parität der israelitischen Religion mit deutlichen Worten in der Vorlage enthalten sei. Der gestrige Tag >var insofern denkwürdig für Ungarn, als auch die letzte kirchenpolitische Borlage über die Religionsfreiheit nebst dem Abschnitt, der den Uebertritt zuin Judenthuia gestattet, beschloffen wurde. Damit ist iveuigstens für die Gesetzgebung der Kampf abgeschlossen, und zwar in der Weise, daß nicht ein einziger wesentlicher Grundsatz aus der Gesammtheit der Vorlagen geopfert wurde. In seinem Regierungs - Prograunn hat Graf Baden« den Charakter der Negierung als kaiserliche hervorgehoben, welche allen Parteien fernstehe und ihnen ohne Voreingenommenheit gegenübertrete. Die Regierung wende sich an alle Parteien, die auf dem Boden der Staatsgrundgesetze stehen. Diese sichert allen Staatsbürgern, ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession, gleiche Bürgerrechte zu. Die Regierung fühle sich daher verpflichtet, alle Bürger vor Uebergriffen und Ausschreitungen der Leidenschaften zu schützen. Die Montagsblätter melden, die Regierung werde die voraussichtliche Wahl Dr. Luegers zum Bürgermeister von Wien nicht bestätigen. Die Minister Graf Goluchowski, Graf Baden! und Dr. Bilinski hätten während ihres Budapester Aufenthaltes die Ueberzeugung gewonnen, daß die Bestätigung Luegers als Mißachtung des berechtigten ungarischen Selbstgefühls in ganz Ungarn anfgefaßt werden und dadurch eine Trübung des Verhältniffes zwischen der österreichischen und der ungarischen Regierung eintreten würde. *

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