Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-18 · Heft 42 (18.10.1895) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228137--52257-3273042
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

4 sofort, bei Adler eine Erpressung zu versuchen, und sie forderten thatsächlich als Preis der Geheimhaltung eine größere Summe Geldes. Adler ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern erstattete die Anzeige. Die Müllerburschen sind geständig. Die strafgerichtliche Untersuchung wurde auch auf die „Blutmärchenfabrikanten" ausgedehnt. — Eine Abordnung der jüdischen Gemeinde in Lippa sprach beim Bischof Dessewffy vor, der anknüpfend an die Begrüßungsansprache des Rabbiners erklärte.- „Es könne bei Niemand von Religiosität die Rede sein, insolange man seinen Nebenmenschen nicht als Bruder behandelt. Es freut mich, daß meine Gläubigen und Sie als Brüder auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit und der Kultur in diesem Orte Zusammenwirken." Amerika. OO New-Aort, im September. Die hiesige „Staats-Zeitung" berichtet: Die Vereinigung jüdisch-orthodoxer Gemeinden, welche seiner Zeit den Rabbiner Jacob Joseph herüber kommen ließ und den guten Mann als Oberrabbiner New-Aorks in alle Welt hinausposaunte, hat sich in Frieden aufgelöst. Dem Rabbiner wird kein Gehalt mehr bezahlt und eine jede Gemeinde treibt es für sich, so gutes geht Es handelte sich damals darum, eine Autorität zu berufen, einen Mann, welcher die Aufsicht über die Schächter und die Metzger führen sollte, damit das Fleisch, welches den Leuten verkauft wurde, auch strikte koscher sei, Eigentlich war es eine Anzahl Metzger, die den ganzen Plan ausheckten und ausführten. Die Religion war nur der Deckmantel, die Hauptsache war der Profit, welcher dadurch herauskam, daß das Syndikat, welches den Rabbiner kontrolirte, auch den Fleischverkauf kontrolirte, da die Fleischer blos von solchen Großschlächtern kaufen konnten, welche die Approbation des Oberrabbiners und dessen Zeugniß hatten, daß die angestellten rituellen Schächter geprüft worden und autorisirt sind, nach traditioneller Vorschrift zu schlachten. Es war nicht lange nach Antritt seiner Funktion, daß Rabbi Jacob Joseph aussand, daß er das Werkzeug einer gewissen Clique war, aber es war zu spät. Nun wurden die sogenannten Plombes eingeführt, das heißt aus Blei hergestellte Abzeichen mit der Autorisation des Oberrabbiners, welche einem jeden Ochsenviertel und jedem geschlachteten Stück Klein- und Federvieh angehängt werden mußten. Da ging nun die Revolution los. Die nicht gut befundenen Schächter und die nicht dem Ring angehörenden Metzger stießen in das große Horn und weigerten sich, in einem freien Lande sich eiuer Autorität unterzuordnen; ein neuer Verband wurde gegründet, und der Tanz unter den konkurrirenden Fleischern ging von Neuem und mit größerer Heftigkeit los. Der Ober-Rabbiner wurde indessen krank, und nun, da er von den G emeinden abgedankt ist, haben ihn eine Anzahl Großschlächter engagirt und zahlen ihm einen Gehalt von 2000 Dollars, um die Aufsicht über die von ihnen angestellten Schächter zu führen und dem von ihnen verkauften Fleische das Siegel der wahren Koscherheit aufzudrücken. Indessen ist eine neue Vereinigung von orthodoxen Gemeinden im Werke, wovon Herr Sarasohn, der Herausgeber der „Jüdischen Gazette", Präsident sein soll, und soll Rabbi Maslianski, ein junger Prediger, die Rabbinerstelle erhalten. — Das jüdisch-theologische Seminar in hiesiger Stadt hat seine Arbeiten wieder ausgenommen und hat damit begonnen, die Schüler in die verschiedenen Klassen einzureihen. Zwei junge Leute wurden von der Fakultät, bestehend aus den Herren Dr. Morais, Dr Maisner, Dr. Drachman und S. I. Roeder, einer eingehenden Prüfung über Talmudische Fachkenntnisse unterworfen, um ihnen, je nach dem Ergebnisse, das Maturitätszeugniß als Rabbiner auszustellen. Die Kandidaten David Wittenberg und Henry Speaker erwiesen sich als scharfsinnig und bewandert, und somit wird das Seminar im Stande sein, zwei Rabbinatskandidaten aus seiner Anstalt hervorgehen zu sehen. Havanna, 19. September. Einer unserer Landsleute, Herr Ludwig Marx, ist augenblicklich hier der Held des Tages und in aller Munde. Er hat nämlich bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Havanna die Summe von 5000 Mark hinterlegt, mit der Bestimmung, daß je 1000 Mark an die zuletzt eingetroffenen fünf Bataillone spanischer Truppen derart vertheilt werden, daß 1000 Mark am Schluffe des Krieges der Soldat erhalte, welcher von seinem