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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-10-18 · Heft 42 (18.10.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 42 (18.10.1895)
Date
1895-10-18
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 schreiten und seine Kraft auch fernerhin den Bestrebungen der freisinnigen Judenheit widmen möge. Auch wurde mit allen gegen eine Stimme der Beschluß gefaßt, den zweiten Theil des Gebetbuches möglichst bald erscheinen zu lassen. Ferner beauftragte die Versammlung den Ausschuß mit der Herausgabe einer billigen Schulausgabe des Buches, um seine Einführung in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung, insbesondere aber bei der jüdischen Jugend zu ermöglichen. Auch dieser Beschluß wurde mit allen gegen eine Stimme gefaßt. — Aus den übrigen Verhandlungen ist noch besonders hervorzuheben die Berathung über den Statuten-Entwurf für die neu zu gründende Pensionskasse der Beamten der Berbandsgemeinden. Der Entwurf wurde schließlich der vorgerückten Zeit wegen einer Kommission von 12 Mitgliedern überwiesen, welche einem demnächst einzuberufenden Gemeindetag die Ergebnisse ihrer Berathung zur Beschlußfassung vorlegen soll. An die Verhandlungen, welche um 4^ Uhr des Nachmittags geschlossen wurden, reihte sich ein Festmahl, an welchem sich 156 Personen betheiligten. Den Toast auf den Kaiser brachte in zündenden Worten Herr Moritz Levi-Bochum aus. Aus der Reihe der übrigen Toaste ist insbesondere noch der des als Gast anwesenden Herrn Rabbiners Dr. Samuel aus Essen hervorzuheben. Der Redner wies unter stürmischem Beifall der Versammlung darauf hin, daß das Judenthum eine Religion und kein Gesetz sei, und daß daher nur dem freisinnigen Judenthum die Zukunft gehören könne. Dem westfälischen Gemeindeverband gebühre das Verdienst, die Ideen des freisinnigen Judenthums zuerst in einem größeren Kreise energisch und erfolgreich vertreten zu haben. Er, Redner, könne die Versicherung geben, daß man der Bewegung, wie sie innerhalb der westfälischen Judenheit in Erscheinung trete, auch außerhalb Westfalens nicht allein Beachtung schenke, sondern auch Anerkennung zolle. Der Verband habe eine große Zukunft vor sich, und dieser Zukunft gelte sein Hoch. So war der fünfte ordentliche Gemeindetag durch seinen glänzenden Verlauf der schärfste Protest gegen das Treiben der jüdischen Orthodoxie. Er legte aufs Neue Zeugniß ab für das zielbewußte Streben der freisinnigen Juden nach Läuterung und Veredelung der religiösen Form. Der Bochumer Synagogenchor trug am Schlüsse des Essens und unmittelbar nach demselben vierstimmige hebräische und deutsche Gesänge vor. Dieses Synagogenchorkonzert verdient die wärmste Anerkennung, denn es hat gezeigt, was mittlere Gemeinden zu leisten vermögen, wenn der gute Wille da ist. Außerdem wurde noch ein Festspiel aufgeführt. Die Bochumer Gemeindeverwaltung und die Mitglieder der jüdischen Gemeinde gaben sich in der That außerordentlich große Mühe, das Fest zu einem gelungenen zu gestalten, und verdienen dafür herzlichen Dank. Der nächste Gemeindetag findet in Hagen i. W. statt, und zwar auf Grund einer persönlichen Einladung seitens des Ausschußmitgliedes N. Levy- Hagen i. W., der zugleich Vorstandsmitglied der Hagener Gemeinde ist. o. Wiesbaden, 12. Oktober. Das vor Kurzem gefeierte 25jährige Jubiläum des Herrn Stadtverordneten Simon Heß als Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde gestaltete sich zu einer großartigen Ovation für den Gefeierten. In dem am Samstag Vormittag abgehaltenen erhebenden Festgottesdienst in der Synagoge hielt Herr Stadt- und Bezirksrabbiner Dr. Silberstein die Weiherede, in der er, anknüpfend an die Geschichte der Juden in unserer engeren Heimath, darauf hinwies, wie es gerade in einer so großen jüdischen Gemeinde, wie der hiesigen, schwer sei, ein Führeramt durch 25 Jahre zu behaupten, und wie der Gefeierte es verstanden habe, mit seiner selbstverleugnenden Geduld stets alle Gegensätze herabzumildern und Frieden in der Gemeinde herrschen zu lassen. Der Gottesdienst, dem auch viele andersgläubige Freunde des Jubilars beiwohnten, wurde in seiner erhebenden Wirkung gesteigert durch die Chöre des Synagogen-Gesangvereins. — Der Feier schloß sich die weltliche Ehrung des Jubilars an, in dessen Wohnung Vormittags das Vorstandskollegium der Gemeinde in corpore, sowie Deputationen derjenigen Vereine, denen der Jubilar (meist als Vorstandsmitglied) angehört, erschienen, um ihre Glückwünsche darzubringen. Der Kultusvorstand überreichte dabei ein von Herrn Maler Kogler in bekannter Künstlerschaft ausgeführtes Diplom. Den offiziellen Gratulanten folgte eine große Zahl von Freunden und Bekannten des Herrn Heß. Seinen Höhepunkt fand das Fest in dem gestern Abend im großen Saale der Kastnogesellschaft abgehaltenen Festmahle, zu dem sich die Mitglieder der Gemeinde in stattlicher Anzahl eingefunden hatten. Den bunten Reigen der Toaste eröffnete Herr Rechtsanwalt Dr Seligsohn mit dem Hoch auf Seine Majestät den Kaiser, worauf Herr Rabbiner Dr. Silberslein die mit Humor durchwürzte Festrede auf den Jubilar hielt. Aus der großen Zahl der gebotenen Genüsse des Abends, die einzeln aufznzählen uns der Raum mangelt, seien besonders erwähnt die unter der Direktion des Herrn Karl Koch mit Präzision und Schwung vorgetragenen Männerchöre des Synagogen-Gesang-Vereins, die von Herrn Nußbaum, dem neuen Kantor der Gemeinde, dargebotenen Liedervorträge und, last not least, die Tafelmusik des Herrn Musikdirektors F. W. Münch. Erst spät nach Mitternacht trennten sich die Theilnehmer des Festes, das gleich ehrend war für die Gemeinde wie für den gefeierten Jubilar. Oesterreich -Ungarn. □ Wien, 14. Oktober. Es hat sich jetzt in der hiesigen Gemeinde, namentlich in den bessern Kreisen, eine Bewegung Bahn gebrochen, sich vorläufig von allen Festlichkeiten (bei denen jederzeit stark auf das jüdische Geld spekulirt wird), als: Bälle, Konzerte u. s. w., sernzuhalten, — eine solche tiefgehende Verstimmung haben die antisemitischen Wahlergebnisse zur Folge. — Wie der neue Ministerpräsident Graf Badeni über den verderblichen Rassenhaß denkt, beweist seine Antwort auf die Ansprache der Delegirten der israelitischen Kultusgemeinden des Landes beim Empfange. Der Ministerpräsident hob hervor, daß während seiner Amtirung als Statthalter das Verhalten der Juden in Galizien redlich dazu beigetragen hat, damit jene häßliche Erscheinung, welche in andern Ländern unseres Staates die Luft verpestet und vergiftet und soviel Arges angerichtet hat, hier nicht entstehe. Der Ministerpräsident drückte die Erwartung aus, daß auch sein Nachfolger auf dem Statthalterposten bestrebt sein werde, daß der verabscheuungswürdige Antisemitismus nicht auskomme. Diese in herzlichem Tone gesprochenen Worte werden als Stellungnahme gegenüber dem Antisemitismus und daher als bedeutungsvolle Emanation aufgefaßt. Weiters erklärte Graf Badeni gegenüber den israelitischen Kultus - räthen von Lemberg, Krakau und Tarnow, welche gleichfalls bei der Abschiedsaudienz erschienen waren, er halte es für angezeigt, daß sich die Bürger verschiedener Konfessionen in gemeinschaftlichem Wirken zum Wohle des Landes vereinigen. — In Reichenberg wurde das Gesuch des israelitischen Stadtverordneten Heinrich Langstein um Aufnahme in den Gemeindeverband abgewiesen. Dieser Vorgang ist selbst in dieser Körperschaft, welche bekanntlich eine deutschnational-antisemitische Majorität besitzt, ein Novum. Bisher waren Stadtverordnete stets debattelos in den Gemeindeverband ausgenommen worden. Die Liberalen hatten selbstverständlich für die Aufnahme gestimmt. — Der Kaiser hat dem Mitgliede der Handels- und Gewerbekammer in Budweis Leopold Pollak den Titel eines kaiserlichen Rathes mit Nachsicht der Taxe verliehen. — Bei den Landtagswahlen in Galizien sind — dank der Uneinigkeit der dortigen Juden — nur vier jüdische Kandidaten gewählt worden: Dr. Goldmann in Lemberg, Dr. Fruchtmann in Stryj, Dr. A. von Rappaport in Krakau und Dr. N. Löwenstein in Brody. Wären die Wähler in Rzoszow und andern Orten einig gewesen, so hätte mindestens die doppelte Zahl von jüdischen Abgeordneten unsere gefährdeten Rechte im galizischen Landtag wahren und vertheidigen können. — Bei der Anwesenheit des Kaisers in Agram sagte derselbe dem Sprecher der israelitischen Kultusgemeinde in sehr huldvoller Weise, er höre gern, daß sich die Israeliten als treue Söhne dieses Landes fühlen! 6. Budapest, 12. Oktober. Wie wir bereits gemeldet haben, hat ein Hetzkaplänchen in Wort und Schrift das Gerücht ausgesprengt, daß ein Jude in Garam Kis Sallo ein christliches Mädchen zu rituellen Zwecken ermordet habe. Der Vorfall erregte Aufsehen, denn es kamen aus demselben Orte auch nicht tendenziös gefärbte Berichte, laut welcher die Leiche eines Kindes furchtbar verstümmelt, von Hunden zerfleischt aufgefunden wurde. Zur Untersuchung wurde der Oberdetektiv Szombatfaloy entsendet. Das Resultat derselben war für die phantasiereichen Freunde des „Blutmärchens" ein niederschmetterndes. Das Mädchen siel nämlich in einen Bach, wo es den Tod fand, und nachdem es mehrere Tage im Wasser gelegen, wurde es von der Strömung zwischen die Räder einer Wassermühle getrieben. Hier ans Ufer geschleudert, wurde der Leichnam von Hunden zerfleischt und nach dem Dickicht gezerrt. Hier wurde die Leiche von zwei Müllerburschen entdeckt, die aber schon von dem Hetzkaplänchen gehört haben, daß man Adler des rituellen Mordes bezichtige. Die Burschen beschlossen

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