Vorgesetzten als der bravste und tapferste bezeichnet wird. Der Geber stellt frei, daß die Summe auch an mehrere vertheilt werden kann. Natürlich wurde die Nachricht in den Zeitungen schnell verbreitet, und bald stand Havanna unter dem Zeichen der Freundschaft mit einer Nation, die „so edelmüthige Männer" aufzuweisen hat, und als gestern Vormittag das letzte Bataillon der angekommenen Truppen über den Platz vor dem Palast marschirte, ertönten freudig aufgenommene Hochrufe auf Deutschland. Von Nah und Fern. Der Dozent an der königlich technischen Hochschule, Dr. Moritz Meyer, ist zum Professor ernannt worden. — Das antisemitische Witzblatt „Deutscher Michel" ist wegen des darin enthaltenen Aufsatzes „Ein Monarchendiner bei Cohn und Rosenberg" beschlagnahmt worden. — Die „Germania" schreibt: „Sollte es nicht etwa der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" sein, der „per las et nefas“ die Hammerstein-Briefe an sich gebracht hat, um einige davon an die sozialdemokratische Firma Singer-Bamberger und Kompagnie abzusetzen, damit der Vorwärts als „Hahnemann" vorangehe, während andere Briefe in den Kreisen „zur gelegentlichen Verwendung" bereit gehalten werden, welche als Aussaat auf einem zuoor beackerten Boden dienen sollen." Darauf erklärt der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus": „Die Vermuthung des Centrumsblattes ist absolut unbegründet. Unser Verein hat mit den Hammersteinbriefen weder direkt noch indirekt etwas zu thun." — Ter antisemitische Kaufmann Karl Paasch wurde bekanntlich in Berlin am 17. Mai 1693 wegen Beleidigung des früheren Justizministers Schelling, des Direktors der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amtes Dr. Kayser, des Wirklichen Geheimen Legationsraths von Eichhorn und des auswärtigen Amtes zu 15 Monaten Gefängniß verurtheilt. Die von ihm gegen dieses Erkenntniß eingelegte Revision wurde vom Reichsgericht verworfen. — Gleichzeitig ist der antisemitische Wucherer Sedlatzek, der sich, wie gemeldet, nach der Schweiz geflüchtet hat, dem Antrag der Breslauer Staatsanwaltschaft entsprechend, auf Beschluß des Bundesgerichts in Zürich verhaftet, von dort nach Breslau transportirt und in das Untersuchungsgefängniß eingeliefert worden. Gegenwärtig finden die Vernehmungen der bewucherten Schüler statt. Es sind der Staatsanwaltschaft bisher nicht weniger als 400 solcher Wucherfälle bekannt geworden. — Große Sensation erregt in Breslau das Bekanntwerden eines Kindesmordes wegen der in die Untersuchung verwickelten Personen. Die Tochter eines als enragirter Antisemit bekannten Direltors hat ihr außerehelich geborenes Kind zerstückelt. Die Untersuchung ist auch gegen die Eltern der Mörderin eingeleilet. — Der erste Kantor der Synagogen-Gemeiude Düsseldorf, Hermann Zivi, hat gegen den verantwortlichen Redakteur der in Düsseldorf erscheinenden antisemitischen „Deutsch -nationalen Zeitung" Anklage erhoben, die am 4. vor dem Schöffengericht daselbst zur Aburtheilung kam. Da der Beklagte auch nicht eine Spur von thatsächlichem Untergrund für seine Beschimpfungen beibrachte, so wurde er zu der hohen Strafe von 400 M., zur Tragung sämmtlicher Kosten, sowie zur Publikation des Rechtspruches in der Deutsch -nationalen Zeitung verurtheilt. — Der Eisenbahninspektor PH. Rindskopf in Budapest wurde durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Josefs-Ordens ausgezeichnet. — Die Brüder Adolf und Anthony Wallach in New-Iork spendeten ihrerHeimathsgemeinde in Galgocz 10,000 Kronen zum Bau einer Synagoge und einer Schule. — Nach der neuesten Volkszählung hat Dänemark rund 2'/2 Millionen Einwohner. Die Zahl der Katholiken ist in stetem Wachtsthum begriffen (von 800 im Jahre 1860 auf 6000 jetzt), beträgt jedoch noch immer blos 1,69 pro Mille der Bevölkerung; die der Israeliten ist dagegen in Abnahme (im Jahre 1860 2,63 pro Mille, jetzt nur 1,88 pro Mille). — In Paris ist der Direktor der Tempelmusik, Samuel David, ein um das synagogale Leben in Frankreich vielverdienter Mann, nach kurzem Leiden gestorben. — Die Barone Rothschild haben für die verwundeten französischen Krieger, die aus Madagaskar heimkehren, 100,000 Frcs. und für das Fest zu Gunsten dieser Krieger l 0,000 Frcs gespendet. - Leon Francfurt, Eskadronschef im 32. französischen Artillerieregiment, ist zum Oberstlieutenant ernannt und zugleich mit den Funktionen eines Unter-Direktors in Toulon betraut worden. Druck und Verlaa von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Baucbwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.